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Viehische Horde

aus DER SPIEGEL 12/1971

Das Wiegenlied vom Totschlag (USA, Farbe). Ein kleines Gemetzel am Anfang, ein großes zum Schluß; dazwischen eine romantische Liebesgeschichte: Das blonde Mädchen Cresta (Candice Bergen) und der junge Soldat Honus (Peter Strauss), einzige Überlebende nach einem Indianerangriff auf einen Geldtransport der Kavallerie, wandern dem nächsten Fort entgegen und streiten sich -- Honus verteidigt die Ehre der US Army; Cresta, die zwei Jahre als Gefangene bei den Cheyennes lebte und deren Häuptling als Ehefrau diente, nimmt rauhbeinig fluchend die Rothäute in Schutz, bis ein Kuß sie zum Schweigen bringt.

Doch um diese Western-Romanze war es dem amerikanischen Regisseur Ralph Nelson ("Lilien auf dem Felde") wahrhaftig nicht getan. Sie dient ihm lediglich als Füllsel, als Antipasto zum blutigen Haupt-Gericht: Da überfällt, obwohl ein edler roter Krieger ihm zum Zeichen der Unterwerfung mit Sternenbanner und weißer Fahne entgegenreitet, ein Regiment Soldaten ein Indianerdorf und metzelt alles nieder -- Männer, Frauen und Kinder.

Arme werden abgehackt, Beine verstümmelt, die Zelte gehen in Flammen auf. Einem fliehenden kleinen Mädchen trennt ein Kavalleristen-Säbel den Kopf vom Rumpf. Ober einer kreischenden Indianerin bewegt sich der nackte Hintern eines Siegers, während ein Kamerad ihr die linke Brust abschneidet, mit der die anderen dann Hockey spielen. Kein Zweifel: Selbst Django hätte da weggeguckt.

Was der Moralist Nelson, basierend auf dem historischen Massaker am Sand Creek im Jahr 1864, hier darbietet, ist ein Doppel-Nelson brutalster Art. Er präsentiert die amerikanische Armee als viehische Horde. Er zeigt Vietnam auf indienisch. Und sein Held, im Original-Titel »Soldier Blue« (zu deutsch: Der traurige Soldat) genannt, reagiert dementsprechend -- er blickt aufs Blutbad und kotzt.

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