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Viel Macht, wenig Recht

aus DER SPIEGEL 15/1991

Ist Gerechtigkeit »bloß die Schminke auf der Fratze der Gewalt«, oder ist sie, wie Platon und Aristoteles wünschten, mehr als »eine Beschönigung«, nämlich »die Überwindung der Selbstsucht«? Zwischen diesen beiden Polen bewegen sich die Essays von 14 Historikern aus aller Welt, die »Große Prozesse in der Geschichte« schildern - vom Volksgericht gegen den griechischen Philosophen Sokrates über die Verurteilungen von Johannes Hus, Jeanne d'Arc und Galilei bis zu Stalins Schauprozessen und dem Nürnberger Kriegsverbrechertribunal.

Herausgeber Alexander Demandt, 53, Professor für Alte Geschichte an der Berliner Freien Universität, hat den Titel »Macht und Recht« mit Bedacht gewählt. Alle Autoren gehen zwei Fragen nach: »was das Recht vermöge« und »was die Macht dürfe«. Macht, sagt Demandt, sei älter als das Recht, »aber ohne dieses nicht von Bestand«.

Demandts Erkenntnis, daß der Staat berechtigt sei, »den Friedensstörer zu strafen«, der Bürger allerdings bisweilen auch Grund habe, »den Frieden zu stören«, weckt Assoziationen - etwa an die Sitzblockierer vor den Raketendepots der Nato und ihre Verurteilung. Im politischen Prozeß, lernt der Leser, fehlt fast immer ein »unparteiischer Richter«, er ist zumeist »mit dem Ankläger mehr oder weniger identisch«.

Alle großen Prozesse zeigen das Spannungsverhältnis zwischen Legalität und Legitimität. Die Angeklagten haben ethische Werte höher eingestuft als das geltende Recht - Sokrates das Gewissen, Hus den Glauben, Jeanne d'Arc die Selbstbestimmung des Volkes, Galilei die Autonomie der Wissenschaften.

Der Leser bekommt »Macht und Recht« aus verschiedenen Blickwinkeln vorgeführt, mal mit den Augen des Zeitgenossen, mal mit denen der Nachgeborenen, mal aus der Sicht des Staates, mal aus der des Bürgers - Geschichte in Kurzgeschichten.

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