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PARIS Vertriebener Drache

aus DER SPIEGEL 8/1968

Der Pariser Junggeselle Henri Langlois, 53, erhitzt die Sinne seiner Landsleute. Vergangene Woche gingen sie für ihn auf die Straße und ließen sich schlagen.

Der Filmregisseur ("Außer Atem") Jean-Luc Godard, 37, eilte von Kuba herbei und zerbrach, als die Polizisten den Marsch für Langlois stoppten, seine legendäre dunkle Brille. Dein Darsteller ("Das Scheusal") Michel Simon, 72, rückten Freunde einen Stuhl aufs Trottoir; sitzend protestierte er für den Mann, den er für »unsere Vorsehung« hält. Und der Filmregisseur ("Schrei, wenn du kannst") Claude Chabrol, 37, proklamierte seinetwegen den »totalen Krieg«.

Grund der Aufregung: Henri Langlois, Gründer und Leiter der staatlich subventionierten und kontrollierten Cinémathèque Francaise«, war seines Amtes enthoben worden.

Der Sturz des dicklichen, freundlichen Ritters der Ehrenlegion, vom »Nouvel Observateur« als »Piraterie« gebrandmarkt, beraube die Cinemathek um »ihre Seele, ihr Blut und ihr Herz« (so der Filmregisseur Francois Truffaut, 36). Jedenfalls beraubt er sie des Mannes, der das Institut zur Wiege der jungen Filmkunst machte.

Die Cinémathèque Francaise ist das bestbestückte Film-Museum der Welt. In über 30 Jahren hat Langlois an die 50 000 Filme gesammelt etwa die Hälfte der totalen Filmproduktion. In den zwei Vorführsälen der Cinemathek, in einem Keller der Rue d'Ulm und in einem Seitenflügel des Palais de Chaillot, werden jeden Tag sechs verschiedene Filme gezeigt -- und jeden Tag ein neues Programm.

Langlois birgt alle Chaplin- und Garbo-Filme in seinen Regalen, den gesamten deutschen Kino-Expressionismus und die wichtigsten Werke der Gegenwart: Die ambitionierten Regisseure überließen Langbois stets eine Kopie ihres neuen Films.

Altmeister René Clair ("Unter den Dächern von Paris") überschätzte die Cinemathek darum als »zweiten Louvre«; der jungdeutsche Regisseur ("Mord und Totschlag") Volker Schlöndorff, 28, nennt sie ein »Geburts und Freudenhaus«; für den Gründer Langlois selbst ist sie das Werk seines Lebens.

Langbois, ursprünglich Journalist, hatte Anfang der dreißiger Jahre sein Faible für alte Filme entdeckt. Hauptfundort war damals der Pariser Flohmarkt; seine erste Kollektion, darunter eine der raren Kopien von Fritz Langs »Kabinett des Dr. Caligari«, stapelte er in der Badewanne.

Bei Kriegsausbruch trug Langlois die bis dahin gesammelten Werke (25 000 Filme) zu Freunden, die sie in ihren Gärten vergruben -- rund zehn Tonnen Zelluloid. Nach dem Krieg dann sprang die französische Regierung mit Subventionen ein; ein Aufsichtsrat, paritätisch aus Filmleuten und Staatsbeamten gefügt, wachte über die Gelder.

Die Filme hütete Langlois selbst. Cocteau: »Ein Drache, der unsere Schätze bewacht.« Der Drache war freilich auch der einzige, der sich in den verwinkelten Kammern zurechtfand. Langlois ließ nie eine umfassende Kartei aufstellen, und von seinem Publikum erwartete er Rufe der Überraschung, wenn in der Vorführung tatsächlich der Film anrollte, der angekündigt war.

Als Grund für die Absetzung Langlois' gab das französische Kultus-Ministerium denn jetzt auch an, die zunehmende Bedeutung der Cinemathek mache eine »Neuorganisation« notwendig. Den ersten Schritt dazu unternahm der neuernannte Direktor Pierre Barbin. Er kündigte den 60 Mitarbeitern Langlois', unter ihnen die Filmhistorikerin Lotte Eisner.

Die Freunde Langlois' reagierten scharf. Rund 2000 Anhänger scharten sich zu Demonstrationen, forderten den Rücktritt von de Gaulles Kultur-Minister Malraux und hießen ihn »Goebbels«.

Effektvoller als die Rufe der Demonstranten freilich könnten sich die Sanktionen von über 100 Regisseuren erweisen -- unter ihnen Chaplin, Fritz Lang, Preminger und Antonioni. Sie verboten die Vorführung ihrer Filme in der Cinemathek oder verlangten Leihgaben zurück. Neun von zehn Filmen stünden der Cinemathek damit nicht mehr zur Verfügung, und das Film-Museum würde zum leeren Gehäuse. Kultur-Minister Malraux bekäme, was er einst einem Buch als Titel gab -- ein »Imaginäres Museum«.

Am Freitag letzter Woche, als auch Brigitte Bardot Protest angemeldet hatte, lenkte Malraux ein: Die Cinemathek wolle auf Langlois' »Mitarbeit« nicht verzichten. Und auch die Zukunft des Museums wird geplant: Es soll per Gesetz ermächtigt werden, von Regisseuren und Produzenten Filmkopien abzufordern.

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