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KABARETTISTEN Von unten herab

Der Kabarettist Stephan Wald parodiert nicht nur des Kanzlers fülligen Redestil. Er beherrscht auch Kohls Körpersprache. *
aus DER SPIEGEL 7/1985

Zuerst muß man sich das Gesicht suchen«, sagt Stephan Wald, »die Maske sozusagen. Dann erst kann man die Stimme entwickeln.« Mit dieser Methode der Annäherung an eine politische Größe hat es der Schauspieler Stephan Wald zu Deutschlands bestem Kanzler-Darsteller nach Helmut Kohl gebracht.

Zum »genialen Imitator« des Kanzlers erhob ihn das »Hamburger Abendblatt«, »tolle Spitze« fand ihn die Mainzer »Allgemeine«. Und als Kabarettist Wald mit Kollegen Elke Heidenreich, Thomas Freitag und als Gaststar Helmut Kohl (im O-Ton) zum Herbst 1984 die Platte »Ich bin Kohl, mein Herz ist rein« herausbrachte, _("Ich bin Kohl, mein Herz ist rein - Die ) _(Platte zur Wende«. Rillenschlange/KliG ) _(Produktion, Postfach 225, 3205 Bockenem ) _(und bei Zweitausendeins. )

kam er anstandslos durch den TÜV des Frankfurter Satiremagazins »Titanic«.

Wald habe, so das Blatt, »unser aller Kanzler im ersten Plattendrittel zu 95 Prozent, dann aber 102prozentig drauf, bis in feinste Facetten, Atemzüge, ja dröhnende Denkpausen«. Wald selber sagt, die Stimm-Imitation sei ihm gelungen (und meint das bar jeder billigen Birnen-Metaphorik), weil er nach halbjährigem TV-Studium des Kanzlers endlich diagnostiziert hatte, wo Kohls Seelenleben die Mitte habe: »in den Wangen«.

Tatsächlich gehört diese Art der präzisen Erscheinungs-Analyse zu den Grundvoraussetzungen beim Erarbeiten einer Rolle. Der 33jährige Wald, im pfälzischen Gau-Algesheim aufgewachsen, ist gelernter Schauspieler und auf Luzerner und Koblenzer Bühnen gern als jugendlicher Liebhaber (Büchners »Leonce") oder ungestümer Dränger und Stürmer (in »Kabale und Liebe") verwertet worden. Als Kabarettist tingelt er seit Anfang der achtziger Jahre. Im Soloprogramm bietet er neben Kohl-Nummern Sketche zu Peter Alexander sowie Schwarz-Schilling und porträtiert einen Kleinbürger, der auch im sauersten Regen noch an den Wald glaubt.

Wegen der Kohl-Persiflagen auf Platte (verkaufte Auflage: über 20 000 Stück) widerfuhr ihm die doppelte Ehre einer Ein- sowie Ausladung zu Frank Elstners »Menschen ''84«. Einer der wenigen satirefähigen Redakteure, die dem ZDF noch verblieben sind, begründete das mit der zu befürchtenden »Einseitigkeit« des Satirikers Wald.

Die wolkige Suada des Kanzlers zu parodieren, sagt Wald, sei auch für weniger begnadete Darsteller (wie etwa Helmut Kohl) ein leichtes. Denn »Flucht in hektischen Wortreichtum« diene bekanntlich dazu, »nichts mitzuteilen«, wie auch Sprachanalytiker Kohl in seiner Rede zur Frankfurter Buchmesse erkannt habe.

So biedert sich Walds Kanzler dem Sprachgebrauch von Jugendlichen an, parliert er über Shakespeares Hamlet so lange so gebildet, bis dann doch Stammtischphilosophie sichtbar wird - etwa in der Frage zum Thema Hamlet, ob Ophelia »sein oder nicht sein« gewesen sei.

Weit schwerer aber war für den 1,84 Meter großen und 73 Kilo leichten Hänfling Wald die Sprache des Kohl-Körpers. Dann aber erkannte Wald: Kohls Zentrum nämlich, jene Wangenpartie, ruht und bewegt sich offenbar auf einem kompliziert konstruierten Halswirbel, der Dreh- und Gleitschwenks in einem Zuge ermöglicht. Während dem Mund entquillt, daß es »im Grunde« und »in aller Deutlichkeit« »ganz unmißverständlich« »hier und heute« Konflikte nicht gäbe, sondern nur »Männerfreundschaften« - während dieses Wortbreis kippt der mächtige Schädel in Schräglage. Dann starren die Augen himmelwärts, dann zuckt eine Schulter vor und wird reflexartig gebremst, denn Schulterzucken hätte generalistisches Unwissen preisgegeben.

Originalkohl, das Kanzler-Original Wald führt das auf der Bühne mit sparsamen Mitteln vor, ist einer der wenigen Menschen, die andere von unten herab angucken können - ein geprügelter Musterschüler, der wegen Erkrankung des Klassenprimus auf der Bestenbank sitzen darf und es nicht fassen kann.

»Ich bin Kohl, mein Herz ist rein - Die Platte zur Wende«.Rillenschlange/KliG Produktion, Postfach 225, 3205 Bockenem und beiZweitausendeins.

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