Vom Encounter zum Inkasso
Wie die deutschen Mönche Bhagwans neuerdings über ihren Guru reden, das klingt nach Religion wie nach Rendite. »Freigiebig und bedingungslos« verschenke er seine Liebe, so rühmte ihn seine »Rajneesh Times«. Und hatte ihn auf der Seite davor so zitiert: »Äußerer Reichtum ist schön.«
Eine »innere Ablösung von den falschen Verheißungen des Geldes« hätten seine Jünger vollzogen, konstatiert verzückt das Zentralorgan: Ein spirituelles, ein »neues Zeitalter« sei angebrochen.
Dann wieder enthüllt »Swami Dhyan Dipo«, in frühren Zeitaltern als Urs Birnstiel Unternehmensberater, daß »Geld eine Form von Energie« sei; listet »Die Rajneesh Times« Werkstätten, Restaurants und Groß-Diskotheken auf und triumphiert: »Sannyas-Firmen im wirtschaftlichen Aufwind.«
Das ist leicht untertrieben. Denn beim Aufbau ihres Geschäftsimperiums schlagen Bhagwans deutsche Jünger ("Sannyasin") aus ihrer Religion, was »McDonald's« aus Hackfleisch macht, nämlich Profit aus der Ladenkette.
Mehr als ein halbes Jahrzehnt lang, seit der indische Mystifax Bhagwan Shree Rajneesh labile Westler in sein Poona lockte und dort in einem bunten Lehren-Mix aus westlichen Psycho-Trips und östlichen Weisheiten seelenbaden ließ, seither galten die rot gewandeten Jüngerinnen und Jünger des Bhagwan als eine Art meditierender Späthippies: drinnen Sex, draußen sanft.
»Ganz entspannt im Hier und Jetzt«, so pilgerten sie dann gegen Entgelt seit 1981 zu ihrem Gott ins amerikanische Oregon, wo er neben eigenem Stausee inzwischen seine Heilige Stadt Rajneeshpuram hat errichten lassen: ein bißchen Tanz, ein bißchen Trance, immer die »Mala«-Dienstmarke mit dem Bhagwan-Porträt um den Hals und im Herzen die Suche nach dem wahren Selbst. Am gründlichsten entdeckten es die Sannyasins in Kölns »Belgischem Viertel«.
Purpur, pink und zinnober leuchten Leibchen und Hemden im Restaurant, Kaffeehaus und Kiosk »Zorba the Buddha«, Brüsseler Straße 54. Am anderen Ende des Blocks, Lütticher Straße 13, werkeln rot Gewandete für die Firma »Rajneesh Bau«.
Schräg gegenüber, in der Brabanter Straße, nicht weit von der Bhagwan-Diskothek »Far Out«, praktiziert Swami Dhyan Pritamo, bürgerlich Doktor Wolfgang Potthoff, Allgemeinmedizin.
Am heftigsten aber rötelt es in und um den Altbau Lütticher Straße 33-35. Dort, gegenüber dem Meditationszentrum und geographisch etwa in der Mitte der roten Gegenwelt - die Bhagwan-Jünger belegen, oft zum Verdruß alteingesessener Mieter, Wohnungen per Dutzend -, befindet sich »Sagar Rajneesh Sannyas Ashram«, das Gemeindehaus. Rund 120 Full-Time-Sannyasins leben im Viertel in Wohngemeinschaften, speisen in einer Kantine. Die Rezeption - Glas, Chrom, Leder - paßte in jeden Konzern.
Das Büro des »Center-Leiters« - Couch, Charts, Sessel - schmückt eine Glasvitrine, in der, Reliquien gleich, eine Wollmütze und ein Pullover des Meisters sowie eine Pfauenfeder aus Oregon hinter Glas aufbewahrt werden. Im Wandregal aber steht das »Handbuch des Direct-Marketing«.
Da sind die Roten jetzt schon Meister. So amerikanisch-poppig schleuderten Anfang Juni strahlende Nonnen des Bhagwan ihre »Rajneesh Times« (Wochenauflage 7000) vom offenen Cabrio unter das Christenvolk am Kölner Dom, daß ein wackerer Pionier aus Frankfurt erkannte: »Wie Ronald Reagan im Wahlkampf« und ausstieg.
Der Schritt vom Encounter zum Inkasso paßt zumindest der ersten Bhagwanisten-Generation famos in den Lebenslauf: Ende zwanzig oder Anfang dreißig, meist seit Poona dabei, ordnen die Juniorchefs des Guru ihr Leben ebenso zielstrebig wie ihre Altersgenossen in Flanell.
Die Rauschebärte sind gefallen, die Mittelscheitel onduliert. Schräg geschnittene Leibchen, leichte Sommeranzüge in cremigen Altrosa: das ist Swami-Chic '83, Hamburger Sannyasins planen einen Modeladen.
Weil irgendwann allmählich auch der Bhagwan die endgültig höchste Bewußtseinsstufe erlangen wird, deshalb wird die Nachfolgefrage drängend. Nun bringen die Filialleiter ihren Laden in Ordnung. »Swami Ramateertha«, 32, gelernter
Arzt, früher Robert Doetsch, als »Koordinator« in Köln für die knirschfreie Abwicklung der Geschäfte zuständig: »Die jahrelange Selbstbegegnungsphase ist zu Ende. Jetzt sehen wir in unser Inneres, indem wir uns auf die Außenwelt orientieren.« Also: »Arbeit ist Meditation.«
Wer so endgültig die Trennung von Außen und Innen, von ora und labora überwunden hat, dem ist oben auch wie unten, Chef wie Scheuerfrau.
Streng businesslike ist der Konzern in zehn »Departments« gestaffelt - von den »Handimen« (= Handwerkern) über die Küchencrew bis zu »Einkauf/Verkauf« und jenen religiösen Rackerern in der Abteilung »Cleaning«, die sich »Raidas«, die »Erleuchteten« nennen: des Gurus Putzkolonne. Seit Mai wischen und fegen die frommen Saubermänner im höheren Auftrag.
»Rolls-Royce-Stil« für jeden, forderte Bhagwans Zentralorgan und spielte auf empörte Berichte in Zeitungen an, denen seine damals nur 23 Luxuslimousinen für nur einen Gott übertrieben vorkamen.
»Mit der einfachen Geste, daß er in den teuersten Wagen der Welt einsteigt, provoziert Bhagwan offenbar eine der dunkelsten Tabuzonen«, erkannte »Die Rajneesh Times«, nämlich die »Trennung von Geld und Liebe«. Damit ist nun Schluß.
Rund eine halbe Million Mark investierten die Berliner Bhagwan-Jünger bis Ende Februar in ihre Diskothek »Far Out«, Kurfüstendamm, beste City-Lage. Pro Abend mindestens 1000 Gäste zieht das teuerste und glamouröseste Objekt der deutschen Sannyasins an (Eintrittspreis fünf Mark) und wird bei kalkulierbar üppigen Einnahmen (Whiskey-Cola acht Mark, Dom Perignon 280 Mark) noch dieses Jahr amortisiert sein.
»Far Out« - mit dem Ausruf zeigten kalifornische Hippies gern den Zustand der Glückseligkeit an - heißen Bhagwan-Diskotheken in Köln und Frankfurt. In Hamburgs Schicki-Micki-Viertel Pöseldorf erstanden Sannyasins kürzlich das »Savoy«.
Und »Zorba The Buddha« - der Name soll die Verkörperung griechischer Lebensfreude mit östlicher Weisheit adeln - nennen Gastwirte des Guru ihre vegetarischen Restaurants in Frankfurt, Hamburg, Karlsruhe, Hannover und Köln. Kostprobe: »Frische Artischocke blanchiert, mit Sauce nach Wahl - Aioli, Vinaigrette, Sahne-Kräutersauce« zu 6,50 Mark oder Sektfrühstück mit Spargelomelette zu 25 Mark. Der Service ist, ähnlich wie bei Steakhaus-Ketten, schon die halbe Erfolgsphilosophie.
Weil kein Sannyasin das Gefühl habe, in einem fremden Betrieb zu arbeiten, analysiert Swami Dhyan, der ehemalige Unternehmensberater, bleibe auch beim Kunden ein Hauch jener Harmonie hängen, die die Zusammenkünfte der Bhagwan-Schüler kennzeichnet: ewige Umarmungen, einprogrammiertes Lächeln.
Strahlend weiß und doch nicht grell, mit sattem Schall und doch nicht tosend, mit dezent gestreuten Spiegeln, zwei Bars (Espresso und Capuccino inklusive), ein kleiner Brunnen im Saal verschafft eine linde Brise: Ausstattung und Programm der »Far Out«-Diskothek, die nur wenige Schritte von Berlins Schaubühne am Lehniner Platz entfernt liegt, verraten bestes Management, lange Erfahrung.
Da rücken nach Mitternacht sogar schräge und bunte Vertreter der coolen Berliner New-Wave-Szene auf die Ledersessel des »Far Out«. Hauptsächlich aber wirkt die weiche Mischung aus Oldies, moderat schiefen und nur selten harten Klängen auf Besucher, die sich von den rüden Sitten und harten Klängen der grellen Nach-Punk-Läden abgestoßen fühlen. Und ganz nebenher trägt auch das Image der Bhagwan-Mädchen - allzeit bereit - zum Geschäftserfolg des Tanztempels bei.
Berlin, Frankfurt, Hamburg, Köln - nach Art kommunizierender Röhren können die Diskotheken-Manager Tips und Tricks austauschen, ebenso wie die jeweils autark arbeitenden Sannyasin-Kleinunternehmen: die Bio-Bauern von »Vermikon Kitza & Co.« (Kompostwürmer), die Freiburger »Meisterwerkstatt« mit Geigen oder die Lautsprecher-Bauer von »Sangit HiFi«.
Für den kleinen Werksverkehr rollen allein im Kölner Ashram über acht Fahrzeuge vom VW-Bulli bis zum Mercedes-Dienstwagen.
Wie sich die bundesweit gestreute Kette der Gemeindezentren sinnvoll nutzbar machen läßt, exerzierten die Roten am Beispiel ihrer »Tuli«-Fenster. O-Ton »Rajneesh Times":
»Dem Mainzer Anunado-Ashram bot sich die Gelegenheit zum Kauf der Tuli-Firma. Eine eingehende Marktanalyse ließ den Kauf als lohnend erscheinen. 'Plötzlich', erinnert sich (der Sannyasin - d. Red.) Anurago, waren Kreditgeber da, private wie auch Banken. Wir machten ihnen klar, über welch ein umfangreiches Vertriebsnetz wir durch die Vielzahl der Sannyas-Zentren verfügen, von denen aus der Vertrieb ohne zusätzliche Kosten leicht aufgebaut werden konnte.'«
Wem lästige Begleitumstände derart erspart bleiben, der kann auch spielerisch wirtschaften:
In aller Gelassenheit eröffneten die Kölner Roten einen Weinladen, den sie bald wieder schlossen, weil die Rendite nicht allzu toll war. Lässig eröffneten sie eine Firma für Computer-Software, weil im »geballten Energiepotential« des Ashram der eine oder andere Programmierer zu finden war. Ebenso lässig gaben sie das Unternehmen wieder auf. Nun planen sie eine zweite Diskothek, die noch größer und umsatzträchtiger als, far out!, die Berliner sein soll.
Binnen weniger Tage und mit Gespür für Marktlücken richteten hellwache Hannoveraner ein halbes Dutzend Wohnungen für Messebesucher her. Bhagwan - »Ma Deva Rikto": »Die für die
Betreuung der Gäste verantwortlichen Sannyasins gaben all ihre Liebe. Sie waren rund um die Uhr für die Gäste da, bereiteten das Frühstück, sorgten für frische Blumen und machten sauber.«
Die neuen Mönche erhalten Lohn, der Ashram zieht Wohn-, Verpflegungsgeld sowie die Gebühren für die Zimmerreinigung und Sozialversicherung ab und verwaltet die Reisekasse für den Trip zum Bhagwan, gelegentlich wird er im Bhagwan-Reisebüro gebucht. Derzeit bleiben jedem Kölner Gotteswerker 150 Mark im Monat.
In Berlin tritt die Dachorganisation, eine GmbH, als Disko-Gesellschafter auf. Wer zum Sannyas-Unternehmer avancieren will, muß das Startkapital selbst beschaffen, das Risiko liegt bei den im Handelsregister eingetragenen Einzelpersonen.
Allerdings: Um den Ruf in der Stadt zu wahren, vermutet Kölns Center-Leiter, würden Ashram-Gemeinden bei Pleitefällen wohl »für eine saubere Abwicklung sorgen«.
So solvent wirken die Erfolgsmönche inzwischen auf die Geschäftswelt, daß ein Wuppertaler Immobilienmakler unaufgefordert ein Dreieinhalb-Millionen-Objekt in bester Innenstadtlage zum Kauf anbot, 664 Qudratmeter, Massivbauweise. Beliebteste Gesellschaftsform in der roten Konzern-Gemeinde ist derzeit die »Gesellschaft bürgerlichen Rechts« (GbR), mit beliebig vielen Gesellschaftern. Die sind leicht aufzutreiben (für Deutschland werden 50 000 Sannyasins geschätzt), und die Vielzahl der Teilhaber hilft mit, den Gewinn steuertechnisch zu minimalisieren.
Doch auch für das Seelenheil jener Jünger außerhalb des inneren Zirkels, die nicht im Bhagwan-eigenen Unternehmen arbeiten, hat der Erleuchtete gesorgt: Wer in Oregon ferienhalber Meditations-Dienst tun will - als Maurer oder Küchenhilfe -, der entrichtet gern auch 40 Dollar pro Arbeitstag.
Die Wende hat die Religion auch intern vollzogen. Als zur diesjährigen Jubelfeier eine 48seitige Sonderausgabe der »Rajneesh Times« erschien, da entboten Restaurants und Cafes aus zwei Kontinenten ihrem teuren Bhagwan Liebesgrüße. Der Anzeigenpreis pro Seite lag bei 800 Dollar.
Kölner Experten halfen ihren Berliner Brüdern mit Know-how aus. Sollte jedoch, fiktiver Fall, einmal eine arme Gemeinde bei den Großfilialen um eine milde Gabe einkommen, dann würde »allenfalls über einen Kredit verhandelt« (Kölns Ramateertha).
Die Verhandlungen wären eine Art Nachhilfeunterricht in Religion. Swami Anand Geetam, Berlin, der früher Reinhard Frantz geheißen hat: »In Unterpusemuckel sind die Leute vielleicht noch auf einem anderen Bewußtseinsstand. Bhagwan ist ja nun schon über zwei Jahre in Amerika.«
Läßt man erst einmal die Vorstellung hinter sich, daß man für seine
Arbeitsleistung bezahlt wird, werden viele Dinge möglich. Die
Rajneesh Times