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BÜCHER Vom Winde verweht

Julien Green: »Von fernen Ländern«. Aus dem Französischen von Helmut Kossodo. Hanser Verlag, München; 1008 Seiten; 49,80 Mark. *
Von Rainer Traub
aus DER SPIEGEL 31/1988

Gut ein halbes Jahrhundert ist es her, daß der junge, aber bereits berühmte Pariser Schriftsteller Julien Green, Sohn protestantischer Eltern aus dem amerikanischen Süden und Bürger der Vereinigten Staaten, ein groß angelegtes Romanwerk in Angriff nahm. Es sollte dem gelobten Land seiner Vorfahren ein literarisches Denkmal setzen.

Die Schauplätze der Handlung, die er Mitte des 19. Jahrhunderts ein Jahrzehnt vor Ausbruch des Bürgerkriegs ansiedelte, kannte er aus den Erzählungen seiner Mutter, ein wenig auch aus eigener Anschauung; er hatte dort, in Georgia und Virginia, einige Studienjahre verbracht.

Die Arbeit an diesem Südstaaten-Epos ging zügig voran. Da erschien, im Jahr 1936, ein Buch, das alle Pläne des Schriftstellers durchkreuzte. Es bebilderte nicht nur die gleiche Epoche und dasselbe Sujet mit grellbunten Farben, es wurde vor allem ein so triumphaler Erfolg, daß ein zweiter Roman zu diesem Thema von vornherein zu einem

Schattendasein verurteilt gewesen wäre: »Vom Winde verweht« hieß der Bestseller der Amerikanerin Margaret Mitchell; er lieferte die Vorlage zu einem nicht minder populären Film. Julien Green legte seinen Entwurf beiseite, das Fragment kann in der französischen Gesamtausgabe seiner Werke besichtigt werden.

Als Greis nun hat der Methusalem der französischen Literatur, der erste Ausländer, der in den Olymp der »Academie Francaise« zugelassen wurde, den einst verlorenen Faden wiederaufgenommen und die nostalgische Mär »Von fernen Ländern« zu Ende erzählt.

Wie ein Dinosaurier im zoologischen Garten nimmt sich die Spätgeburt in der zeitgenössischen Literatur aus: ein Regalbieger, viermal so beleibt wie ein durchschnittlicher Roman; eine ausufernde und frappierend altmodisch erzählte Fabel; ein bittersüßes Melodram, halb Familiensaga, halb historisierendes Epos.

»Zur Erinnerung an meine Mutter, eine Tochter des Südens« - so lautet die Widmung des eigentümlichen Kolossalgemäldes. Zentrale Heldin ist die 16jährige Engländerin Elizabeth Escridge, die, nach dem Tod des Vaters mit der Mutter verarmt, vor der materiellen Not Zuflucht in der Neuen Welt sucht: bei reichen Verwandten auf einer Baumwollplantage.

Ebenso befremdet wie fasziniert, wird Elizabeth in eine Welt aus Luxus, Standesdünkel und abgezirkelter Konventionen hineingezogen. Sie amüsiert den patriarchalischen Familienclan mit feurigen Plädoyers gegen die Sklaverei, läßt sich aber gern von den ihr treu ergebenen schwarzen Seelen umsorgen.

Seltsam stereotyp wirken diese Perlen. »Aus ihren Augen«, heißt es von einer der Leibdienerinnen, »leuchtete die Güte der Schwarzen und ihr tragischer Wunsch zu lieben.« Die guten Schwarzen reden allesamt so possierlich, wie man es aus »Onkel Toms Hütte« kennt: »Massa Cha'lie hat gesagt, ich soll mich um Sie kümme'n. Ich heiße No'a.«

Unter der flirrenden Hitze des Südens fließen die Tage gleichförmig dahin. Sie sind ausgefüllt mit opulenten Mahlzeiten, deren Schilderung einen guten Teil des Romans einnimmt, mit Diskussionen über den drohenden Bürgerkrieg, mit Spazierfahrten in noblen Kaleschen und mit häufigem Garderobenwechsel. Hin und wieder unterbricht ein sorgfältig arrangierter Ball oder ein Duell im Morgengrauen das Einerlei des Wohllebens.

Als ein Düsterling namens Jonathan, vor dem Elizabeth von aller Welt gewarnt wird, ihr seine Liebe erklärt, ist es um die junge Lady geschehen. Wie in einem Kolportageroman liest sich die Schilderung der Begegnung: »Ihre Blicke trafen sich, und sie fühlte, daß sie verloren war. Aus dem Grunde dieser hellen Augen stieg ein mächtiger Ruf zu ihr auf.«

Doch Jonathan heiratet anstelle Elizabeths die schöne und reiche Annabelle. Elizabeth wird, um sie von ihrem unheimlichen Verehrer fernzuhalten, zu einem Onkel nach Savannah geschickt, von dessen Sohn Ned sie sich schließlich verführen und heiraten läßt. Jonathan freilich kehrt zurück, und im Schutz eines dunklen Waldes kommt es zum doppelten Ehebruch der unglücklich Liebenden, getreu einer berühmten Tagebuch-Maxime des demnächst 88jährigen Romanciers und Katholiken: »Man macht einen Roman aus der Sünde wie einen Tisch aus Holz.«

Im Duell bringen sich der Ehemann und sein Nebenbuhler wechselseitig tödliche Wunden bei. Neds Kind aber, das Elizabeth wenig später gebiert, wird von der Witwe in zärtlichen Augenblicken nur »Jonathan« genannt.

Das antiquierte Handlungsgewebe ähnelt »Vom Winde verweht« in mancher Hinsicht verblüffend. Beide Werke sind rund tausend Seiten stark. In beiden Fällen sind die Hauptpersonen, Scarlett O'Hara und Elizabeth Escridge, zu Beginn der Ereignisse 16jährige Mädchen. Beide Heldinnen verlieben sich vor dem Hintergrund der Sklavenwirtschaft und des heraufziehenden Bürgerkrieges unglücklich in dunkle Zynikergestalten: Rhett Butler und Jonathan Armstrong.

In einem Interview hat Julien Green mitgeteilt, erst in jüngster Zeit habe er die Mitchell-Romanze gelesen, über die er sich durchaus positiv äußerte. Es gibt keinen Grund, an seiner Aufrichtigkeit zu zweifeln, zumal die strenggläubige Mutter, der sein Roman gewidmet ist, ihren Kindern einst mit drakonischen Mitteln das Lügen austrieb: Mit Schmierseife pflegte sie jedem, den sie bei einer Schwindelei ertappte, den Mund auszuwaschen.

Es mindert die Irritation des Lesers jedoch keineswegs, daß die Parallelen zwischen beiden Monumentalromanen womöglich rein zufällig sind. »Von fernen Ländern« soll das Werk eines Zeitgenossen sein?

Gewiß, ein Komplice seines Jahrhunderts ist Julien Green nie gewesen, aus dem Widerwillen gegen sein Zeitalter hat er auch früher kein Hehl gemacht. »Die Gefühle eines Menschen aus dem Mittelalter« hege er gegenüber dem Telephon und anderen modernen Erfindungen: So kann man es in Greens Tagebüchern aus dem Jahr 1940 lesen.

Aber ungeachtet dieser radikalen Antimodernität hat der Puritanersohn Green mit der düsteren Abgründigkeit seiner frühen Romane, in denen scheinbar unauffällige, durchschnittliche Existenzen zum Opfer unbezwingbarer Leidenschaften und zu Rasenden werden, einst auf Anhieb seinen Platz unter den Klassikern eingenommen. An die Naturgewalt eines Gewitters fühlte sich vor Jahrzehnten Walter Benjamin bei der Lektüre Greens erinnert.

Aus dem Gewitter ist im Altersroman ein nicht enden wollender Nieselregen geworden.

Rainer Traub

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