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FERNSEHEN / BILDPLATTE Viel Platz

aus DER SPIEGEL 27/1970

Der Techniker senkte den Abtaster auf die Platte, und aus den Lautsprechern erklang Gesang: Das Berliner Schlager-Starlet Manuela versprach »Alles und noch viel mehr«.

Aber Manuela war nicht nur zu hören, sondern auch zu sehen -- auf Fernsehschirmen, die, über die Antennenbuchsen, mit dem Plattenspieler verbunden waren.

Ton und Bild stammten von einer flexiblen, papierdünnen, etwa ein Gramm schweren Kunststoff-Scheibe, die sich -- rasend schnell -- unter einem winzigen Diamanten drehte,

Als »spektakuläre Erfindung« (so der AEG-Vorstandsvorsitzende Dr. Hans Groebe) präsentierten der deutsche Elektrokonzern AEG-Telefunken und die deutsch-englische Plattenfirma Teldec Mitte letzter Woche in West-Berlin das neueste Erzeugnis im hektischen Erfinder-Run um das geeignetste Verfahren zur Speicherung von Fernsehbildern. Es ähnelt verblüffend dem herkömmlichen Plattenspieler.

Vor einigen Jahren hatten es die Erfinder -- die AEG- und Teldec-Ingenieure Horst Redlich, Hans-Joachim Klemp, Eduard Schüller und Gerhard Dickopp -- selbst noch für »völlig ausgeschlossen« gehalten, die enorme Menge von Informationen, die für ein 625-Zeilen-Fernsehbild plus Ton nötig sind, auf einer Platte unterzubringen und mechanisch wieder abzutasten.

Angesichts der hohen Speicherfähigkeit elektronischer Aufzeichnungsverfahren schien es den Technikern geradezu »ein Anachronismus, den Bergen und Tälern der Schallplatte mit einer Nadel nachzufahren«. Doch dann fanden sie heraus, »daß auf der guten alten Platte noch sehr viel Platz ist«.

Eine herkömmliche Stereo-Schallplatte enthält zehn bis 13 Rillen pro Millimeter und speichert 15 000 Tonschwingungen in der Sekunde.

Um hingegen die drei bis vier Millionen Schwingungen pro Sekunde, die zur Speicherung von Ton und Fernsehbild nötig sind, auf einer handlichen Bildplatte unterzubringen, müssen 130 bis 150 Rillen auf jedem Millimeter nebeneinander liegen. In der von den Teldec- und AEG-Technikern entwickelten »Dichtspeichertechnik« nimmt jede Rille nur noch 0,008 Millimeter ein -- zehn Rillen von der Bild. platte entsprechen etwa dem Durchmesser eines menschlichen Haares.

Das herkömmliche Schallplattenverfahren, bei dem das Zick-Zack seitlicher Auslenkungen in jeder Rille den Abtast-Saphir in Schwingungen versetzt, schied damit freilich aus. Der Abtaster müßte so scharf sein wie ein Rasiermesser und würde die Trägerfolie zerstören.

So kehrten die AEG- und Teldec-Techniker zu einem Berg-und-Tal-Verfahren zurück -- ähnlich dem, das Thomas Alva Edison einst für den ersten Phonographen benutzt hatte. Die Abtast-Vorrichtung, ein viertelkreisförmiger Minidiamant ruht starr über der Rille und empfängt im Rhythmus der gespeicherten Bild- und Tonsignale Druckimpulse, die der elastischen Kunststoff-Folie vorher als Berge und Täler eingeprägt wurden.

Dabei wird der Abtaster nicht mehr durch die Rillenführung, sondern durch einen »Zwangsvorschub« von außen nach innen über die Platte bewegt, die mit 1500 Umdrehungen pro Minute rotiert.

Entfallen ist auch der herkömmliche Plattenteller. Drei Mitnehmerzapfen nahe der Mittelachse genügen, die Kunststoffscheibe herumzuwirbeln.

Die Fliehkraft und ein Luftpolster. das sich unter der PVC-·Scheibe bildet, drängen sie mit gleichbleibendem Druck gegen den Abtast-Diamanten. Jede Plattenrille enthält gerade so viele Informationen wie für ein Fernsehbild nötig sind. Das bedeutet; Durch Abschalten des Zwangsvorschubs läßt sich das bewegte Fernsehbild zu jedem beliebigen Zeitpunkt anhalten.

Als besonderen Vorteil gegenüber anderen TV-Speicherverfahren betrachten die AEG-Manager die Unempfindlichkeit des Plattenmaterials. Die Ingenieure geben an, daß auch nach tausendmaligem Abspielen die Bildqualität -- die bei der Erstvorführung am Mittwoch letzter Woche dem normalen Schwarzweiß -Fernsehbild entsprach -- nicht nachgelassen habe.

Vorläufig Ist die Spieldauer der Fernsehscheiben auf fünf Minuten begrenzt. Die Ingenieure hoffen jedoch, bis 1972 -- dann auch farbtüchtig -- Langspielplatten von 15 Minuten Spielzeit anbieten zu können.

Der bedeutsamste Vorsprung gegenüber konkurrierenden Verfahren aber liegt offenbar im Preis. Wenn die Berliner Bildplatte in spätestens zwei Jahren auf den Markt kommt, sollen der TV-Plattenspieler zwischen 500 und 1000 Mark und die knautschbare Platte weniger als 20 Mark kosten.

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