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»Vielleicht ändert er sich doch«

aus DER SPIEGEL 52/1977

Er sei jetzt sechzig und immer noch kein bißchen leise«, so preist ihn dieser Tage der Deutsche Taschenbuch Verlag an, der seit 1961 stolze 4,3 Millionen Böll-Bändchen verkauft hat.

Der Angepriesene quittiert die Werbe-Schelmerei mit melancholischer Belustigung: »Aber so laut bin ich doch gar nicht.«

Heinrich Böll wenige Tage vor seinem 60. Geburtstag. Am Mittwoch, 21. Dezember, soll er vom Oberbürgermeister im Kölner Rathaus geehrt werden -- »als Sohn der Stadt«, das muß ja sein, macht ihm »sogar Spaß«, allzu laut wird die Festivität schon nicht werden. Und er weiß schließlich auch, daß die Stadtväter »sich gerade jetzt zu mir bekennen wollen«, wider die »Sympathisanten«-Verleumder.

Als Böll 50 war, erschien, ihn zu ehren, ein Sammelband mit Beiträgen von Kollegen, Kritikern, Freunden und Zeitgenossen, »In Sachen Böll«. eingeleitet von Theodor W. Adorno unter dem durchaus programmatischen Titel »Keine Würdigung«. Der macht auch zehn Jahre später noch Sinn.

Sicher, inzwischen kam der Nobelpreis (1972), stieg die Weltauflage von Bölls Büchern auf über 17 Millionen. Und zum 60. Geburtstag hat sein Verlag Kiepenheuer & Witsch ihm nun auch die erste Gesamtausgabe beschert -- Böll betrachtet sie nicht ohne ein bißchen Verlegenheit: »Nennt man so was nicht ein Begräbnis zweiter Klasse?«

Wie sehr sein Wunsch, die Werkausgabe streng chronologisch zu ordnen -- also Erzählungen und Romane nach den Erstveröffentlichungsdaten (1947 bis 1977) aneinanderzureihen -, wie sehr dieses Editionsprinzip dazu beigetragen hat, die Ausgabe zu einer Art Syn-Chronik der westdeutschen Nachkriegsgeschichte zu machen und ihr so eine besondere Repräsentanz zu verleihen, das ist ihm erst hinterher klargeworden.

Er ist einverstanden mit dem Vorwort des Herausgebers Bernd Balzer, Professor in Berlin, der Bölls OEuvre als einen »Gegenentwurf aus Anarchie und Zärtlichkeit« interpretiert und rühmt. Aber: »Es war mir peinlich, das zu lesen.«

Böll, der Berühmte ("und Berüchtigte«, ergänzt er), bleibt die Unfeierlichkeit in Person. In einem Interview, das in der von ihm mitherausgegebenen Zeitschrift »L 76« erscheinen wird, spricht er von seinen Werken als »meinen Klamotten« -- wer ihn kennt, unterstellt keine Koketterie.

»Fortschreibung« nennt er sein Schreiben auch. Die Lust dazu, die einfache, auch spielerische Erfindungs- und Formulierlust ist ihm ungebrochen. Der Kritiker Marcel Reich-Ranicki hat unlängst CDU-Politikern, die sich wieder mal über Böll beklagten, angeraten, sie sollten sich damit abfinden, daß ein Schriftsteller vom Rang und Alter Heinrich Bölls sich nicht mehr ändern werde -- Böll hört es amüsiert, aber gar nicht so gern: »Vielleicht ändert er sich doch.«

Zur Zeit schreibt er wieder, nach längerer Pause in diesem Genre, »mehrere Kurzgeschichten, das macht mir viel Spaß«. Und seit einem Jahr bewegt er »im Kopf« einen neuen Romanplan, der mit der Entwicklung der Bundesrepublik zu tun hat, mit »Aufsteigern«, mit »den ungeheuren Karrieren, die aus dem Nichts gekommen sind«. In jenem »L 76«-Interview deutet er es so an:

»Was mich beschäftigt als Autor, gar nicht als politischer Publizist, sind etwa solche Karrieren: von mir, von Herrn Augstein, von Herrn Strauß, von Herrn Schmücker (dem VW-Chef), da gibt's wahrscheinlich unzählige Beispiele, also lauter Menschen, die nicht aus einem geistigen oder materiellen Besitzstand heraus eine gewisse Bedeutung erlangt haben.«

Für diesen Stoff fehlt ihm noch die richtige Form, der Schriftsteller Böll verläßt sich nicht auf das, was er schon kann: »Ich suche da einen ganz neuen Einstieg, das ist sehr schwierig.«

Nebenher hat er soeben für den Regisseur Volker Schlöndorff eine Episode skizziert, die dieser in dem Film »Deutschland im Herbst« verwenden kann: Ein bundesdeutsches Theater setzt, verschreckt durch Terroristen- und Sympathisanten-Hysterie, die »Antigone« ab.

Doch diese Arbeit gehört wohl schon zu den »Dingen«, die ihn, wie Interviews ("Da hab' ich mich wieder breitschlagen lassen") und andere aktuelle Manifestationen, eher ablenken und aufhalten.

Böll im ZDF, Böll in der ARD, Böll beim Bundeskanzler ("Mit Schmidt kann ich besser reden als mit Brandt, den ich natürlich mag"), Böll als politischer Publizist und als Buchrezensent ("Ich lese ja so schrecklich viel") -- der Sechzigjährige ermahnt sich mit bekümmertem Nachdruck: »Ich muß Prioritäten setzen. Ich muß jetzt ran«; gemeint ist: an den neuen Roman.

Was ihn -- und seine Familie -- in den letzten Monaten »tiefer als damals die Angriffe nach »Katharina Blum"' getroffen und behelligt hat, nennt er, mehr überdrüssig als erbittert, »diese ganze Terroristen- und Sympathisanten-Scheiße"' und er »will da raus«,

Dankbar hat er allerdings in jenen Tagen auch »eine Menge Zuspruch von ganz unbekannten Leuten« erfahren, in Briefen und sogar mündlich, auf der Straße. Und er schätzt auch solche Sympathie-Bekundungen, in denen es hieß, bestimmte Äußerungen hätte er besser nicht tun sollen: »Die Leute haben ja recht«, sagt Heinrich Böll.

Vergleichbare Eingeständnisse sind, obwohl mehr als angebracht, von seinen Gegnern nicht zu hören.

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