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Martin Morlock VERSCHIEBUNG

aus DER SPIEGEL 4/1966

In wenigen Wochen soll, via Australien, die »Europarakete« sich ins All erheben. Ihre erste Stufe, von den Briten gefertigt, trägt den Namen »Blue Streak«; die zweite, französische, hört auf »Coralie«; die dritte, deutsches Erzeugnis, startet namenlos. Ginge es auf dieser Welt gerecht zu, müßte sie »Eveline« heißen.

Eine Eveline Gottzein nämlich, Diplom-Mathematikerin und Leiterin des größten und modernsten »Hybrid-Simulationszentrums« Europas, hat am Gedeih dieses dritten Raketenteils, der nicht abgestoßen wird, sondern als »Passagier« auf die Reise geht, maßgeblich Anteil. Sie vollführte mit Hilfe von neun Computern und 23 ihr er- und untergebenen Wissenschaftlern die Gesamtsimulation der gelenkten Phase«, errechnete das »mathematische Modell« der deutschen Stufe und entwarf auf elektronischem Wege sowohl Haupt- und Steuertriebwerke als auch den Flugregler samt Stellgliedern.

Das Fräulein an seinem Arbeitsplatz bei der Bölkow GmbH in Ottobrunn, Kreis München, zu besuchen ist mit Vorkehrungen verknüpft: Ich werde vermöge einer Ansteckbrosche mit meinem Namen und der Nr. 569 als Nicht-Spion kenntlich gemacht und von Herren, die sämtlich ihren Lichtbildausweis am Jackettaufschlag tragen, ans Ziel geleitet.

Eveline Gottzein (sie trägt ihre Identitätskarte am Tweedrock, eine Handbreit oberhalb des Blinddarms) verrät mir akustisch, daß sie in Sachsen geboren wurde, und optisch, daß dieses freudige Ereignis vor absehbarer Zeit geschah. Auch erfahre ich von ihr, was ein Hybridrechner ist: eine Computer-Anlage, bestehend aus einem Digitalrechner, einem Analogrechner und mehreren Umsetzern, die »analoge Spannungen in digitale Zahlen umwandeln und umgekehrt«.

Als ich, auf meine Ignoranz verweisend, um eine etwas faßlichere Erläuterung bitte, begibt sich die Herrin über 32 Gehirne lächelnd unter ihr Niveau; so weit, daß ich mir zu merken Imstande bin: Bei den von ihr verantworteten Vorgängen werden »technisch-physikalische Systeme durch elektronische Modelle abgebildet«.

Gelockert plaudern wir über das Addieren von Inkrementen und die Verwendung hochwertiger rückgekoppelter Gleichspannungsverstärker; zudem lerne ich, daß zur Europarakete, auch Projekt »Eldo« (European Launcher Development

Organization) geheißen, Belgien die Bodenstation und Holland das Übertragungssystem von Sender zu Empfänger beisteuern.

Wäre es, frage ich, nicht bequemer und billiger, die Elektronenrechnung des schon länger raumfahrenden Bundesgenossen Amerika für zuverlässig zu halten?.

Fräulein Gottzein straft mich mit einem Kopfschütteln: »Wir brauchen ein nationales Programm, schon um als Partner akzeptiert zu werden. Außerdem sind die Erfahrungen, die wir dabei machen, auch für die Industrie nützlich.«

Jemand Untergebener schaut zur Tür herein und erkundigt sich ausgeglichenen Gemüts nach dem Verbleib einer Bagatellsumme von 250 000 Mark; was mich zu der Frage inspiriert: »Lohnt es die hohen Kosten?«

»Die betragen nur einen Bruchteil dessen, was der ,Grüne Plan' verschlingt«, kontert Eveline mit sächselnder Anmut.

Wie wird man Chefin eines Rechenzentrums? Indem man als 13jährige Segelflugzeugmodelle bastelt und bereits während des Studiums der Fächer Elektrotechnik, angewandte Mathematik und Regelungstechnik auf dem Gebiet der Verfahrenstechnik tätig ist. Ferner empfiehlt es sich, in den USA zum Bau von Analog-Simulatoren Beihilfe zu leisten und anschließend in England und Belgien sein Wissen um Reaktor-Simulation und Flug-Simulation zu bereichern.

Beim Gespräch über diese, bei jungen Damen nicht eben häufige Weise von Werdegang und Broterwerb kommt unsere Rede auch auf Gemeinplätze wie den, daß des Mannes Domäne- die Logik sei, das Weib hingegen sich eines nicht geringeren Privilegs, genannt Intuition, erfreue.

Die Elektro-Simulantin hält solche Einteilung für atavistisch: Früher, als die Frau noch mit Haushalt und Kinderreichtum vollbeschäftigt gewesen sei, habe sie ihre Fähigkeit zu logischem Denken hintan lassen müssen. Heute jedoch sei sie, falls intelligent genug, im vollautomatischen Heim nicht mehr ausgelastet, sehne sich zunehmend nach »Kontakt zur Außenwelt«, wodurch es zu einer »Verschiebung« komme.

Daß neuerwachter Logik altbewährte Intuition naturgesetzlich sich beigesellt, stimmt Fräulein Eveline zukunftsfroh. Denn, vertraut sie mir an, »alle wirklich großen Erfindungen wurden zuerst intuitiv erahnt, dann logisch erhärtet«.

Eveline Gottzein

Martin Morlock
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