Sibylle Berg

Verschwörungserzählungen Die Echse des Bösen

Sibylle Berg
Eine Kolumne von Sibylle Berg
Der Kampfbegriff "Verschwörungstheorie" umfasst vieles, womit die Bevölkerung beschäftigt gehalten werden kann. Sonst würde sie sich noch fragen, ob das Prinzip Demokratie wirklich umgesetzt wird.
Echsenauge

Echsenauge

Foto: Jim Cumming/ Getty Images

Was ist eigentlich aus den Flüchtenden geworden? In den Lagern, von denen wir in diversen Medien kurz erfuhren, von denen wir durch private Initiativen erfuhren. Was ist eigentlich aus den Ertrinkenden auf dem Mittelmeer geworden? Aus der Katastrophe der unkontrollierten Einwanderung, den Millionen, die in diesen wunderbaren Westen kamen und Populisten ihre sichtbare Kernkompetenz schenkten: Selbstwertgefühl durch Abwertung. Ihre nicht offizielle Agenda ist die Abschaffung der vollständigen Demokratie wie sie in den meisten westlichen Ländern herrscht. Oder eben - herrschte.

Demokratie. Sie wissen schon. Volksherrschaft. Hätte. Könnte, geht aber gerade nicht, das Volk ist beschäftigt. Es hat über zwei Monate in den Wohnungen verbracht, vielleicht beengt, vielleicht mit Kindern. Vielleicht ohne Rechner für die Kinder. Vielleicht mit großen finanziellen Problemen.

Und jene, an denen die Maßnahmen freundlicher vorübergegangen sind, suchen im Nachhinein nach Schuldigen. Ein Virus taugt nicht, es hat kein Gesicht. Also muss etwas Neues kreiert werden, um die Menschen zu unterhalten. Von wem? Egal. Die da oben, sie wissen schon.

Die Echsenmenschen. Es genügt wenig, und schon ist ein neuer Begriff das heiße Ding der Stunde. Wie wäre es mit Verschwörungstheorie? Klingt gut. Klingt interessant genug. Zeug, um die Menschen im Empörungsmodus zu halten. Sie hassen zu lassen. Also sich. Gegenseitig.

Nun wird neben Erzählungen, die erwiesener Quatsch sind (flache Erde, Echsenmenschen, sowas , nur als Mensch), unter dem neuen Kampfbegriff auch vieles geführt, was man früher Diskussion oder unterschiedliche Theorien genannt hätte. Aber wer will sich schon um solche Feinheiten kümmern, wenn man die Menschen so beschäftigt halten kann. Sie müssen sich informieren, ihre Meinungen untermauern, sich in Links und Rechts aufstellen und vor allem das Prinzip Demokratie - was auch die zustimmende Mitwirkung der Bevölkerung beinhaltet - nicht näher auf seine reale Umsetzung hinterfragen. Es läuft doch.

Sie hätten sich ja wehren können, gegen das Gesetz in der Schweiz etwa, nach dem Strafzahlungen von Konzernen allgemeinheitsschädigend auf die Steuer geltend gemacht werden können .

Sie hätten sich wehren können gegen den jetzt etwa in Deutschland drohenden Rauswurf aus ihren Wohnungen und Geschäften, deren Miete sie wegen des Stillstands der Wirtschaft nicht zahlen können .

Sie hätten sich anständige Jobs suchen können, die Amerikanerinnen und Amerikaner, die jetzt arbeitslos sind .

Es stand ihnen doch frei zu erben, oder ein Unternehmen zu gründen, dessen Erfolg auf der Ausbeutung von Leuten wie ihnen beruht. Sie hätten ja einfach ganz demokratisch einer Partei beitreten können, nach ihren drei Jobs, und vielleicht ist es einfach Zeit für eine neue Stufe der demokratischen Bürgerbeteiligung. Zeit dafür, dass Bürgerinnen und Bürger mehr Mitsprache erhalten, Gesetze öfter vor das Volk gelangen, Lobbyarbeit transparenter wird, und obendrauf eine neue Form von vollkommen transparentem Journalismus .

So viel hätte, könnte, sollte und Hoffnung. Dass bald vermehrt politische Bildung gelehrt wird, und sich die Menschen wieder mehr für Politik interessieren, als für Chips in Impfungen und gefakte Mondlandungen.

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