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VON DRAUSSEN NACH DRINNEN

aus DER SPIEGEL 47/1966

So konkret wie der »Blechtrommel«-Autor und Wahl-Berliner Günter Graß, 39, für den Berliner Bürgermeister und Es-Pe-De-Vorsitzenden Willy Brandt, 52, hat sich noch kein deutscher Schriftsteller politisch engagiert. Vor der letzten Bundestagswahl focht Graß für Brandt mit einem »Loblied auf Willy«, nach der Wahl, in seiner Rede zur Entgegennahme des Büchner-Preises, schalt er die Wähler-»Entscheidung gegen Willy Brandt« ein Votum »gegen den Emigranten Willy Brandt«.

In einer Zeit, deren Zäsuren Generationsumbrüche bestimmen, wird die Frage nach dem Alter zum Anlaß für Rechenkunststücke. Während die Frage: »Wie alt waren Sie, als Konrad Adenauer seinem Nachfolger Platz machte?« einem damals Neunzehnjährigen immerhin die Antwort erlaubte, er, der Neunzehnjährige, sei schon im Jahre dreiundsechzig mit dem Altkanzler einer, das Schlimmste befürchtenden Meinung gewesen, wird andererseits die Frage nach dem Alter zum Zeitpunkt der nationalsozialistischen Machtergreifung den damals Neunzehnjährigen verlegen abschweifen lassen: Konjunktive und Beteuerungen werden sein Alter als Entschuldigung anführen.

Als Willy Brandt 1933 als Neunzehnjähriger emigrieren mußte, war der Rezensent des Buches »Draußen« fünf Jahre alt. Als vor Jahresfrist, während der Wahlveranstaltungen zur Bundestagswahl, Neunzehnjährige keine Bedenken hatten, den Kanzlerkandidaten der SPD mitVerleumdungen zubehängen, deren Quellen, von Passau bis zum Bundeskanzleramt, ihnen unbekannt waren, versuchte ich die Zwischenrufer nachdenklich zu stimmen: »Was wäre uns erspart worden, wenn alle Neunzehn bis Sechsundzwanzigjährigen im Jahre 1933 den politischen Scharfblick und die moralische Verantwortlichkeit eines Willy Brandt bewiesen hätten?«

Die Lektüre des vorliegenden Buches stellt uns diese Frage auf jeder Seite neu. Wie wird der Leser, besonders der junge Leser, sie beantworten?

Das behutsame Vorwort des Herausgebers Günter Struve macht deutlich, wie gefährlich es hierzulande immer noch ist, Emigrant gewesen zu sein, als Emigrant ein anderes Deutschland gewollt zu haben und Belege dieses anderen Deutschland unter dem Titel »Draußen« herauszugeben.

Dabei geschieht nichts Außergewöhnliches. Deutschlands Geschichte ist gleichzeitig die Geschichte deutscher Emigration. Von Georg Forster über Büchner und Carl Schurz bis zu Heinrich Mann ließe sich eine Bücherwand füllen: Zeugnisse beginnender Aufklärung, Zeugnisse ungehörter Warnungen, Zeugnisse großer deutscher Literatur.

Wer auf diese Bücherwand zu verzichten geneigt ist, der wird auch für das Buch »Draußen« keinen Platz finden können. Dieses Buch, geschrieben von einem jungen Journalisten, der allzuoft die Koffer packen mußte und keine Zeit fand, wohlausgewogene Formulierungen zu suchen, ist gewiß kein literarischer Leckerbissen; das Lübeck eines Thomas Mann und des jungen Willy Brandt forderte extreme Diktionen.

Zwischen Vor- und Nachwort teilen sieben Kapitel den kommentierten Stoff ein. Einfach, oft nahe am Banalen, kommen die Sätze daher: »Das Rad der Geschichte kann ohne ernste Konsequenzen nicht über längere Zeit zurückgedreht werden.« So schreibt der Sechsundzwanzigjährige. Gegen Vansittarts Vereinfachungen und ähnliche Versuche, das besiegte Deutschland zu entmündigen oder in ein Agrarland zu verwandeln, setzt Brandt die lakonische Definition. »Der Terror ist in Deutschland weit entwickelt worden, aber er ist nicht nur dort zu Hause.« Und im 1966 geschriebenen Nachwort des Buches »Draußen« heißt es knapp: »Vor dem Kommunismus als Ideologie brauchen wir keine Angst zu haben.«

Willy Brandt hat einen langen Weg hinter sich bringen müssen; aber sosehr sich sein anfangs mehr theoretisches Urteil im Umgang mit der Praxis differenziert haben mag, gleichgeblieben ist diese direkte, männliche und oft viereckig wirkende Geste des Ausdrucks. So im Kapitel »Opposition im Widerstreit": Im Winter 1940, zwischen Polen- und Frankreich-Feldzug - die Sowjetunion, verbündet mit Hitler, überfällt das kleine Finnland und erleidet nicht nur militärische Schlappen; sie verliert ihr Gesicht der linken Emigration gegenüber -, in einer Zeit der Depression also, definiert Brandt die Lage:

»Es ist nicht die Arbeiterbewegung, sondern die Sowjetunion, die mit dem Nazismus Freundschaft geschlossen hat. Es ist die Sowjetunion, die Polen in den Rücken gefallen ist und den Krieg gegen Finnland begonnen hat. Es sind die russischen Führer, die sagen, es sei ,das Werk von Verrückten, Krieg zu führen, um den Hitlerismus zu zerstören', ihre Freundschaft mit dem Nazismus - sei 'durch Blut bestätigt' und die Demokratie und die sozialistische Arbeiterbewegung seien die Hauptfeinde.«

Mit der realistischen Geste eines Politikers, der sich entschlossen hat, auf ideologische Absicherungen zu verzichten, umreißt Willy Brandt seine Position, aber auch die komplizierte und nun schon über 100 Jahre gehaltene Zwei-Fronten-Stellung der SPD. »Die Sowjetunion ist ein reaktionärer Faktor in der internationalen Politik geworden. Die Arbeiterbewegung muß gegen sie wie gegen alle Reaktion kämpfen.« Kein Wunder also, wenn ab Mitte der fünfziger Jahre und parallel zum Aufstieg des jungen Politikers die Angriffe, Unterstellungen und schließlich Diffamierungen der linken wie rechten Reaktion zunehmen, wenn, besonders in Wahlkampfzeiten, die SED Brandt einen »Sozialfaschisten« (Ulbrichts beliebtes Schimpfwort der zwanziger Jahre), CDU Leute den Regierenden Bürgermeister und Kanzlerkandidaten einen »verkappten Kommunisten und Vaterlandsverräter« heißen.

Brandts einfache Sprache erweist sich immer wieder als wirksames Instrument. Im Ideologiegestrüpp und umgeben von verworrener Terminologie wagt sie die trockene Aussage. Sätze aus der 1944 in Stockholm herausgegebenen Schrift »Nach dem Sieg« haben bis heute ihre Aktualität behalten, ja, angesichts der erschöpften Freien Marktwirtschaft wirken sie nahezu prophetisch, zumal es Brandt gelingt, Planwirtschaft und internationale Sicherheit als Ganzes zu sehen:

»Die große Aufgabe, die unserer Generation gestellt worden ist, besteht darin, die Synthese von Kollektivismus und Liberalismus zu finden. Die menschlichen Rechte müssen erhalten bleiben, während man gleichzeitig durch Planwirtschaft wirtschaftlichen Fortschritt erreicht. Dasselbe Problem besteht auf Internationalem Gebiet: Ohne internationale Sicherheit keine wirkliche nationale Freiheit ... Die Zukunft der Demokratie hängt davon ab, ob es gelingt, diese nationale und internationale Synthese zu finden.«

An anderer Stelle, in dem 1940 in Oslo verlegten Buch »Kriegsziele der Großmächte und das neue Europa«, finden wir einen Hinweis, der nach dem Abflauen des Kalten Krieges zuerst in den politischen Konzepten der Sozialdemokraten, später auch im Rapacki -Plan und heute bei de Gaulle Gestalt angenommen hat:

»Eine demokratische Föderation in Mitteleuropa kann nur zustande kommen, wenn sie nicht durch ein imperialistisches Deutschland bevormundet wird. Die slawischen Völker werden niemals freiwillig eine föderative Ordnung akzeptieren, solange sie fürchten müssen, Ausbeutungsobjekte des deutschen Imperialismus zu werden.« Der Jargon von damals mag uns befremden, die Substanz der Definition ist geblieben. Während der Krieg anhält, wird die Gestaltung des zu erwartenden Friedens projektiert. Breiten Raum nimmt die Arbeit der Stockholmer Gruppe »Demokratische Sozialisten« ein. Die Frage »Was geschieht nach dem Krieg?« bestimmt alle Diskussionen. Aus der Schrift »Zur Nachkriegspolitik deutscher Sozialisten«, deren außenpolitischen Teil Willy Brandt entworfen hatte, mag das folgende Zitat ein immer noch gegenwärtiges, wenn auch tabuisiertes Dilemma belegen:

»Das Deutschland, welches dem Dritten Reich folgt, kann sich nicht den Konsequenzen der nazistischen Niederlage entziehen. Zu diesen Konsequenzen gehören die Bedingungen, die Deutschland beim Waffenstillstand und im Friedensvertrag auferlegt werden. Die neue Regierung kann versuchen, sie zu ändern und zu mildern, aber sie kann sie nicht einfach ablehnen. Eine intransigente Haltung würde zu hoffnungsloser Isolierung, auch von den natürlichen Bundesgenossen der neuen deutschen Demokratie, führen.«

Heute, 22 Jahre später, nähern wir uns diesem Zustand hoffnungsloser Isolierung bedenklich. Die beiden deutschen Teilstaaten sind auf dem Wege, sich gleich rasch von ihren Bündnispartnern zu entfernen; ein isoliertes, zudem geteiltes Deutschland jedoch wird der andauernden Krise beliebtester Aufenthalt werden.

Es mag also das Buch »Draußen« nicht nur ein Dokument jüngster Vergangenheit sein, es sollte, wie es zur Zeit geschieht; mit Hilfe der hier niedergelegten und immer noch gültigen Definition unsere Lage erkannt werden. Dieser Versuch, ein Buch dem Leser näherzubringen, wurde mit Rechenkunststücken begonnen und mag mit einem letzten rechnerischen Versuch enden: 1940 wurde Günter Struve geboren; 26 Jahre später ist er der Herausgeber eines Buches, das mutig »Draußen« heißt und hoffentlich nicht zu spät Bedeutung und Tragik der deutschen Emigration noch einmal auf jene Waage legt, die unser Verhalten nach dem Krieg und also unser Verhältnis zur Emigration zu wägen vorhat.

Willy Brandt:

»Draußen«

Kindler Verlag München

384 Seiten

20 Mark

Groß

Emigrant Brandt*

»Was geschieht noch dem Krieg?«

* 1945 als norwegischer Major.

Günter Graß
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