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AUTOMOBILE Volldampf voraus

Sie kommen: Für eine neue Mittelklasse-Modellreihe europäischen Zuschnitts, mit Frontantrieb und Quermotor, hat General Motors eine Rekordsumme investiert -- 2,5 Milliarden Dollar.
aus DER SPIEGEL 5/1979

Unter strenger Geheimhaltung setzten sich letzte Woche, gleichzeitig in mehreren Fabriken des US-Auto-Riesen General Motors, die Fließbänder für eine neue Modellreihe in Bewegung. Das Auto (Entwicklungs-Code: Projekt X") hat noch keinen offiziellen Namen, gilt aber schon vor seiner Premiere als neuer Fixstern am GM-Firmenhimmel: »X« bildet, wie ein GM-Manager formulierte, »das Rückgrat unserer Zukunft«.

Jedenfalls ist es die teuerste Korsettstange, die sich je ein Automobilkonzern geleistet hat. Für den blechernen Neuling, der am 19. April auf allen Märkten vorgestellt werden soll, hat die Firma rund 2,5 Milliarden Dollar aufgewendet.

»Wir kennen«, erläuterte GM-Präsident ElliottEstes, »nur noch eine Richtung, und das ist Volldampf voraus.« Der Dampfdruck soll für eine langjährige Zweifronten-Offensive reichen -- das neue Auto soll den Import abblocken und zugleich die Ausfuhr von US-Automobilen kräftig steigern. »Wir glauben«, verriet der Antwerpener GM-Manager Paul Stefens, »daß wir mit diesen Modellen in Europa, mit Deutschland als größtem Markt, wieder wirklich große Stückzahlen absetzen können.«

Für den größten Autohersteller der Welt hat das »Projekt X« noch aus anderen Gründen Gewicht: Sein mäßiger Spritverbrauch soll den Durchschnittsverbrauch aller GM-Modelle unter jene Marke drücken helfen, die US-Behörden als »Flottenverbrauch« festgelegt haben. Mit dieser Aufgabe haben etliche prominente Hersteller ihre Last.

Bisher hatten die GM-Techniker versucht, das Verlangen nach sparsameren Autos durch herkömmliche Maßnahmen zu befriedigen: Sie kappten Überhänge an den Front- und Heckpartien, bauten weniger massive Türen ein, ersetzten Stahlteile durch Leichtmetall und Plastik. Bald war ihnen jedoch klar, daß eine zukunftssichere Lösung die grundlegend neue Konstruktion erforderte.

So entstand das »Projekt X«, mit dem sich zum erstenmal eine US-Autofirma bei einer Kompaktwagen-Baureihe -- der nach Meinung der GM-Marktforscher chancenreichsten Wagenklasse -- von der Standardbauweise abwendet. Statt ihren Neuling, wie seine Vorgänger, mit Frontmotor, Kardanwelle und Hinterradantrieb zu befrachten, wählten die Ingenieure das gewichts- und raumsparende europäische Konzept: mit Quermotor und Frontantrieb.

Die neuen Typen, mit einer Länge von rund 4,50 Metern dem Format des Opel Rekord ähnelnd, sollen bei vier GM-Marken die Kompaktwagen ablösen: Chevrolets Nova, Pontiacs Phoenix, Buicks Skylark und Oldsmobiles Omega. Sie sind kürzer, gleichwohl geräumiger, und rund 400 Kilogramm leichter als die bisherigen Modelle.

»Mit dem Verbrauch«, ließ GM verlauten, »werden wir deutlich über 30 Meilen pro Gallone liegen« -- was sogar dem günstigen Verbrauchswert des VW Golf (in den USA: Rabbit) nahekäme. Mehrere Motoren, so ein Sechszylinder (2,8 Liter) und ein Vierzylinder (2,5 Liter), stehen zur Auswahl.

Beim Zuschnitt der neuen Karosserien haben die Designer gleichfalls »europäischen« Geschmack mit betont klaren Linien und glatten Flächen gelten lassen. Die Käufer können wählen zwischen Fließheck, Stufenheck und Schrägheck mit Kurzkofferraum.

Konkurrenten, die sich technische Details beschafften, verwiesen hämisch auf das verzwickte Marketingproblem, neben der Standardbauweise plötzlich in großen Mengen auch Autos mit Frontantrieb als »neue Kunstrichtung« verkaufen zu müssen. Ungerührt kündigte GM-Präsident Estes an, auf lange Sicht werde GM generell zum Frontantrieb übergehen.

Bedenken haben die GM-Techniker nur wegen ihres branchenbekannten Pechs bei der Einführung neuer Konstruktionen. So wurde Anfang der sechziger Jahre der Mittelklassewagen Chevrolet Corvair (mit luftgekühltem Heckmotor) trotz angeblich sorgfältiger Tests technisch ein Fiasko. Er überraschte etliche Käufer mit Kühlungskalamitäten und tückischem Fahrverhalten. Ähnlich war es beim Kleinwagen Vega (1970), bei dem ungewöhnlich viele Motoren frühzeitig ihren Geist aufgaben.

Deutsche GM-Manager allerdings., die auf versteckten Testgründen Arizonas schon mir den Neulingen auf Probefahrt gehen durften, waren begeistert. Die neuen Typen, in Deutschland wahrscheinlich zu attraktiven Preisen zwischen 12 000 und 19 000 Mark zu erwarten, könnten »in der Technik mit jedem vergleichbaren Frontantriebler aus Japan oder Europa mithalten«.

Zu bemängeln hatten die deutschen Tester eigentlich nur die »zu weiche hintere Sitzbank« -- sie wurde prompt. entsprechend den Bedürfnissen teutonischen Sitzfleisches, härter gepolstert.

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