Neueröffnung der Berliner Volksbühne Revolutionäre im Rentnerparadies

Hier beginnt nichts Neues: Zur Eröffnung seiner Volksbühnen-Intendanz zeigt René Pollesch eine launige Welcome-Back-Show ohne Aufbruchstimmung – und ein paar gewalttätige Impfgegner sorgen für Krawall vor dem Haus.
»Aufstieg und Fall eines Vorhangs und sein Leben dazwischen« mit titelgebendem Vorhang: »Wiederauferstehungsgehampel«

»Aufstieg und Fall eines Vorhangs und sein Leben dazwischen« mit titelgebendem Vorhang: »Wiederauferstehungsgehampel«

Foto: Christian Thiel / Volksbühne

Vor der Premiere gibt es eine kleine Prügelei auf dem Theatervorplatz. Irgendwelche nicht näher bekannten Aktivistinnen oder Aktivisten haben die Türen der Berliner Volksbühne mit Fahrradschlössern versperrt, die erst mal aufgeknipst werden müssen – und wenig später entrollen ein paar Männer ein Transparent. »Impft euch ins Knie« steht darauf.

Dann versucht ein offenbar für die Technik der Volksbühne verantwortlicher Mann die Demonstranten zu vertreiben. Es kommt zu einer Rangelei und viel Geschrei, der Theatermann wird, soweit sich das erkennen lässt, ins Gesicht geschlagen. Zwei Polizisten eilen herbei und versuchen, den Streit zu schlichten.

Drin im Theater geht es zur Neueröffnung der Volksbühne unter der Intendanz von René Pollesch am Donnerstagabend viel friedlicher und geradezu gemütlich zu. Vier Schauspielerinnen und ein Schauspieler veranstalten ein »Wiederauferstehungsgehampel«, wie es die Darstellerin Kathrin Angerer einmal ausdrückt. Der Darsteller Martin Wuttke trägt ein Skelett auf dem Rücken.

Es lässt sich wie eine Marionette bewegen und sorgt für fast so viele Lacher im Publikum wie Wuttkes schwer ironischer Hohn über eine »neue Kunstrichtung«, die angeblich an einem versteckten Ort im Haus verfolgt wird. Über den drei Frauen und dem Mann auf der Bühne wird ein orangerotes Tuch an diversen Seilen ständig bewegt, oft sieht es aus wie ein Zirkusdach mit vielen Spitzen.

Susanne Bredehöft und Martin Wuttke in »Aufstieg und Fall eines Vorhangs und sein Leben dazwischen«

Susanne Bredehöft und Martin Wuttke in »Aufstieg und Fall eines Vorhangs und sein Leben dazwischen«

Foto: Christian Thiel / Volksbühne

»Viele erwarten hier die Rückkehr der Tragödie«, verkünden sie einmal unter dem »Lappen«, wie sie ihn nennen: »Sobald sich ein Vorhang hebt, erwartet man, das die Tragödie zurückkehrt. Etwas, das so tot ist, wie nur irgendwas sein kann.«

Der ein bisschen läppische (haha!) und an den Titel eines Bertolt-Brecht-Stücks angelehnte Titel der Eröffnungsshow lautet: »Aufstieg und Fall eines Vorhangs und sein Leben dazwischen«. Der Text handelt von ein paar Lieblingsthemen des Autors und Regisseurs Pollesch wie seiner Absage an die Idee, in der Kunstwelt vorgebliche Einzelgenies wie Picasso zu verehren.

Der Text berichtet aber auch davon, wie lachhaft es wäre, wenn ältere Unterhaltungskünstler sich plötzlich als junge, etwas angeblich Neues ausprobierende Rebellen geben würde. Oft ist im Text des 58-jährigen Pollesch auch vom russischen Schriftsteller Leo Tolstoi die Rede. Der war immer ein Neuerungsskeptiker und kein Freund jugendlichen Ungestüms – und er hat mal den schönen Satz geschrieben: »Alter ist Freiheit, Vernunft, Klarheit, Liebe.«

Motto: Probier’s mal mit Gemütlichkeit.

Die Unverschämtheit dieser Theatereröffnung besteht darin, dass sie jeglichen jugendlichen Aufbruchsgeist verweigert. Wie vier Hochspringerinnen und Hochspringer, die jeweils einen langen Anlauf nehmen und dann elegant einen halben Meter unter der aufgelegten Latte auf die Gummimatte schweben, bietet das Darstellerquartett Susanne Bredehöft, Margarita Breitkreiz, Angerer und Wuttke eine Pollesch-Show, wie sie in dieser swingenden Lässigkeit schon oft auf dieser und anderen Bühnen zu sehen war. Man wäscht sich gegenseitig die nackten Füße und watscht sich in einer uralten Clownsnummer gegenseitig ab; und zwischendurch sondert man funkelnde, zum Nachdenken animierende Weisheiten ab. »Es gibt keine andere Kunst als die der Körper«, zum Beispiel.

Swingende Lässigkeit der Pollesch-Show

Swingende Lässigkeit der Pollesch-Show

Foto: Christian Thiel / Volksbühne

Ein Zirkusabend, der Revolutionäre im Rentnerparadies zeigt, ist diese Eröffnung in der riesigen, kahlen Volksbühnenarena, in der in den vergangenen drei Jahrzehnten viele heroische, strapaziöse Kunstschlachten geschlagen wurden, als Frank Castorf der Chef des Hauses war. Nach Castorfs erzwungenem Abgang folgten die aus jeweils unterschiedlichen Gründen umstrittenen und unglücklichen Theaterleiter Chris Dercon und Klaus Dörr. Nun soll Pollesch, der selbst seit Anfang der Nullerjahre unter und neben Castorf in der Volksbühne arbeitete, den Laden wieder in Schwung bringen. Und präsentiert eine Art Roncalli-Event der Theateravantgarde von gestern.

Tatsächlich haben die Volksbühnenleute ein echtes Zirkuszelt auf der Grünfläche vor dem Theater aufgestellt. Ein »Aufbügelservice« für mehr oder weniger originelle T-Shirts wird dort präsentiert. Nachdem die vier Unterhaltungskünstlerinnen und Unterhaltungskünstler auf der Theaterbühne 90 Minuten lang unter dem orangeroten Zirkusdach- und Vorhang-Fetzen gealbert haben, wird im Schatten des echten Zirkuszelts draußen vor der Tür noch ein bisschen gefeiert.

Auf einem riesigen Wahlplakat der Linken, das am Rande des Rosa-Luxemburg-Platzes steht, ist der Kultursenator Klaus Lederer abgebildet. Er hat Pollesch zum Chef der Volksbühne gemacht. Es war eine Entscheidung, die erst mal für Ruhe und Entspannung sorgen dürfte, nach dem Motto: Probier’s mal mit Gemütlichkeit. Danach klingt auch der Spruch, mit dem der verträumt-kuschelig dreinblickende Lederer auf dem Plakat um Wähler wirbt: »Damit Berlin Dein Zuhause bleibt«.

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