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Vom BBC auf deutsche Bühnen

aus DER SPIEGEL 15/1947

Seit einer kleinen Reihe von Tagen sind Lucie Mannheim und Marius Goring in der britischen Zone auf Tournee unterwegs, als Germaine und Maurice. Es läßt sich einigermaßen kurz sagen, wer Germaine und Maurice sind: die Rollen in Louis Verneuils 2-Personen-Stück, in dem ein gewisser Herr Lamberthier als Dritter aus dem Hintergrund per Telefon und auch sonst sehr verhängnisvoll eine intensive Rolle spielt. Weswegen denn auch das Stück, eine mordsmäßig spannende literarische Sache von 3 Akten, gemeinhin unter den Titeln »Monsieur Lamberthier« oder »Der dritte Mann« firmiert.

Es läßt sich bei weitem nicht so komprimiert in einem Hauptsatz und einigen Nebensätzen sagen, was es mit Lucie Mannheim und Marius Goring auf sich hat. Es hängt mit dem Unterschied zusammen, der zwischen zwei Rollen der abendfüllenden Literatur und zwei Menschen des tätigen Lebens besteht.

Lucie Mannheim gehörte bis 1934 zu den bekanntesten und beliebtesten Schauspielerinnen Berlins. Sie hatte dort, selbst Berlinerin, zum erstenmal auf der Bühne gestanden, als sie 16 Jahre alt war. An verschiedenen Berliner Bühnen, zuletzt im Staatstheater, hat sie danach viele sehr verschiedene Rollen gespielt - »alles durcheinander« sagt sie: Ibsens Nora so gut wie mit Käthe Dorsch in Leo Falls Operette »Die Kaiserin«, mit Albert Bassermann in »Monsieur Lamberthier« so gut wie in den Silvester-Schwänken, die eigens für sie geschrieben wurden.

1934 kam Lucie Mannheim nach England, und als sie in London ihr Auftreten in »Das unbekannte Mädchen«, dem Stück des Ungarn Franz Molnar, vorbereitete, trat der Augenblick ein, da sie Marius Goring kennenlernte. Sie suchte den geeigneten Partner, und man gab ihr das »spotlight«, den Schauspielerkatalog mit den vielen Photos.

Lucie Mannheim fand, daß der Schauspieler, unter dessen Photographie Marius Gering stand, der richtige sein könnte. Das Engagement wurde perfekt, und es wurde später im bürgerlichen Leben ein beiderseitiges Engagement daraus: Lucie Mannheim und Marius Goring heirateten.

Marius Goring, auf der Insel Wight, in Newport geboren, ist vornehmlich im Old Vic, Londons Bühne mit dem sehr gewählten Spielplan, aufgetreten. Mit englischen Schauspielertruppen bereiste er den Kontinent. Seit 1936 hat er auch in Filmen gespielt, und er hatte letzthin einen sehr grollen Erfolg in »A Matter of Life and Death (Eine Sache auf Leben und Tod). Es ist der hervorragend eigenartige Film von den Phantasien und Visionen eines abgestürzten Fliegers. Er spielt teils im Diesseits, als Farbfilm, teils im Jenseits, als Schwarz-Weiß-Film.

Marius Gering und Lucie Mannheim traten vor dem Kriege zusammen in verschiedenen Theatern Londons auf. Auch durch die Filme, in denen sie spielten, und durch die Rundfunksendungen, in denen sie sprachen, wurden sie bekannt.

Während des Krieges war dann als Sprecher der Sendungen im Europa-Dienst des BBC ein Mister Charles Richardson zu hören, und viele hörten ihn, in Deutschland, wie sich aus Gefangenenaussagen ergab, selbst Generäle, die sich besser zu unterrichten wünschten, als es ihnen sonst möglich war. Dieser Charles Richardson war Marius Goring.

Es gab zwei Gründe für das Pseudonym. Einmal ging es nicht an, daß ein Soldat - und Goring war Soldat geworden - im Rundfunk auftrat. Und dann wünschte man keinen Namen, in dem ein Hörfehler so leicht aus einem o ein ö hätte machen können.

Nach dem Kriege haben Lucie Mannheim und Marius Goring bei vielen Sendungen des BBC German Service vor dem Mikrophon gestanden. Die Combined Services Entertainment Unit, welche die Tournee durch die britische Zone arrangierte, nutzte diese Gelegenheit, um das deutsche Publikum mit dem Schauspielerehepaar nun auch persönlich bekannt zu machen: Lucie Mannheim und Marius Goring spielen den »dritten Mann« wechselnd in englischer und deutscher Sprache.

»Ich glaube«, sagte Marius Goring (er ist 35 und sieht jünger und auch im zivilen Dasein etwa so aus, wie Schauspieler auszusehen wünschen, wenn sie in Oscar Wildes Gesellschaftskomödien die Herren mit den faszinierend paradoxen Aphorismen spielen) - »ich glaube, es geschieht zum erstenmal in der Theatergeschichte, daß dieselben Schauspieler dasselbe Stück in zwei Sprachen spielen«.

Der Wechsel von einer Sprache in die andere in ein und demselben Stück verlangt eine strenge Konzentration. Lucie Mannheim bekennt, daß sie bisweilen nahe daran ist, in der englischen Fassung ein deutsches Stichwort oder umgekehrt im deutschen Text ein englisches zu geben.

Die Gastspielreise, die via Berlin alle größeren Städte der britischen Zone berühren soll, wird etwa neun Wochen dauern. Dann warten auf Marius Goring in England Filmverpflichtungen.

Die jetzige Tournee begann in Lüneburg. In Lüneburg war es, wo das Schauspielerehepaar Mannheim-Goring nach 8 Jahren zum erstenmal wieder Theater spielte.

»Ich habe mir nicht träumen lassen«, sagt Frau Lucie Goring, geb. Mannheim, »daß ich einmal in Lüneburg mit einem Engländer, der mein Mann ist, in einem französischen Stück in Deutsch und Englisch spielen würde.«

Spiel in zwei Sprachen - Germaine und Maurice: Lucie Mannheim und Marius Goring

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