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KULTUR Von Teer und Farben zur I.G. Auschwitz

Rudolf Augstein über Bernhard Sinkels Fernsehvierteiler »Väter und Söhne« *
Von Rudolf Augstein
aus DER SPIEGEL 46/1986

Einen deutschen Film oder eine deutsche Fernsehserie über die Kriegsverbrechen der deutschen Wehrmacht oder der deutschen Groß- und Schwerindustrie gab es bisher nicht. Daß eine öffentliche Fernsehanstalt in dieser Woche zur besten Sendezeit vier Teile über die I.G. Farbenindustrie AG beginnt, deren Kriegsverbrechen im letzten Teil nicht verharmlost, sondern aufgezeigt werden ist schon ein Ereignis.

Nun liegt Sinkel das Fernsehen mehr als der Film, das Epos mehr als die Dramatik, die Ausstattungspracht samt großen Schauspielern mehr als der Dreh- und Angelpunkt. Er will auch nicht anklagen, sondern zeigen, wie es war.

Möglichst viele sollen hingucken und auf die Idee kommen: Sieh da, dieser Nobelpreisträger aus großbürgerlicher Familie, der mit Juden auf gleicher Ebene jahrelang zusammengearbeitet hat, sagt »Prost und »Trinken wir auf die I.G. Auschwitz«. Es ist ihm nämlich gelungen, dem Lagerleiter Höß an Ort und Stelle 8000 Auschwitz-Häftlinge für die in Auschwitz zu errichtende Buna-Fabrik zu entlocken, und weitere 11000 Juden und Polen aus der Umgebung hat Höß in Aussicht gestellt.

Sein Sohn Carl (Burkhard Heyl), Chemiker wie der Vater und vom Wehrdienst befreit, mag nicht mittrinken. Sechs Jahre später wird der Sohn dem in Nürnberg einsitzenden Vater mitteilen, daß er als Zeuge der Anklage in Nürnberg gegen den Vater aussagen wird. Dieser greint: »Er vernichtete mein Lebenswerk - Hitler- Hitler.«

Sollte das nicht ein packender Stoff sein für einen Schwarzweißfilm, der den Titel des Turgenjew-Romans »Väter und Söhne« einlösen könnte? Die Wirklichkeit, wie der Film über »Watergate« trotz Dustin Hoffman und Robert Redford zeigt, langweilt aber oft, man muß sie umsetzen.

Bei Sinkel lag es nahe, daß er für ein solch großes Thema die riskante Form der farbig-bunten Familiensaga wählte, mit dem klassischen Familienpatron Burt Lancaster, bewährt als solcher schon im sizilianischen Milieu des »Leoparden« von Visconti. Wenn mich meine Erinnerung nicht trügt, spielt er bei Sinkel glaubhafter als damals bei Visconti, man muß ihn auf alt nun auch nicht mehr schminken.

Der Geheimrat heißt bei Sinkel Carl Julius Deutz und ist Gründer-Chef der Teer- und Farbenfabrik gleichen Namens. Er wehrt sich gegen den Zusammenschluß mit anderen Chemiefirmen und lastet auf seinen Söhnen und Enkeln, aber verbiegt er sie? Das wird nicht belegt. Die Töchter wären austauschbar, sie prägen sich, wie auch die anderen Frauen, durch ihre schauspielerische Persönlichkeit ein, nicht durch ihre Rollen (Tina Engel, Katharina Thalbach, Julie Christie und andere).

Der Geheimrat, ein Mann von altem Schrot und Korn, hat mit der Politik nicht viel im Sinn. Er finanziert »die bürgerlichen Parteien«, »ob wir die Republik nun mögen oder nicht«. Was führt nun diesen strengen, aber gerechten Herrn ("Punktum und damit basta"), den die Weimarer Zustände und Hitler nicht sonderlich zu berühren scheinen, nach Auschwitz?

Er muß gar nicht erst hin. Ob an Altersschwäche, ob an gebrochenem Herzen, weil Sohn und Schwiegersohn seine Firma doch mit den anderen Firmen fusionierten, oder ob aus Gram, weil sein Enkel Georg (Herbert Grönemeyer) nicht Chemiker, sondern Schauspieler werden will: Jedenfalls stirbt er 1931 rechtzeitig, ohne daß der Name Hitler gefallen ist« Famous last word: »Das Leben und die Geschäfte, dafür sind wir hier. Und mit Stolz stehen wir dafür ein.« Punktum und damit basta.

So eindrucksvoll Deutz/Lancaster auftritt, man ahnt ganz bald, daß er, anders als im »Leoparden«, die Hauptperson nicht ist. Er muß den Titel abdecken. Sinkel meinte, eine andere Figur zu brauchen, deren Bedeutung von Anfang bis Ende mit der Expansion und Fusion der deutschen Großchemie identifiziert werden kann. Was ist das für ein Mann?

Kein Sohn, sondern ein Schwiegersohn, verheiratet mit einer gegen den Vater, nicht gegen den Mann aufmüpfigen Deutz-Tochter (Tina Engel). Er ist ein Erfinder-Genie. Brillenträger, scheu und skurril, in kritischen Situationen, einer Fabrik-Explosion etwa, couragiert: ist ein risikofroher Entscheidungsträger mit anschließenden Depressionen, Quartalssäufer auch noch. Sein Name: Dr. Heinrich Beck.

1915 macht Beck, der vor dem Krieg die Synthese von Ammoniak erfunden hat, das Reich von chilenischen Lieferungen unabhängig. Es gelingt ihm, unter dem Kriegsrohstoff-Beauftragten des Reiches, Walther Rathenau (Christoph Quest), das Ammoniak in Salpeter umzuwandeln. Er schließt so die Munitionslücke der als bescheuert geschilderten Militärs.

Die Deutz-Fabrik stellt auch die ersten Giftgase her. Heinrichs Schwager Friedrich (Dieter Laser) erprobt als Leutnant persönlich den ersten Gasangriff und erblindet fast. Der Patriarch ist stolz auf diesen Sohn. Da fällt im Kriege der älteste der drei Brüder, Ulrich (Rüdiger Vogler), Heinrichs anderer Schwager. Der Erfinder Heinrich weint, trinkt und wird vom Katzenjammer geschüttelt.

Während des folgenden Weihnachtsabends drängen Bruder Friedrich und Schwager Heinrich übereinstimmend, die neuen Gaskampfwaffen einzusetzen. Der Patriarch: Es ist Heiligabend. Er verbietet jede weitere Diskussion, immer mit Punktum und basta.

Hier muß der Schauspieler Bruno Ganz eingeführt werden. Der spielt den Dr. Beck in einer solch gewaltsamen Meisterleistung, daß Sinkel ohne die Zusammenarbeit mit ihm vermutlich eingebrochen wäre.

Bruno Ganz bringt uns keinen Menschen in seinem Widerspruch, er muß mehrere höchst verschiedene Menschen verkörpern, sie zu einem Menschen amalgamieren, hat aber doch auch nicht mehrere Körper, sondern nur einen. Ohne Rest, zu tragen peinlich, kann die Anforderung nicht erfüllt werden.

Dieser Schwiegersohn ist kein Mann ohne Eigenschaften, sondern ein Mann mit zu vielen Eigenschaften. Sicher hat der Regisseur und Buchautor das Recht, sich seine Figuren aus den Eigenschaften mehrerer geschichtlicher Personen zusammenzuklauben, er schlachtet sie aus. Herauskommen darf aber kein Homunkulus.

Nehmen wir, zurück in der Wirklichkeit, den jüdischen Chemiker Dr. Fritz Haber, dem im Jahre 1909 die Darstellung von Ammoniak gelang. Er arbeitete mit Unterstützung der BASF. 1915 gab er der deutschen Heeresleitung eine Chance, den verlorenen Krieg zu verlängern.

1918 floh er in die Schweiz, weil er neben Kaiser Wilhelm II. auf der Kriegsverbrecherliste der westlichen Alliierten auftauchte. Es war nicht seine letzte Flucht. 1919 nahm er den Nobelpreis in Stockholm entgegen, zur Empörung der Franzosen. ( Das spätere jüdische Aufsichtsratsmitglied der I.G. Farben, Hauptmann Richard Merton, wurde nach dem Krieg von John Foster Dulles vertreten, als er sein in den USA beschlagnahmtes Vermögen zurückhaben wollte.)

Sinkel konnte den Haber als jüdischen Nobelpreisträger nicht gebrauchen. Also mußte ein jüdischer Bankier namens Bernheim her (Martin Benrath) der den Krieg zu Kriegsgewinnen benutzen wollte wie alle anderen auch. Er ist nicht der Typ des »guten Juden«, aber die Gestalt, die den meisten Respekt erheischt, eine Märchenfigur, die im Drehbuch später nicht mit Namen, sondern nur noch unter »Bankier« geführt wird.

Offenkundig sind Sinkel und Ganz hier schon an der ersten Klippe, der ersten Personen-Auswechslung, angekommen, eine zweite und dritte werden folgen.

Zurück zur Wirklichkeit. Ohne den Ingenieur Carl Bosch, Jahrgang 1874, von der BASF hätte Haber in den Jahren 1911-13 seine Erfindung nicht in die Praxis umsetzen können.

Carl Bosch ist die interessanteste und wichtigste Figur der wirklichen I.G.-Farben-Geschichte. 1931 bekam auch er den Nobelpreis, als erster Ingenieur überhaupt. Wenn Bruno

Ganz im Film zu seiner Frau Tina Engel sagt: »Nun, es wurde aber ja auch langsam Zeit«, so hat der Autor das nicht der Person des Fritz Haber, sondern der des Carl Bosch entnommen.

Fällig ist der vielleicht gewichtigste Einwand: Den Vater-Sohn-Konflikt gibt es in so manchen Firmen, vielleicht gab es ihn auch im Elternhaus Sinkel. Am wenigsten gab es ihn in der Spitze der 1925 endgültig fusionierten I.G. Farbenindustrie. Da förderte der tüchtige Ältere den tüchtigen Jüngeren, der Nicht-Nazi Carl Bosch den Nazi Hermann Schmitz (vier Jahre Gefängnis in Nürnberg), und dieser wieder den Göring-Mann und I.G.-Farben-Direktor Carl Krauch (sechs Jahre Gefängnis), der Direktor bei I.G. Farben blieb und bei Göring Generalbevollmächtigter für Sonderfragen der chemischen Erzeugung wurde.

Krauch suchte, wie bei Sinkel der Dr. Beck, den Standort Auschwitz aus und forderte über Göring bei Himmler Arbeitskräfte aus dem sechs Kilometer entfernten KZ an.

Sinkels Großonkel, Dr. Fritz ter Meer (sieben Jahre), bekam von Otto Ambros (acht Jahre), dem I.G.-Farben-Projektleiter vor Ort, einen Brief, in dem es hieß: »Unsere neue Freundschaft mit der SS erweist sich als gewinnbringend.« 300000 Häftlinge gingen durch die Zwischenstation I.G. Auschwitz ins Gas. 25000 starben auf der Arbeitsstätte. Die Toten mußten abends von den Toten auf Abruf ins Lager geschleppt werden, damit sie beim Zählappell nicht fehlten.

Alle diese I.G.-Farben-Verurteilten haben das Werk, in dem auch Deutsche und sonstige Freiwillige arbeiteten, mehrmals besichtigt. So größenwahnsinnig hielten die I.G. Farben Schritt mit ihrem Machthaber Hitler, daß sie in dies größte ihrer Entwicklungsprojekte über 900 Millionen Reichsmark steckten. Subventionen seitens des Staates forderten sie diesmal nicht. Die I.G. Auschwitz war also ein Privatbetrieb. Aber wer sich jetzt nicht mit finanziellem Engagement hervortat, würde jenseits des Urals womöglich keine Berücksichtigung finden.

Diese so verschiedenen Menschen Fritz Haber, Carl Bosch, Hermann Schmitz, Carl Krauch: Bruno Ganz muß eine chemische Synthese aus ihnen herstellen. Da wundert es denn nicht, daß er zwar der glänzendste und am Schluß auch erschütterndste Mime ist. Die überzeugendere Rolle aber hat Christian Doermer; er liefert, ohne zu chargieren, einen Bilderbuch-Boche mit Stiernacken, einen echten Wehrwirtschaftsführer ohne Skrupel, rotzfrech noch gegen die Ankläger in Nürnberg.

Carl Bosch war ein Gegner Hitlers. Carl Krauch ein vertrauter Befehlsempfänger Görings und Himmlers. Bosch hatte während der Hindenburg-Wiederwahl 1932 für Hindenburg und damit gegen Hitler gespendet. Dem Kanzler Hitler empfahl er 1933 in Anwesenheit der anderen Großindustriellen eine Verkürzung der Arbeitszeit, wegen der immer noch hohen Arbeitslosigkeit.

Nachdem der Reichskanzler Hitler eine Versammlung abrupt verlassen hatte, als er zufällig Bosch entdeckte, hinderte Boschs Umgebung ihn daran, noch einmal auf Hitler zu treffen.

Bosch, Chef des größten deutschen Unternehmens mit weltweiten Verflechtungen, hielt acht Juden bis 1937 in seinem Aufsichtsrat. Schließlich hatte er weltweit mit Juden zu tun.

Er setzte sich erfolglos dafür ein, daß sein Nobelpreis-Kollege Fritz Haber seinen Berliner Lehrstuhl behalten durfte. Zu diesem Zweck schickte er sogar den unverdächtigen Max Planck vor. Der aber wurde von Hitler nur angebrüllt und kam verstört zurück.

Haber mußte ein zweites Mal in die Schweiz, wo er 1934 verbittert starb. Bosch richtete ihm zum ersten Todestag im Januar 1935 unter der Schirmherrschaft des Kaiser-Wilhelm-Instituts eine würdige Gedenkfeier aus. Der gedemütigte Max Planck eröffnete die Versammlung mit dem Hitlergruß, würdigte dann aber den »deutschen Gelehrten und deutschen Soldaten Fritz Haber«.

Bosch selbst traf Hitler einmal allein, kurz nach den schon dubiosen Wahlen zum Reichstag vom 5. März 1933, in denen er die NSDAP mit der bei weitem größten Firmenspende unterstützt hatte. Bosch stimmte der Erweiterung der Leuna-Werke zu, Hitler versprach Unterstützung der Ölsynthese. Alles schien, was Butter und Kanonen anlangt, auf guten Wegen.

Da kam Bosch, obwohl gewarnt, wieder auf sein Lieblingsthema zu sprechen (bei Sinkel tut das der Dr. Beck vor einer großen Korona mit SS- und SA-Führern. ein unmöglicher Vorgang): Die Vertreibung der jüdischen Wissenschaftler, so Bosch, werde die deutsche Chemie und Physik um hundert Jahre zurückwerfen - eine Übertreibung. Hitler schrie: »Dann werden wir hundert Jahre lang ohne Physik und Chemie arbeiten!« - eine noch größere Übertreibung.

Das Gespräch wurde abgebrochen. Aber Carl Bosch hatte seine Seele verkauft und das nicht einmal gemerkt. Sinkels Dr. Beck sinniert erst im Jahre 1936, nachdem er aus Freude über Görings Gunst einen Indianertanz aufgeführt hat: »Werden wir jetzt von den Nazis übernommen, oder haben wir die Nazis noch im Griff?« Überflüssige Frage.

Geheimrat Bosch hat sich bereits auf den Posten des Aufsichtsratsvorsitzenden zurückgezogen, als die I.G. Farben 1937 endlich judenfrei werden. Wer nicht in der NSDAP ist, die Mehrheit der Führungstruppe, tritt jetzt ein, nur Carl Bosch nicht. Der nun wieder wird im gleichen Jahr 1937 Präsident der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft.

Unter seiner Aufsicht drängen die I.G. Farben in die chemischen Werke Österreichs und Böhmens. Pläne für die Werke Polens werden entworfen und exekutiert, nicht brachial, das überläßt man der SS, aber brutal. Immerhin, Sinkels Großonkel Fritz ter Meer bittet das Wirtschaftsministerium unter dem 11. Oktober 1938, nach dem Münchner Abkommen, den weiteren Buna-Ausbau nicht mehr nur nach militärischen Kriterien weiterzuführen, weil das die wirtschaftlichen Interessen der I.G. störe; etwas naiv der Mann, damals noch. Er als einziger I.G.-Angeklagter wurde wegen »Ausplünderung und Versklavung« verurteilt.

Sieht man Sinkels Fernsehserie, so wundert man sich über die Hauptperson des Nobelpreisträgers Dr. Beck mit einem Schmetterlingsnetz. Er sammelt und studiert Schmetterlinge. Carl Bosch, wenn er nicht trinkt, hat ähnliche Interessen. Physisch und psychisch krank, zieht der 65jährige im Februar 1940 mitten im Krieg nach Sizilien um - was damals alles möglich war! Nur seine Ameisenkolonie aus dem Kaiser-Wilhelm-Institut nimmt er mit.

Aber da ist nichts mehr zu retten. Er hat Depressionen und Schuldgefühle, prophezeit den Untergang Deutschlands und die Auflösung der I.G. »Für ihn waren dies gleichwertige Katastrophen«, meint der I.G.-Farben-Monograph Joseph Borkin, wohl zu Recht.

König Alkohol bewahrte ihn vor der Auschwitz-Verstrickung. Er kehrte nach Deutschland zurück und starb zwei Wochen vor Hitlers persönlichem Krieg und Sieg über Frankreich.

Hätte Hitler ohne die I.G. Farbenindustrie seinen Krieg im September 1939 gar nicht beginnen können, wie General Eisenhowers Spezialisten behaupteten? Das ist doch wohl mehr als zweifelhaft. Wenn nicht die I.G., dann hätte sich ein anderer Großkonzern gebildet.

Sinkels Serie endet in Nürnberg offenkundig findet er, die I.G.-Farben-Verantwortlichen

seien von den Amerikanern nicht hart genug bestraft worden. Ich kann dem nicht zustimmen. Entweder mußte man alle irgendwie für Auschwitz Verantwortlichen a la Stalin erschießen oder einen anständigen Prozeß führen.

Die Beweislage war schwierig. Legalität und Legitimität des Prozesses zweifelhaft. Sinkels Großonkel ter Meer organisierte die Verteidigung. Jeder Angeklagte gab nur zu, was er besten Willens nicht mehr bestreiten konnte. Ist das ein Wunder? Sinkels epische Erzählweise unterstreicht ja, daß die meisten »hineingeschlittert« seien, was für manche zutrifft, für manche aber auch nicht.

Das Gericht befaßte sich gründlich und fair mit dem Befehlsnotstand. Als das Urteil Ende Juli 1948 verkündet und begründet wurde, saßen die Angeklagten schon drei Jahre in Haft. Als der am meisten belastete und am höchsten bestrafte Otto Ambros mit allen anderen im Frühjahr 1951 freikam, hatte er statt seiner acht Jahre fast sechs abgesessen. Fritz ter Meer, schon 1950 frei, nur fünf statt der ihm zudiktierten sieben Jahre. Die politische Großwetterlage hatte sich geändert.

Die Anklage war deprimiert angesichts der milden Strafen. Aber sie hatte behauptet, was Unfug ist: Verschwörung der I.G. zwecks Führung eines Angriffskrieges. Ob Hitler Polen angreifen würde, ob er den Zweiten Weltkrieg auslösen würde oder nicht, wußte sogar Göring zwei Tage vor dem Angriff nicht. »Wir wollen doch das Vabanque-Spiel lassen«, mahnte er in letzter Stunde. »Ich habe in meinem Leben immer va banque gespielt«, war die Antwort. Punktum. Basta.

Bei Sinkel gibt es am Schluß der Serie einen gefährlich zweideutigen Satz. Max, der Sohn des nach Auschwitz verschleppten Bankiers Bernheim, ist in US-Uniform zu sehen und für die Anklage tätig. Ein Unbekannter, der sich für einen Mann des Pentagon ausgibt, sagt zu ihm: »Wir finden, es sind einfach zu viele Juden in der Anklage.« Keine Antwort, Schlußbild die Villa der Familie Deutz«

Statistisch stimmt das. Die Anklage war wesentlich von Roosevelts Finanzminister Morgenthau zusammengesetzt worden, der die deutsche Industrie gänzlich zerschlagen wollte ("Morgenthau-Plan"). Zur Aufklärung leisteten diese Leute eine Menge. Als Ankläger waren sie, was Ankläger nach angelsächsischem Recht eben sind: Partei. Zu viele Juden in der Anklage?

Zwei Sätze als Nachwort. Großonkel Dr. Fritz ter Meer wird noch 1956 Vorstandsvorsitzender der Bayer AG. Und wer wissen will, wie man die Person des Adolf Hitler ohne jede Peinlichkeit ins Bild bringen kann, was bisher noch niemandem gelungen ist, der muß zumindest zwei der vier Folgen sehen - die übrigen zwei ohnehin.

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1: Bruno Ganz; 2: Martin Benrath; 3: Burt Lancaster; 4: Dieter Laser.

Alexander Radszun als Sokolowski, Hans Brenner als Hitler.

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