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MUSIKTHEATER Volltönendes Weltgericht

»Credo«, ein neues Anti-Terror-Oratorium, wird am Freitag dieser Woche teilweise in Belfast, Jerusalem, Istanbul und vollständig in Karlsruhe uraufgeführt.
Von Klaus Umbach
aus DER SPIEGEL 18/2004

Vorsicht, dieses Stück Musik trägt den Mantel der Geschichte, und es trägt schwer dran. Hier klingt es gewaltig nach Uno-Resolutionen, Bibelwort und Koran; hier sprechen Bernhard von Clairvaux, Gotthold Ephraim Lessing und, im Ernst, Eugen Drewermann. Hier, o Mensch, tönt es hoch und heilig.

»Kämpfer Christi« werden bemüht, der »Schild des Glaubens« wird hochgehalten. »Ihr sollt ihre Altäre niederreißen«, fordert der Jude. »Tötet sie, wo immer ihr auf sie stoßt!«, verlangt der Muslim. »Verflucht der Mensch, der sein Schwert vom Blut zurückhält!«, verkündet der Christ.

Das Stück mit der nachtschwarzen Weltenschau heißt »Credo«, sein roter Faden vom Turmbau zu Babel über Kreuzzüge und Weltkriege bis zu den Heckenschützen von Bagdad und den Selbstmordkommandos in Jerusalem ist eine einzige Blutspur.

Seit gut drei Jahren ist »Credo« in Planung. Aber auch knapp eine Woche vor der Weltpremiere ist immer noch ungewiss, wie das Stück wird, wenn es wird: Erst am Freitag dieser Woche, am Abend der Uraufführung, kann das szenische Oratorium überhaupt erstmals komplett dargeboten und in seiner endgültigen Fassung beurteilt werden - wenn mit der teilweise ins Ausland verlagerten Komposition und den logistischen Bedingungen ihrer Endmontage alles klappt.

Rund ein Drittel des 100 pausenlose Minuten langen Werks wird nämlich nicht am Premierenort Karlsruhe aufgeführt, sondern zeitgleich und live in Belfast, Istanbul und Jerusalem. Von dort müssen die einzelnen Beiträge - vor allem musikalische Partien, aber auch szenische Zutaten - über Satellit auf die Bühnenmonitore im Badischen Staatstheater gefunkt und auf die Sekunde genau in die dort laufende Aufführung eingepasst werden - musikalisch wie fernmeldetechnisch ein Himmelfahrtskommando.

Als sich der Karlsruher Intendant Achim Thorwald und der italienische Komponist und Dirigent Andrea Molino im Frühsommer 2001 über ein gemeinsames Projekt berieten, waren sie schnell auf den Gedanken verfallen, die weltweit existierenden ethnischen und religiösen Konflikte anzusprechen und in einem neuartigen multimedialen Musiktheater zur Diskussion zu stellen.

Dabei konnte Molino neben seiner Erfahrung als (gemäßigter) Neutöner vor allem seine guten Beziehungen zu der Kunstwerkstatt Fabrica in der Nähe der italienischen Stadt Treviso einbringen. Diese von dem Klamottenschneider Benetton eingerichteten Studios für schöne Künste - Molino leitet die Fachrichtung Fabrica Musica - gestatteten von Anfang an die Planung einer neumodischen Kombination: Instrumentale und elektronische Musik, Text, Video, Design und aktuelle Technologie sollten zu einem futuristischen Gesamtkunstwerk verschweißt werden.

Nachdem Thorwald, 60, und Molino, 39, »eine riesige Sammlung einschlägigen Materials aus der Menschheitsgeschichte« angelegt und sich auf Belfast, Istanbul und Jerusalem als »faszinierende Schauplätze religiöser und politischer Konfrontation« festgelegt hatten, formulierten sie die Grundidee ihrer musiktheatralischen Novität: Es galt, das irdische Jammertal zu besingen und gleichzeitig das Hohelied menschlicher Toleranz anzustimmen. Es ging um die große philantropische Kiste.

»Wir wissen zwar«, so Thorwald, »dass wir die Welt mit diesem Projekt nicht retten können«; aber »Kunst, Theater und Kommunikation« hätten heute »das Recht und die Pflicht«, beteuert Molino, »sich die Hände schmutzig zu machen«.

Jedenfalls montierten die beiden Weltendeuter aus ihrem gigantischen Fundus einschlägiger Dogmen, Appelle, Parolen und Berichte mit missionarischem Feuereifer ein bombastisches Glaubensbekenntnis. Löblich das Ganze, wenn auch, bühnentheatralisch betrachtet, nicht gerade eine Idee von mitreißendem Wuppdich.

Trotz rigorosem Verzicht auf Kostümschick und Kulissenzauber (geplant ist lediglich ein aus feinen Leuchtfäden gewirkter Vorhang als imaginärer Drahtverhau vor den in Schwarz gewandeten Spielern) soll es im Badischen Staatstheater allerdings nicht ganz so schmuck- und bewegungslos zugehen wie auf einer Kanzel, wo der Pastor den Gläubigen die Leviten liest.

Zur Entspannung und Einstimmung des Publikums sollen Stadtansichten von den drei politischen Knotenpunkten eingeblendet werden und Live-Kameras ungewohnte Einblicke in das auf der Bühne agierende Karlsruher Orchester vermitteln. Dazwischen berichten Zeit- und Augenzeugen aus Israel in gefunkten Video-Zuspielungen über die Eskalation des Terrors und der Trauer.

Hier die jüdische Mutter, die sich über ihren toten Sohn mit dem blutbefleckten Hemd beugt und fortan alle Palästinenser »wirklich hassen muss": »Ich kann ihnen nicht mehr in die Augen sehen. Wie kann eine Mutter ihr leibeigenes Kind für ein Selbstmordkommando freigeben?«

Und gleich darauf, Schnitt, die arabische Mutter, deren Sohn die tödlichen Explosionen am eigenen Leib ausgelöst hat: »Klar, jede Mutter fühlt dasselbe. In Gedanken und in der Erinnerung sitzt mein Junge immer noch neben mir, jeden Tag, jede Nacht. Ich kann nicht aufhören zu weinen.«

Ungleich komplizierter als die optische Aufbereitung mit O-Tönen verläuft der instrumentale Kommentar zur Karlsruher Weltanschauung. Das aufwendig und exotisch besetzte Badener Hausorchester spielt sich, getreu dem komplexen Reglement in Molinos überdimensionaler DIN-A2-Partitur, mit vierfachem »Forte brutale« durchaus als raubeiniger Schlägertrupp auf, um nur wenige Momente später unter vierfachem »Piano delicatissimo« in pointillistischer Anmut zu kuschen.

Mal geht ein greller Ruck durch die ganze Kapelle, durchaus auch mal bis an die Schmerzgrenze zu akustischem Terror; dann wiederum besänftigt sich das Tutti in fast gespenstisch ausgedünnter Weichzeichnerei. Das fünfteilige Oratorium hat rhythmisch knallharte, verbiesterte Partien, daneben Passagen in delikatem Filigran. Molino: »Meine Musik will emotional wirken.«

Weiter differenziert wird das ohnehin wechselhafte Klangbild durch zwei Vokalistinnen mit hochvirtuosem Sprechgesang und durch den Einsatz exotischer Instrumente, beispielsweise des arabischen Schlagzeugs Darabuka, hohler afrikanischer Kürbisse und etlicher Ölfässer.

Eine internationale Co-Produktion ergibt sich durch das Engagement eines neuseeländischen Cellisten, eines Schweizer Saxofonisten, einer keltischen Harfenistin und eines arabischen Nay-Flötisten, die ihre Parts größtenteils bereits letzten Monat in Fabrica einstudiert haben. Sieben Karlsruher Schauspieler rezitieren ihre Texte zu oder zwischen den Musikpassagen. Auch Nathan der Weise darf mitreden.

Die schrillste Nummer beim kommenden Karlsruher Weltgericht aber dürfte dem tolldreisten Gesangsstar David Moss vorbehalten sein. Dieser Typ: ein Stimmband wahlweise aus Schmirgelpapier oder aus Taft. Die Kehle mal voll ätzender Säure, mal voll Calgon. Kann girren, rülpsen, blöken, kann Kotzbrocken sein, feiner Pinkel und große Diva. Hat 2001 als Prinz Orlofsky die noble Salzburger »Fledermaus«-Klientel aus der Festspiel-Fassung gejault; Randale, Skandal. Allein schon Moss, dieses Ass unter den avantgardistischen Sangesbrüdern, dürfte die Premiere in Karlsruhe lohnen. Sagen wir so: Credo. KLAUS UMBACH

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