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Musik Verstörte Kaste

Ein Nobody der Klassikbranche stürmt mit einer Sinfonie die britischen Pop-Charts.
aus DER SPIEGEL 10/1993

Ruhe bitte, sonst kann man nichts hören! Zuerst grummeln nur ein paar Kontrabässe pianissimo im Untergrund. Ganz allmählich mischen sich Celli, Bratschen und Geigen dazu. Crescendo. Der Streicherchor schwillt und schwelgt los.

Akkorde verjüngen sich zu smarten Kantilenen, eine Orgel pfeift in die vollen, schließlich legt ein lupenreiner Sopran auch noch wahrhaft atemraubende Melodienbögen vor.

Die balsamierte Partitur hat drei Sätze. Lento. Lento e largo. Lento. Alles ist langsam, und das Ganze ist lang: 52 Minuten, 52 Sekunden. Am Schluß dehnen sich 21 schier endlose Akkorde in A-Dur. Ein Ohrwurm auf der Kriechspur. Nur - wer läßt da was kriechen?

Vielleicht Gustav Mahler wie beim Adagietto aus der fünften Sinfonie? Oder hat der Minimalist Philip Glass einfach eines seiner Kürzel in die Überlänge gezogen? Parodiert gar Karlheinz Stockhausen den Kollegen James Last?

Nein, das eingängige Orchester-Lamento, das seit Wochen in den angelsächsischen Pop-Charts hochklettert und dort mittlerweile sogar Mick Jagger und Paul McCartney überrundet hat, heißt »Symfonia piesni zalosnych« und stammt von Henryk Mikolaj Gorecki. Wie bitte, von wem bitte? Das fragt sich jetzt die internationale Musikbranche.

Daß die todernste E-Musik eines lebenden Neutöners aus Polen in Großbritannien zum Schlager der Saison wird, ist - wie das OEuvre selbst - ein tolles Stück und ohne Vorbild.

Zehn Jahre lang fand Goreckis »Sinfonie der Klagelieder« kaum Anklang - nun avanciert sie plötzlich zur »bemerkenswertesten Kultplatte aller Zeiten« (The Times): Warner Classics liefert von der jüngsten Einspielung des Stücks auf dem Edellabel Nonesuch täglich 8000 Tonträger aus. Der Umsatz liegt schon weit über 200 000 CDs*.

Der ebenso katholische wie patriotische Komponist und Musiklehrer Gorecki (sprich Guretzki), 59, hatte sein Opus 36, die jetzt zum Top-Hit aufgestiegene dritte Sinfonie, 1976 im Auftrag des Südwestfunks Baden-Baden komponiert. Dessen Orchester brachte sie 1977 beim Neue-Musik-Festival im französischen Royan zur Uraufführung.

Die Resonanz war eher mager. Die harmonisch smarte Sing-Sinfonie, in der _(* Henryk Gorecki: »Sinfonie Nr. 3 Opus ) _(36«. Dawn Upshaw, Sopran, London ) _(Sinfonietta. Dirigent: David Zinman. ) _(Elektra Nonesuch 7559-79282-2 (über East ) _(West Records, Hamburg). ) Gorecki Gebetstexte aus dem 15. Jahrhundert und Inschriften aus einer Gestapo-Zelle in Zakopane vertont hat, verstörte die Zwölf- und Schrägtöner-Kaste. Schließlich hatte sich Gorecki - ehemals Boulez-Adept und kurzzeitig Sympathisant der Darmstädter Tonrevoluzzer - alle schrillen Touren verkniffen.

Von seinen prominenteren Landsleuten Krzysztof Penderecki und Witold Lutoslawski an internationaler Reputation und kommerziellem Erfolg längst überrundet, zog sich der in Kattowitz lebende Gorecki immer auffälliger von seiner - durch Staat und Partei dirigierten - Zunft zurück. Die Krakauer Uraufführung seines Chorwerks »Beatus vir« (1979), dem polnischen Papst Johannes Paul II. gewidmet, verschaffte ihm allenfalls bei seinen Landsleuten kurzzeitig etwas Beachtung.

Gorecki fand erst wieder Gehör, als der französische Regisseur Maurice Pialat 1985 seinen Film »Police« mit sattem Nobel-Strich aus der weithin unbekannten Klage-Sinfonie ausklingen ließ. Kinogänger wurden auf die Schmusestelle aufmerksam; die damals im Handel gängigen Aufnahmen des Stückes liefen ganz langsam auf Touren.

Richtig in Schwung kam der Absatz, nachdem das Werk im April 1989 von der Londoner Sinfonietta in der britischen Hauptstadt aufgeführt und zwei Jahre später für Nonesuch eingespielt worden war. Immer mehr britische Gefühlsmenschen zogen sich das Zeitlupen-Opus selig rein. Radiosender mit reinem Klassik-Programm wie »Classic FM« dudelten Gorecki wie Chopin und Tschaikowski.

Nun horchen die Plattenfirmen das Gewerbe hektisch nach weiteren Gorecki-Softies ab. Decca will die Papst-Ode »Beatus vir« herausbringen, Olympia hat »The Essential Gorecki« in Vorbereitung. Regisseur Peter Sellars plant sogar ein Video zur Sinfonie.

Deren Schöpfer versucht sich derweil schon an neuen Großtaten: »Musik schreiben ist unglaublich schwer - aber ganz allmählich wird es dann was.«

* Henryk Gorecki: »Sinfonie Nr. 3 Opus 36«. Dawn Upshaw, Sopran,London Sinfonietta. Dirigent: David Zinman. Elektra Nonesuch7559-79282-2 (über East West Records, Hamburg).

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