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FILM Von der Hand in den Mund

»Vogelfrei«. Spielfilm von Agnes Varda. Frankreich, 1985; 107 Minuten; Farbe. *
Von Urs Jenny
aus DER SPIEGEL 19/1986

Agnes Varda, die macht, was sie will, und will nicht klüger werden. Zu einer ordentlichen »Karriere« hat das nicht führen können, so eigen, so spontan, so selbstbestimmt. Ihren ersten Spielfilm hat sie vor mehr als dreißig Jahren gedreht, vor zwanzig Jahren war sie ziemlich berühmt (vor allem durch »Das Glück"), die Vorzeige-Frau der französischen Nouvelle Vague, und schließlich wollten die Autoren von »Hair« sogar, daß die Varda ihr Musical groß in Hollywood inszeniere. Das konnte nicht sein.

Denn gerade Agnes Varda hat mit festen Kinogenres und vorgegebenen Erwartungen nie etwas im Sinn gehabt. Sie erzählt Geschichten, wie sie es mag, kleine und größere, oft improvisierend, in längeren oder kürzeren Filmen, die nicht immer glatt als Spiel- oder Dokumentarfilme abzustempeln sind, meistens Geschichten von Frauen, wie zuletzt, vor ein paar Jahren,"Die eine singt, die andere nicht«.

Sie hat Film-Gelegenheiten beim Schopf gepackt, zwischendurch auch zwei Kinder großgezogen, aus vielen Projekten ist nichts geworden, und einmal ist auch ein fertiger Film, weil politisch brisant, auf Nimmerwiedersehen in den Kellern des französischen Fernsehens verschwunden. Sie hat sich durchgeschlagen in dieser Branche, von der Hand in den Mund, stark, weiblich, kämpferisch, oft querfeldein, ohne sich je von sich selbst abbringen zu lassen. Seit bald zwanzig Jahren ist kein Film von ihr mehr in die deutschen Normalkinos gekommen. Und jetzt, Agnes Varda ist 57, »Vogelfrei« ("Sans toit ni loi"), ausgezeichnet mit dem Goldenen Löwen von Venedig.

Ein Winterfilm. Der Himmel über der Provence ist fahl, und Mona ist tot. Die ersten Bilder zeigen die Leiche einer mageren, verdreckten jungen Streunerin, die in einem Ackergraben liegt. Erschöpft, vielleicht auch betrunken mag sie dort hingefallen sein und ist erfroren. Der Körper wird in einen Plastiksack geschoben und weggeschafft: irgendwo wird er verscharrt werden, vielleicht unidentifiziert. Ein Fall, der keine Rätsel aufgibt - oder so viele wie jedes Leben.

Der Film macht Mona noch einmal lebendig. Agnes Varda zeichnet ihre letzten Wochen nach: ihre Bewegung auf dieses Ende hin, ihre trotzige, zunehmend auch verzweifelte Einsamkeit, die sie als »Freiheit« versteht, ihr Sich-treiben-Lassen, rastlos, ziellos, oft querfeldein durch eine Landschaft, die unter dem frostigen Licht nackt, stumpf und schmutzig erscheint. Mona, von der Hand in den Mund lebend, ist ganz Verweigerung; lächelt nur für sich, weint nur, wenn sie allein ist, ist zutraulich nur zu fremden Hunden, sagt nur ein einziges Mal »Danke« auf ihrem Betteltrip an den Elendsrändern des Lebens.

Was diese simple Geschichte so anrührend macht, verstörend und schutzlos, ist Agnes Vardas weit offener Blick, ihre Behutsamkeit, ihr Umgang mit scheinbar einfachsten Mitteln. Gleichförmige Kamerafahrten, immer von rechts nach links (also »gegen den Strich"), begleiten die junge Aussteigerin/Tramperin/ Landstreicherin (Sandrine Bonnaire) auf ihrem Zickzack-Kurs ohne Ziel; dazwischen Begegnungen am Straßenrand, flüchtige Unterkunft, und dazu (das sieht wie Material aus einem Dokumentarfilm aus) Äußerungen der Leute, denen die düstere Fremde, ganz Andere, dieses wilde Kind über den Weg gelaufen ist.

Männer haben in ihr allenfalls ein Geschlechtsobjekt gesehen, falls sie ihnen nicht allzu dreckig und stinkend erschien: ein wohlmeinender Besserwisser ist mit seiner Freiheit-und-Pflicht-Ideologie an ihr abgeprallt: Frauen haben naive Sehnsüchte auf sie gerichtet ("So frei möchte ich auch sein") und ihr schuldbewußt-hilflos nachgeblickt auf ihrem queren Weg in den Selbstverlust.

Agnes Varda erzählt viele kleine Geschichten in dieser bestürzenden großen; sie verknüpft die Episodenfiguren in einem feinen Netz von Bindungen und Bekanntschaften, von Abhängigkeits-Besitz- und Habgier-Beziehungen: Die anderen sind (auch im Bild) immer drinnen und klammern sich an ihr Dach überm Kopf - nur Mona ist immer draußen, schutzlos, und sie, die blaugefrorene Neinsagerin, die ohne Lebensentwurf einfach leben will, reißt im Vorbeigehen beunruhigende Löcher in die Lebensentwürfe derer, die im Warmen und Trockenen sitzen.

Suche nach Spuren einer Verlorenen: Zwischen so vielen Filmen, die nur Surrogate sind, ist »Vogelfrei« einer, der das Leben berührt. Mona war nicht zu helfen, doch ihr Verschwinden hinterläßt Schmerz. Urs Jenny

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