Zur Ausgabe
Artikel 65 / 98

Bücher Von vornherein tödlich

Peter Handke: »Wunschloses Unglück. Residenz; 100 Seiten; 12,80 Mark.
aus DER SPIEGEL 42/1972

Der Autor definiert, »was wirklich geschah: ein Naturschauspiel mit einem menschlichen Requisit, das dabei systematisch entmenscht wurde« -- die »Natur«, das sind hinterösterreichische Armutszustände, und das »Requisit« ist die Mutter des Autors und sein Schreibthema:

»Als Frau in diese Umstände geboren zu werden«, schreibt Peter Handke, »ist von vornherein schon tödlich gewesen.« So war denn auch der Anlaß dieser »Erzählung« (geschrieben Januar Februar 1972) der gewöhnliche Schrecken. der den Sohn nach dem Selbstmord der Mutter zum Nachdenken an den Schreibtisch befahl.

Die neue Ehrlichkeit, die Überwindung der Berührungsangst vor dem, was jeden Tag aus »wunschlosem Unglück« wirklich geschieht, hat dem nun bald 30jährigen Schriftsteller nach seinem »Kurzen Brief zum langen Abschied« eine weitere Niederschrift abgenötigt, die mehr Respekt und Teilnahme verlangt als frühere Sprach-Werke Handkes.

Er zeichnet am Beispiel der zugrunde gehenden Mutter realistisch eine »aufs Wirtschaften und pure Auskommen beschränkte Lebensform« nach, die als Krankheit zum Tode selbstmörderisch endet. So genau allerdings Handke sein Thema in einer Mischung aus Reflexion, Beschreibung und Briefzitat halbwegs unfiktiv bewältigt, so wenig läßt er über sein persönliches Verhältnis zur Hauptfigur wissen außer: »Ich war außer mir vor Stolz. daß sie Selbstmord begangen hatte.«

Handkes spezifische Erzähler. Scham hat hier noch ein Reservat. Gegen Ende des Buches bekennt er: »Manchmal bin ich während der Arbeit an der Geschichte all der Offenheit und Ehrlichkeit überdrüssig gewesen und habe mich danach gesehnt, bald wieder etwas zu schreiben, wobei ich auch ein bißchen lügen und mich verstellen könnte, zum Beispiel ein Theaterstück.«

Mehr lesen über

Zur Ausgabe
Artikel 65 / 98
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.