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TECHNIK / BILD-TELEPHON Viele Nuancen

aus DER SPIEGEL 29/1970

Das anbrechende audiovisuelle Zeitalter hat den Wohlstandsbürgern der US-Stadt Pittsburgh ein neues Status-Symbol beschert: das Bild-Telephon.

Am Dienstag vorletzter Woche eröffnete Peter F. Flaherty, Bürgermeister der amerikanischen Stahlmetropole, das erste öffentliche Fernsprechnetz der Welt, bei dem die Partner sich nicht nur hören, sondern auch sehen können.

Zwar umfaßt das Pittsburgher Bild-Fernsprechnetz erst insgesamt 38 Anschlüsse -- bislang stehen die Apparate ausschließlich in den Chef -Etagen großer Unternehmungen -- aber Amerikas Telephon-Gesellschaften sind überzeugt, daß dieser Anfang in seiner wirtschaftlichen Bedeutung vergleichbar ist mit der Errichtung der ersten regulären Telephonverbindung in der US-Stadt New Haven im Jahre 1878. Schon im nächsten Frühjahr soll Chicago in das Drahtbild-Netz einbezogen werden, bis 1973 sollen dann New York, Washington, Detroit, Cleveland und Newark folgen.

Bei den von Ingenieuren der Firma Bell Telephone Company entwickelten Bild-Sprechapparaten sehen die Gesprächspartner einander auf einem 13 mal 14 Zentimeter messenden Bildschirm, der neben dem Telephonapparat aufgebaut ist. Über der Wiedergabemattscheibe ist eine Mini-TV-Kamera eingebaut, die selbst dann noch klare Bilder des Sprechers einfängt, wenn der Raum nur spärlich beleuchtet ist.

Das knapp zehn Kilogramm schwere; dreiteilige Gerät (TV-Teil, Sprechapparat und eine kleine Kontrollbox für Licht- und Lautstärkenregelungen) mit seinen 1200 einzelnen Bauteilen ist das Endprodukt einer Entwicklung, die bereits während der zwanziger Jahre begann.

Schon 1927 übertrug das amerikanische Bell-Laboratorium Bilder telephonierender Teilnehmer zwischen New York und Washington; und in Deutschland entwickelte Telefunken nur wenig später einen »Gegenseher«, der zur Leipziger Frühjahrsmesse im Jahre 1938 vorgestellt und auf der Pariser Weltausstellung 1937 preisgekrönt wurde.

1961, zum 22. Parteikongreß der KPdSU, installierten dann die Sowjets eine erste videotelephonische Verbindung zwischen Moskau, Leningrad und Kiew. Aber all diese Anlagen waren für eine Serienfertigung ungeeignet -- sie waren unhandlich, zu kompliziert und vor allem zu aufwendig.

Erst die Mikrominiaturisierung elektronischer Bauteile, weitgehend Abfallprodukt der Raumfahrt- und Computer-Technologie, bot die Möglichkeit, ein wirtschaftlich vertretbares Bildsprechgerät zu entwickeln.

Sechs Monate lang testeten im vergangenen Jahr die Bell-Techniker ihr »Picturephone« im praktischen Betrieb. Sie installierten 40 Apparate in Büros der Firma Westinghouse zum kostenlosen Gebrauch. Die Manager des Elektrokonzerns beurteilen das neue Medium positiv. In den ersten Tagen hatten sie, wie ein Westinghouse Mitarbeiter schrieb, »viel Spaß mit dem Ding« ("Nehmen Sie erst mal ihre Sekretärin vom Schoß«, war die beliebteste Eröffnungsfloskel). Doch bald registrierten sie auch die Vorteile des neuen Systems: weniger Zeit- und Wegaufwand für Konferenzen und besseren Kontakt zu den angesprochenen Mitarbeitern«, So viele Nuancen kommen durch«, berichtete Westinghouse Vize-Präsident L. W. Yochum, »wenn man einem Mann beim Sprechen ins Gesicht sieht,«

Bis 1975 hoffen die Beil-Manager, in 25 US-Städten insgesamt 100 000 Bild-Anschlüsse installiert zu haben, Vorläufig aber sind der Verbreitung des Bildtelephons vor allem durch den hohen Aufwand noch Grenzen gesetzt,

Installationskosten für Bildschirm und Kamera betragen 549 Mark, die Monatsmiete (einschließlich 30 Minuten Sprechzeit) 585 Mark, jede Minute darüber wird mit einer Mark berechnet. Derzeit seien die »Picturephones«, so formulierte es Westinghouse-Techniker George A. Boehm, »nur etwas für gutverdienende Konzerne oder allenfalls für die reichen Privatmenschen, denen eine Segeljacht als Statussymbol schon zu gewöhnlich erscheint«.

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