Zur Ausgabe
Artikel 70 / 120
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

AM RANDE Voll die Härte

aus DER SPIEGEL 8/1997

Die Beziehung zwischen Literatur und Leben ist ein weicher Futon. »Sie hat schon geschlafen, als sie einen Penis spürt, der versucht einzudringen. Besser als nichts, denkt Rita lapidar.« Rita ist die Heldin des Roman-Erstlings »Kiesbett« von Sabine Csampai, bis 1996 Bürgermeisterin in München, jetzt Stadträtin der Grünen. Weil Rita der Autorin Csampai teuflich ähnlich ist und mithin der autobiographische Gehalt dieser Prosa offensichtlich, sorgt Csampais Buch für Skandalgeschrei rund ums Münchner Rathaus.

Dabei strampeln andere Autoren nicht weniger beherzt im Bettzeug der autobiographischen Wahrheit: »Bei Mark war der Sex eine recht unkomplizierte, eher geschäftliche Angelegenheit. Wir lagen vorwärts und rückwärts über- und untereinander«, erzählt Jean Remeur, der schwule Bonvivant im pornographisch detailgenauen Romandebüt des faz-Feuilletonredakteurs Hans Scherer. »Remeurs Sünden« heißt das Werk.

Csampai, Jahrgang 1952, und Scherer, 1938 geboren, sind nicht nur bemerkenswerte Prosa-Spätlinge, sondern auch lustvoll daherschlurfende Nachzügler des deutschen Freizeit- und Bekenntnisschreibens, dessen Protagonisten unerschrocken zum Angriff auf deutsche Doppelmoral, Verklemmtheit und Humorlosigkeit rüsten.

Auch der ungebrochene Mut zur Trivialität scheint mit dem Alter zuzunehmen. Schon der Erstkrimi der grünen Altfundamentalistin Jutta Ditfurth spielte auf gewagte Weise mit Grammatik und Semantik der deutschen Sprache, und auch Rainer Barzels Erzähldebüt »Das Formular« konnte es nicht mit der geschliffenen Rhetorik seiner Bundestagsreden gegen Willy Brandts Ostpolitik aufnehmen.

Doch im Zeitalter des Hera-Lindismus und der Klimakteriumskatastrophe gibt es kein Pardon. Immer mehr Prominente drängen auf den blutleeren Büchermarkt, um Zeugnis abzulegen von jugendlich-lendenstarker Schaffenskraft.

So sind für den bevorstehenden Bücherfrühling weitere belletristische Überraschungen zu befürchten: Rudolf Scharping präsentiert die Novelle »Harter Sattel«, vielleicht der letzte Schlüsselroman der Bonner Republik, und Guido Westerwelle enthüllt in seinem Band gesammelter Erzählungen - Titel:"Der geile Fön« - die erotische Textur politischer Macht. Für April ist Norbert Blüms aufwühlendes Rentnerepos angekündigt: »Kleiner Mann, was nun?«

Zur Ausgabe
Artikel 70 / 120
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel