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SOZIOLOGIE / SKANDALE Vibrierendes Etwas

aus DER SPIEGEL 43/1967

Darling«, schrieb der Kriegsminister, »mir ist leider etwas dazwischengekommen, so daß ich morgen abend nicht mit Dir zusammensein kann.«

Das Billetdoux war nicht für die Frau Minister bestimmt, und schon gar nicht für eine Londoner Sonntagszeitung. Dort aber, in der Redaktion des »Sunday Pietorial«, landete es und sorgte für Skandal -- für den Profumo-Keeler-Skandal von 1963.

Ein Skandal war, 1894 beginnend, der Fall des französischen Hauptmanns Dreyfus; die deutsche Affäre Eulenburg (um 1907) war ein Skandal, der italienische Fall Montesi (von 1953 an> war es auch.

Ohne Skandale kam die Weltgeschichte noch nie und kommt, so belehrt der Skandal-Kenner Christian Schütze, 40, auch die »pluralistische, mobile, egalitäre Gesellschaft der modernen Welt« nicht aus.

Und dennoch: So viele Skandale das moderne Publikum auch erregen oder zumindest unterhalten mögen -- vom »Sozialinstitut« Skandal haben die Gesellschaftswissenschaften bisher noch keine Notiz genommen. Seine Ursachen und Wirkungen blieben bislang unerforscht.

Erst Schütze, wissenschaftlicher Redakteur der »Süddeutschen Zeitung«. hat sich über das klinische Bild dieser »gesellschaftlichen Konvulsion« Gedanken gemacht und eine Studie über »die Kunst des Skandals«, die »Gesetzmäßigkeit übler und nützlicher Ärgernisse« (so der Untertitel des Buches) verfaßt*.

Sie enthält zwar noch keine »vollständige Skandalogie« denn schließlich ist Schütze »Pionier -, versucht aber immerhin, in diesem »so eminent lebendigen, flüchtigen, vibrierenden Etwas« gewisse »Richtlinien der Unordnung« anzudeuten.

Der Skandal, das weiß Schütze, ist eine »laue«, eine »windige«, eine »unseriöse Angelegenheit«. Er kann sich an einer Bagatelle entzünden. Er verläuft »spontan, radikal und in Schwarz-Weiß-Manier« und schlägt »gewaltige Wellen«. Aber er ist auch »oberflächlich«, »einfältig«, »tolpatschig« und »nur begrenzt haltbar": Ein langes Wochenende ohne Zeitungen oder ein Streik der Drucker kann ihn bereits abtöten. Der Krisenzustand des Skandals, ein »deutliches Zeichen dafür, daß es in einer Gesellschaft arbeitet«, kann jedoch große Umwälzungen ankündigen -- die »Halsband-Affäre« zur Zeit Ludwigs XVI., die Schütze im Kapitel »Lehrreiche Skandale aus Geschichte und Gegenwart« nacherzählt, gibt ein anschauliches Beispiel:

Damals betrog eine Madame de la Motte zwei Pariser Hofjuweliere um

* Christian Schütze: »Die Kunst des Skandals. Scherz Verlag. München, 336 Seiten; 19.90 Mark.

ein Kollier im Wert von 64 000 Livres -- und zwar unter dem Vorwand, das Schmuckstück sei für die nicht sehr sparsame Königin Marie Antoinette bestimmt. Madame de la Motte wurde entlarvt, doch die Königin war damit noch keineswegs reingewaschen.

Schütze: »Der Verlauf der Affäre und das Ergebnis des Prozesses bewiesen nichts anderes, als daß die öffentliche Meinung ... nicht mehr bereit war. Tatsachen zur Kenntnis zu nehmen, welche die Königin entlasteten. Sie war einfach schuldig, ja sie war zum Inbegriff des für alle Mißwirtschaft ... verantwortlichen Systems geworden.« Vier Jahre später brach die Franzosische Revolution aus -- für Napoleon jedoch hatte sie schon mit dem Halsband-Skandal begonnen.

Große Skandale können, laut Schütze, demnach »Geburtswehen des kommenden Neuen« sein -- ebensogut freilich können sie das Neue verhindern. Denn sie haben »kein geschärftes Bewußtsein. weder ein Klassenbewußtsein noch sonst eins«. Sie erstreben, wie im Fall Profumo, »den Rücktritt eines Ministers, nicht die Vernichtung seiner ganzen Partei oder gar des herrschenden ... Systems.

Am »System« vermochte auch jener römische Skandal nichts zu ändern, der 1953 damit begann, daß am Strand bei Ostia die Leiche eines halbentkleideten Mädchens namens Wilma Montesi lag. Die Tischlerstochter, deren Tod von der Polizei als Unfall abgetan worden war, galt den Italienern bald als Opfer einer schändlich-korrupten Dolce vita. Die Affäre wurde zum »Sinnbild der moralischen Verkommenheit« einer ausbeuterischen Oberschicht. Doch Lenins »objektiv revolutionäre Situation« blieb ungenutzt: »Statt zum Gewehr griffen die Massen Italiens zur Zeitung.«

Der Montesi-Fall hat dem Skandalogen Schütze eine wichtige Erkenntnis über die »Mechanik des Skandals« vermittelt: »Der Glaube an das Funktionieren der Justiz muß gestört sein, es muß Hinweise darauf geben ... daß kleine Leute unschuldig geopfert werden sollen oder zu Schaden gekommen sind.

Als negativer Held des Skandals -- und nur ihm allein gilt das Ärgernis -- fungiert also immer der Mächtige, die »hochgestellte Persönlichkeit«. Bombenwerfer und andere Gesinnungstäter sind skandalunwürdig. Bevorzugt sind Missetäter, die nicht nur Geld verschleudern, sondern auch noch Sexualneid erwecken.

»Diese Regung«, informiert Schütze, »ist die mächtigste Triebfeder des Skandals ... Wenn es sich herausstellt, daß der unwürdige Verwalter der öffentlichen Macht und der Steuergelder auch noch ein flottes Privatleben führte, wird die Masse derer, die Anstoß nehmen, ausreichend groß für den großen Skandal.«

Freilich, er ist äußerst selten, und die etwas kleineren Skandale haben es im »Zeitalter der Publizität« gar nicht so leicht. Grund: »Die immerwährende Injektion von kleinen und kleinsten Dosen des Ärgernisses führt bald zur Abstumpfung. Das Publikum wird immun. Die schönste aller Erregungen, die gemeinsame, erst im Zeitalter der Massenpublizistik alltäglich geworden, wird durch eben diese Massenpublizistik zugleich verdorben.«

Außerdem ist der feste Boden, ohne den ein schöner Skandal nicht erblühen kann, im 20. Jahrhundert schwankend geworden: »Heute herrscht weithin Unsicherheit, welche Normen für verbindlich zu halten seien ... Daraus ergibt sich die rastlose Suche nach dem Skandalösen in der Absicht, zu erkunden, auf welchen Reiz hin die pluralistische Gesellschaft sich in allgemeiner Erregung zusammenfindet, wo die Toleranz zusammenbricht und der Spaß aufhört.«

Wo er aufhört und wo die kollektive Entrüstung einsetzt, hat auch Schütze nicht ermitteln können. Er weiß jedoch eines mit Sicherheit zu sagen: Der Skandal ist »ein Scheinkampf, der mehr dem Ballett eines Kampfes ähnelt als dem Kampf selbst«.

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