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G + J-Neubau Viel Blech

Der Verlagskonzern Gruner + Jahr hat am Hamburger Hafen ein neues Hauptquartier gebaut - ein stattliches Kuriosum.
Von Karl Heinz Krüger
aus DER SPIEGEL 51/1990

Allen wollten die Medienbosse und ihre Architekten es recht machen mit ihrem Monstrum, jeder sollte was haben von dem Koloß: die Stadt, das Elbufer, das Quartier - und natürlich die Firma. Der Belegschaft sollte ein humanes Ambiente, der Company ein tipptopp Image verpaßt werden.

Alles mögliche sollte die neu erbaute Konzernzentrale sein: eine Werkstatt, eine Werft, ein Schiff, ein Zeichen für die zeitgenössische Architektur und ein Therapeutikum für die Angestellten - nur nicht einfach ein funktionstüchtiges Büro. Wie ein Stimulans, so die Auflage des Bauherrn an die Architekten, sollten die baulichen Strukturen auf die darin Tätigen wirken: »phantasiefördernd«.

Nun, da das Ding für 300 Millionen Mark vom Stapel gelassen wurde und rund 2000 Beschäftigte an Bord gegangen sind, zeigt alle Welt sich doch einigermaßen erschrocken.

Viel Blech, finden die konsternierten Nachbarn und sehen mit Sorge dem weiteren Ausbau des absonderlichen Fremdkörpers entgegen. Störrisch reagieren auch die zur Benutzung Abkommandierten auf die Erwartung, sich in der gebauten Merkwürdigkeit ruckartig wohlzufühlen.

In der von Hamburgs Baubehörde für das nördliche Elbufer in Aussicht gestellten »Perlenkette« nimmt sich das erste Stück eher wie eine graue Murmel aus, erklärtermaßen dazu ausersehen, »rauh« und »industriell« zu wirken und - statt »von oben bis unten abwaschbar« zu sein - schlicht zu verdrecken.

Dabei wurde das »Pressehaus am Baumwall« nicht von Hinz und Kunz geordert, sondern von Gruner + Jahr, jenen Medien-Milliardären, die als Herausgeber der einschlägigen Glanzblätter Art, Häuser, Schöner Wohnen doch ein gewisses Maß an Kompetenz erwarten lassen. Auch andere Publikationen des Konzerns wie Stern, Geo, Brigitte und Capital lassen den Prolo-Look nicht unbedingt als schlüssig erscheinen.

Tatsächlich wünschte der Bauherr sich, eigentlich lobenswert, einerseits keinen Büropalast für seine Redaktionen, sondern eher einen Schuppen, eine »Medienwerkstatt«; andererseits wollte er sich mit dem neuen Sitz der Konzernleitung ausdrücklich das »einem Weltunternehmen in einer Weltstadt angemessene Erscheinungsbild« geben.

Das Grundstück am Hafen, der Freien und Hansestadt abgekauft, war sowieso erste Wahl: 22 000 Quadratmeter an der alten Überseebrücke zwischen der spätbarocken Michaeliskirche (dem weltbekannten »Michel") und dem historisch einzigartigen Backsteinquartier der Speicherstadt. Die Vorstellung, »daß wir von hier aus unsere Medienschiffe auf große Fahrt schicken werden«, erfüllte den Vorstandsvorsitzenden Gerd Schulte-Hillen mit Stolz.

Auf daß solcher Hochsinn nicht in Protz umschlagen möge, oblag es den Architekten Otto Steidle und Uwe Kiessler, das kolossale Bauvolumen von 124 000 Bruttoregistertonnen (beziehungsweise 350 000 Kubikmetern) aufzulösen, »überschaubar, transparent, erlebbar« zu machen.

Die beiden Bayern, von Unternehmern und Kritikern gleichermaßen als solide Baumeister geschätzt, zerlegten den Koloß in »Schiffe«, gliederten ihn, mit Wegen und Höfen, wie ein eigenes Quartier. Lediglich ein zentraler Rundturm ragt 40 Meter auf. Ansonsten kamen die Architekten mit fünf oberirdischen Stockwerken aus; die meisten der (14 Quadratmeter großen) Arbeitsräume gruppierten sie um 16 begrünte Innenhöfe (Bambus, Felsenbirne).

»Alles wirkt eher verspielt«, läßt der Konzern nun verlauten - eine Interpretation, die von der Nachbarschaft nur bedingt geteilt werden kann angesichts der Außenhaut aus Glas und Blech.

Ursprünglich sollten wenigstens die Giebelwände mit der Speicherstadt korrespondieren und deshalb mit Backstein verkleidet werden; doch dann wollten die Architekten ihr Werk »bewußt von den umgebenden Backsteinbauten abheben«, sie nahmen Zinkblech, das nun den Stahlkonstruktionen im Hafen entsprechen soll.

Vom Hafen und der christlichen Seefahrt zeigten die beiden Bayern sich dermaßen fasziniert, daß sie ungeniert einer bildhaften Dampferarchitektur frönten, die den distinguierten hanseatischen Bauherren eher peinlich sein muß.

Die Bürotrakte ("Schiffe") ruhen auf klobigen Bockstützen: Anspielung auf das Hochbahnviadukt direkt vor dem Haus wie auf die Schiffs- und Arbeitskräne in der Ferne. »Kapitänsbrücken«, riesige Rundfenster, Schiffsgeländer sowie eine Fülle eingehängter schmaler und steiler Treppen sind weitere Huldigungen an den vermeintlichen Genius loci.

Ähnlich naiv und romantisch muten die Vorstellungen der Verleger und ihrer Architekten von einem »kreativen Arbeitsklima« an, das hauptsächlich durch reges Treppensteigen und das Betrachten von Blattgrün entstehen soll.

Den insgesamt 400 Treppenläufen - bei lediglich zehn Aufzügen im Bau - wird nicht nur eminente »soziale und psychologische Funktion« beigemessen; die in den Arbeitsalltag integrierte Beinarbeit, so die Hausherren, diene dem körperlichen Wohlbefinden der Angestellten viel sinnvoller als eigens betriebene Leibesertüchtigung (Jogging, Turnen).

Die Treppen und Galerien befinden sich überwiegend in mehrgeschossigen »Erschließungsräumen«, die einer Vereinsamung der Beschäftigten entgegenwirken, also für Ablenkung und Zerstreuung sorgen sollen. Als »Luxus des Hauses« wird den Arbeitern der Stirn ein »Überfluß an Tageslicht« geboten. Direkte Kontakte zur Außenwelt sind gleichfalls möglich: Jedermann kann seine Schreibstube nach eigenem Ermessen auf herkömmliche Weise lüften und an den »Geräuschen und Gerüchen« der Stadt und des Hafens teilhaben, dem anregenden Rattern der Hochbahn etwa oder dem belebenden Duft der Autoabgase.

Um all diesen Segen über ihre Belegschaft ausgießen zu können, mußten die Bauherren den Behörden eine Vielzahl von Ausnahmegenehmigungen abringen und eine Reihe spezieller Auflagen erfüllen, etwa durch den Einbau automatischer Feuerlöschanlagen (Sprinkler) oder den Anbau umlaufender Fluchtbalkone (aus Gitterrosten), mit direktem Zugang aus jedem Arbeits- und Aufenthaltsraum - und einer weiteren Möglichkeit zur Kommunikation: Überraschende Besuche am Fenster sind jederzeit möglich (aber nur in festem Schuhwerk ratsam; erste Stöckelabsätze sind bereits in den Gitterrosten steckengeblieben).

Manches, was den Baumeistern eigentlich nicht in den Kram paßte, mußte nachgebessert werden: technisches Equipment, auf das ein funktionierendes Bürogebäude, zumal im modernen Medienbetrieb, nicht verzichten kann. Anderen Accessoires, an denen ihr Herz hing, mußten die Architekten entsagen: beispielsweise einer Begrünung auch noch der Fassade (da die vorgesehenen Kletterpflanzen die außen angebrachten Sonnenschutzrollos als willkommene Kletterhilfen angenommen hätten).

Die Bewährungsproben bei hochsommerlicher Sonnenbestrahlung wie bei stürmischen Wetterlagen hat das glas- und blechgedeckte, quergelüftete Bauwerk noch vor sich.

»Sicher ein Projekt, über das man streiten kann«, räumt der Vorstandsvorsitzende Schulte-Hillen ein. Seine Leute streiten erst mal über den treffendsten Spottnamen für den Bau. Vergleiche mit berüchtigten Knästen sind klar favorisiert: »Sing-Sing« und »Alcatraz«.

Kreatives Klima.

Karl Heinz Krüger

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