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EIGENHEIME Volks-Mies

aus DER SPIEGEL 21/1962

Zwei Tage lang mühten sich die Preisrichter - eine Schar renommierter Architekten -, Kandidaten zu finden, die sie prämiieren könnten. Dann resignierten sie: Keiner der 163 eingereichten Entwürfe war würdig, mit dein ersten, zweiten oder auch nur dritten Preis ausgezeichnet zu werden:

Nicht eine der zahlreichen Arbeiten, so vermerkte das Jury-Protokoll, habe »die Qualität von möglichen und in jeder Hinsicht vertretbaren Lösungen« erreicht. Die scheinbar unlösbare Wettbewerbsaufgabe: Entwurf eines Familieneigenheimes.

Die Redaktion der Stuttgarter Architektur-Zeitschrift"Deutsche Bauzeitung« hatte zur Lösung dieser architektonischen Alltagsaufgabe aufgerufen, weil sie glaubte, gerade auf diesem Gebiet des bundesdeutschen Bauwesens »große Not der Architekten« zu spüren.

»Wir waren betroffen«, begründete Chefredakteur Gerhard Schwab den Entschluß, einen Eigenheim - Wettbewerb zu veranstalten, »von dem, worin sich das Unvermögen (der Architekten), mit Gegebenheiten fertig zu werden, architektonisch widerspiegelt: Die Vorortlandschaften unserer Städte sind verschandelt mit Zahnstocher - und Hexenhäuschen -Siedlungen.«

Die Bedingungen des Wettbewerbs entsprachen den Anforderungen, denen sich die deutschen Architekten immer wieder gegenübersehen. In einer 614 Quadratmeter

großen, nach Südwesten orientierten, ebenen Baulücke sollte ein Haus für eine fünfköpfige Familie errichtet werden. Die Heimstätte konnte ein- oder zweistöckig ausgeführt werden und durfte rund 120 000 Mark kosten. Die Wettbewerbsteilnehmer brauchten auf keine Landschaftsschutzbestimmungen, die in der Praxis oft bestimmte Dachformen oder Stilelemente vorschreiben, Rücksicht zu nehmen.

Der imaginäre Bauherr stellte keine besonderen Ansprüche. Die Familie wünschte sich neben einem geräumigen Wohnzimmer eine kleine Eßstube oder -diele. Der Hausherr wollte ein bescheidenes Arbeitszimmer haben, die Mutter außer einer Arbeitsküche einen separaten Wirtschaftsraum. Jedes der drei Kinder - zwei Töchter im Alter von 14 und 12 Jahren, ein 17jähriger Sohn - sollte ein eigenes Zimmer bekommen. Für die Eltern waren ein gemeinsames Schlafzimmer und ein zweites Bad vorgesehen.

Die Auslober und die von ihnen als Preisrichter gewonnenen Experten, unter ihnen der Erbauer der Bonner Beethovenhalle, Siegfried Wolske, der Berliner Senatsbaudirektor Werner Düttmann und der Corbusier-Schüler Ernst Gisel aus Zürich, waren zuversichtlich, daß der Wettbewerb ihnen »eine Art Bestandsaufnahme der Vorstellungen moderner Architekten über gute Einfamilienhäuser« (Chefredakteur Schwab) bescheren würde.

Als die Preisrichter jedoch das Kollegiengebäude der Stuttgarter TH betraten, wo die eingegangenen Modelle, Pläne und Baubeschreibungen aufgereiht worden waren, erblickten sie eine Fülle abstruser, skurriler oder bombastischer Entwürfe. Die Häuser waren vielfach unter Mißachtung der angegebenen Grundstücksgröße und Bausumme, vor allem aber ohne Rücksicht darauf geplant worden, ob das projektierte Hausgebilde von einer Durchschnittsfamilie überhaupt zu bewohnen wäre.

So hatte ein Teilnehmer mitten auf das Grundstück einen 20 Meter hohen Fahrstuhl- und Kanalturm aufgepflanzt, um den sich fünf rechteckige Betonschachteln rankten; die als Wohn-, Schlaf- und Kochkabinen der Familienmitglieder dienen sollten. Da nach Ansicht des Schöpfers »die Familie eine Anhäufung von Individuen mit möglicherweise völlig verschiedenen Interessen ist«, war jeder Betonkasten der »Wohnspirale« so konstruiert, daß er im Falle eines Familienstreits abmontiert werden kann.

Ein anderer Architekt plante das moderne Eigenheim als »abgewandelte Form des Campingcaravans": Er verteilte auf das Grundstück sechs je 12,5 Quadratmeter große Wohnwagen für Vater, Mutter, Gast und jedes Kind. Alle Wagen stattete er mit Bad, Toilette und Kleinstküche aus. Der Mutter enthielt der Campingfreund freilich den eigenen Eingang vor: Sie kann ihren Wagen 'nur durch die Töchterwagen besteigen. Vater und Sohn hingegen wurde der Vorzug eines separaten Zugangs eingeräumt.

Neben dergleichen originalschöpferischen Architektentaten präsentierten sich den Preisrichtern Dutzende von Entwürfen, die unschwer als mangelhafte Kopien großer Vorbilder zu erkennen waren: Die Jury sah sich einer bunten Fülle von Hausmodellen gegenüber, die Meisterwerken des Mies van der Rohe, Richard Neutra, Hans Scharoun und Le Corbusier nachempfunden waren. Chefredakteur Schwab: »Wir bekamen jeweils ein rundes Dutzend Volks-Mies', Volks-Neutras und Volks -

Scharouns. »

Durch Mies van der Rohes scheinbar völlig in Glas aufgelöste Landhäuser hatte sich ein Teilnehmer beispielsweise zu einer Villa in Gestalt einer riesigen Käseglocke anregen lassen. Übermannshohe durchsichtige Kunststoffplatten umgreifen das gesamte Grundstück und tragen einen ebenfalls lichtdurchlässigen Kunststoffdeckel. In diesem Glaskasten sind im Osten die Räume »für das persönliche Leben des einzelnen«, im Westen jene für das »Gemeinschaftsleben« streng geometrisch angeordnet.

Jedes Familienmitglied erhält eine abgeschlossene Glaskabine von zwei mal fünf Metern mit Bett, Arbeitsplatte, Bad und Toilette. Die Eltern freilich können der vom Architekten vorgeschriebenen Trennung entgehen, indem sie die Glaswand zwischen den Ehebetten durch eine sinnig konstruierte Schiebevorrichtung entfernen.

Dem Bedürfnis der Familie nach Gemeinsamkeit kommt ein Wohnraum von der Größe eines mittleren Hallenbades entgegen. Licht-, Luft- und Heizungsprobleme gibt es nicht. Die ganze Kunststoffglocke, einschließlich eines bescheidenen Gartenteils, ist vollklimatisiert und wird von Höhensonnen bestrahlt.

Die Resultate der vielfältigen Architektenbemühungen erfreuten die Preisrichter nicht. Bereits beim ersten Rundgang mußten sie über 100 der eingereichten Arbeiten wegen »grundsätzlicher Mängel oder wegen Verfehlung der Aufgabe« verwerfen. 41 Entwürfe wurden bei der zweiten Sichtung wegen »wichtiger Beanstandungen« ausgeschieden, neun überstanden wegen »einzelner Mängel« nicht die dritte Runde. Schließlich kamen zehn Entwürfe in die engere Wahl.

Doch auch diese Modelle waren nicht makellos. Die Jury-Mitglieder bemängelten Wohnräume mit sieben Türen, Kinderzimmer, die nur von kümmerlichen Oberlichtern erhellt werden sollten, zweistöckige Wohnhallen, die kaum zu beheizen wären. Andererseits vermißten sie mitunter Keller- oder Wirtschaftsräume.

»Wir waren schon froh«, stöhnte der Jury-Vorsitzende, Architekt Harald Deilmann, »wenn wir überhaupt baufähige Lösungen vor uns hatten.« Die Preisrichter stellten fest, daß Deutschlands Nachwuchsarchitekten den »Schwierigkeiten dieser scheinbar so einfachen, alltäglichen Aufgabe« offenbar nicht gewachsen waren und entschieden, die ausgeschriebenen Preise nicht zu vergeben.

Um jedoch die »vielfältigen und sehr anerkennenswerten Bemühungen vieler Teilnehmer« nicht zu enttäuschen, steckten sie schließlich acht der Eigenheim-Planer Trostpreise von je 350 bis 1500 Mark zu.

Eigenheim-Modell »Wohnspirale": Vorsorge für Familienstreit

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