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PHILOSOPHIE / FUTUROLOGEN Vorauswissen ist Macht

aus DER SPIEGEL 46/1969

Vor über einem Jahr bedauerte der Karlsruher Professor Karl Steinbuch, daß es zwar »in unserem Lande etwa 150 Institutionen gibt, die sich mit der wissenschaftlichen Analyse der Vergangenheit beschäftigen ... aber keine einzige Institution, die sich mit der sorgfältigen wissenschaftlichen Analyse der Zukunft beschäftigt«.

Jetzt hat Bundeskanzler Willy Brandt den Hamburger Philosophen Carl Friedrich von Weizsäcker zum Berater der Regierung in Sachen Friedensforschung, die gleichsam im Brennpunkt jeder Zukunftsforschung steht, ernannt. Er soll, die bislang vernachlässigte Friedens- und Zukunftsforschung in Deutschland auf das Weltniveau anheben. Denn während in Amerika, in England und Frankreich, in Japan und sogar in Osteuropa Wissenschaftler der verschiedensten Disziplinen an Universitäten, in Forschungsabteilungen großer Konzerne und in regierungseigenen Instituten Prognosen der technischen, gesellschaftlichen und politischen Entwicklung erarbeiten, wurstelt. in der Bundesrepublik seit Jahren rund ein Dutzend Zukunftsinteressierter erst an Institutsplänen und Finanzierungsproblemen.

Westdeutschlands Universitäten lehnten die neue Wissenschaft ab, weil sich die Zukunftsforschung in den strengen Fakultätsbetrieb nicht einordnen läßt. Der interdisziplinäre Charakter der Futurologie, das heißt die Beteiligung verschiedener Wissenschaften, etwa der Physik, der Soziologie, der Ökonomie und der Philosophie, ließ die Zukunftsforschung in den Augen vieler Universitätswissenschaftler als Über-Disziplin suspekt erscheinen; sie fürchteten die Unterordnung unter die Futurologie.

Zudem geriet die Zukunftsforschung in Deutschland in den alten Streit zwischen Technik und Geisteswissenschaften, zwischen Industrie und Ideologie. Für die einen ist Zukunftsforschung nur ein Mittel, die technologische Entwicklung überschaubar zu machen, um für die Absatzmärkte von morgen planen zu können, für die anderen soll die neue Wissenschaft Modelle einer hellen Zukunftsgesellschaft erarbeiten, Modelle des »befriedeten Daseins«, wie es Herbert Marcuse erhofft.

Der von Robert Jungk, dem Leiter der »Dokumentation für Zukunftsfragen« an der Technischen Universität Berlin und Autor des Bestsellers »Die Zukunft hat schon begonnen«, formulierte Kernsatz der Zukunftsforschung »Vorauswissen ist Macht« wurde zum Kampfruf beider um die Ziele der Futurologie streitenden Parteien.

Freilich blieb dieser Streit zunächst der Öffentlichkeit verborgen. Erst als im April dieses Jahres auf der Hannover-Messe das »Industrie-Institut zur Erforschung technologischer Entwicklungslinien« (ITE) von rund 30 Industriefirmen, angeführt vom Volkswagenwerk, gegründet wurde, kam es zum öffentlichen Eklat.

Angesichts der geplanten Institutsgröße -- 50 hauptamtliche Mitarbeiter, weitere 50 bis 70 für jeweils zwei bis drei Jahre von der Industrie delegierte Mitarbeiter, einmalige Anschaffungskosten von vier bis fünf Millionen und ein jährlicher Etat von zehn bis 15 Millionen Mark -- witterten die gesellschaftspolitisch orientierten Futurologen ein Industrie-Monopol in der bundesdeutschen Zukunftsforschung.

Jungk befürchtete, »daß die Gründung des Industrie-Instituts zu einer einseitigen, auf industrielle Ziele ausgerichteten Orientierung der Zukunftsforschung führen wird, ja führen muß«. Der Berliner Professor Ossip Flechtheim beklagte sich, »daß es so aussieht, als ob nun die Zukunftsforschung in Deutschland ganz zu einer Angelegenheit der Industrie, der Bürokratie und der Technokratie wird«. Und Dr. Günter Friedrichs von der Industriegewerkschaft Metall drohte gar den Industrie-Managern mit der Gründung eines »Gegeninstituts« der Gewerkschaften.

Die Besorgnis vor einer einseitig betriebenen Futurologie in der Bundesrepublik war bei den Zukunftsideologen auch deshalb groß, weil sich die Gründung eines von allen Interessengruppen unabhängigen wissenschaftlichen Instituts zur Erforschung der Zukunft immer wieder verzögerte.

Vor über zwei Jahren hatte Weizsäcker der Max-Planck-Gesellschaft (MPG) vorgeschlagen, ein Institut zur Erforschung der Zukunft zu gründen. Weizsäcker-Freund Professor Werner Heisenberg und MPG-Präsident Adolf Butenandt unterstützten die Pläne des Kollegen.

Dabei soll, so vermuten die Auguren in der MPG, eine Rolle gespielt haben, daß 1971 ein neuer Präsident der Max-Planck-Gesellschaft gewählt werden muß. Für Heisenberg und Butenandt gilt Weizsäcker als angenehmer Kandidat, weil sie hoffen, unter dem neuen Präsidenten ihren Einfluß in der Gesellschaft zu behalten. Und als Leiter eines Max-Planck-Instituts hätte Weizsäcker auch das Wohlwollen der anderen Institutsdirektoren, die von einem fähigen Verwaltungsfachmann, den sich einige Mitglieder der MPG wünschen, eine Minderung ihrer starken Positionen befürchten müssen.

MPG-Präsident Butenandt ermunterte den Philosophen, einen Plan für das neue Institut auszuarbeiten, Weizsäcker plante großzügig. 80 Mitarbeiter sollten an den drängendsten Problemen der Zukunftsforschung arbeiten: »Welternährung und Entwicklung, Strukturprobleme hochindustrieller Gesellschaften, technologische Prognostik, Auswirkungen der Biologie und Medizin, Entwicklung der Waffensysteme und der daraus folgenden Konzepte der Strategie beziehungsweise Rüstungsbegrenzung, Zielvorstellungen der Weltpolitik, mögliche politische und wirtschaftliche Strukturen im europäischen Raum«,

Freilich, die beiden Institutsplaner Butenandt und Weizsäcker hatten nicht mit dem Widerstand einer einflußreichen Gruppe innerhalb der Max-Planck-Gesellschaft gerechnet, der chemischen Industrie. »Wir beschäftigen uns meistens mit dem Jahr 2000 und brauchen keine gesonderten Institutionen für Zukunftsforschung«, erklärte Professor Bernhard Timm, Vorstandsvorsitzender der Badischen Anilin- & Soda-Fabrik (BASF), und Professor Karl Winnacker, Senator der Max-Planck-Gesellschaft und bis Mitte dieses Jahres Vorstandsvorsitzender der Farbwerke Hoechst, spöttelte während eines Weizsäcker-Vortrages ("Die Kunst der Prognose") in Wiesbaden »Das ist doch ein Spinner.«

Auch Professor Carl Wurster, Vizepräsident der MPG und BASF-Aufsichtsratsvorsitzender, lehnte das Zukunftsinstitut ab, freilich mit differenzierteren Argumenten. Wurster warf dem Philosophen vor, er wolle nicht nur mit einem viel zu großen Personalstamm starten, sondern habe sich auch ein Volumen vorgenommen, das die Arbeit »unübersehbar« machen würde. In der Welt, so argumentierte Wurster weiter, existierten 400 Forschungsinstitute, und viele der von Weizsäcker genannten Probleme würden schon von der Konkurrenz bearbeitet.

Um die Institutsgründung doch noch zu retten, akzeptierte, so meint Wurster, der Hamburger Professor seine Einwände und bedankte sich auch dafür: »Ich bin Ihnen dankbar, daß Sie mich zu einer Konzentration gezwungen haben.« Wurster heute über Weizsäcker: »Ein ungewöhnlich interessanter Denker.«

Weizsäcker legte einen neuen Plan vor. Statt 80 sollen sich nur noch 15 Mitarbeiter in den nächsten Jahren hauptsächlich mit Vorarbeiten beschäftigen, wie etwa über das Verhältnis von Medizin und Religion. Freilich, noch wartet die Weizsäcker-Crew für das Mini-Institut (Etat: eine Million Mark) auf Geld aus Bonn.

»Die Chemie hat quergeschossen«, kommentierte der Hamburger Fernsehjournalist Rüdiger Proske die Kürzung von Weizsäckers Institutsplänen. Und die Zeitschrift »Capital« zog daraus den Schluß, »die chemische Industrie stehe einer ihren eigenen Interessen vielleicht entgegengesetzten Zukunftsforschung ablehnend gegenüber«. Auch anderswo wird die Vermutung ausgesprochen, die chemische Industrie befürchte Untersuchungen eines unabhängigen Instituts -- etwa über die Auswirkungen eines verstärkten Einsatzes von chemischen Düngemitteln auf die Volksgesundheit oder über die Gefahren eines ansteigenden Tablettenverbrauchs.

Nachdem die chemische Industrie in der Auseinandersetzung mit Weizsäcker gesiegt hatte, glaubte ein Teil der bundesdeutschen Industrie befürchten zu müssen, die Zukunftsforschung bliebe in Deutschland den Chemikern überlassen.

Industrie-Manager wie Professor Werner Holste, 42, damals noch Vorstandsmitglied der Demag, und gesellschaftspolitisch engagierte Zukunftsforscher wie Jungk verbündeten sich deshalb in der »Gesellschaft für Zukunftsfragen e. V.« mit dem Ziel, »die Forschungsaufgaben von öffentlichem Interesse zu formulieren und deren Verwirklichung einzuleiten«. Doch auch dieses Unternehmen kam nicht so recht voran. Erst Ende des Jahres 1968, so schrieb Holste seinen Mitgründern, waren »die finanziellen Voraussetzungen für eine kontinuierliche Arbeit der Gesellschaft« geschaffen.

Zu dieser Zeit war Holste bereits in den Vorstand des Volkswagenwerkes übergewechselt und hatte VW-Chef Kurt Lotz für seine Gründung gewonnen. Mit einer Spendenzusage von 150 000 Mark beseitigten die Automobilbauer aus Wolfsburg die »Schwierigkeiten, die der Entfaltung« der Gesellschaft (Holste) entgegenstanden.

Die gesellschaftspolitisch interessierten Futurologen wie Jungk, Flechtheim und der Berliner Soziologie-Ordinarius Helmut Klages glaubten nun, ein Teil der Industrie sei bereit, ihre Vorstellungen von der Zukunftsforschung zu unterstützen. Doch sie wurden enttäuscht. Am 14. Mai dieses Jahres teilten Holste und der ebenfalls dem Vorstand der Gesellschaft für Zukunftsfragen angehörende Journalist Proske den überraschten Mitgliedern mit: »Schließlich dürfen wir Sie davon unterrichten, daß am 27. April während der »Hannover-Messe die organisatorische Grundlage für ein »Industrie-Institut zur Erforschung technologischer Entwicklungslinien« gelegt wurde.« Als VW-Chef Lotz auf der Gründungsversammlung kundtat, die Initiativen für das neue Industrieinstitut seien von der Gesellschaft für Zukunftsfragen ausgegangen, nahmen Jungk, Flechtheim und Klages an, sie seien von der Industrie hintergangen worden.

Futurologe Jungk empörte sich als erster: »Ich fühle mich übergangen, düpiert und mißbraucht.« Und in einem Brief an Holste äußerte er gar den Verdacht, die Gesellschaft sei für gewisse Herren nur die Startrampe gewesen, um »sich vor der Öffentlichkeit als objektive Zukunftsforscher zu etablieren«. »Da dieses »take-off« gelungen ist«, schimpfte Jungk weiter, »werden sie wohl die Gesellschaft wie die erste Stufe einer Rakete abwerfen und in weitere Karrierehimmel vor stoßen.« Soziologe Klages bedauerte nach dem Eklat von Hannover, daß »eine Fortsetzung unserer Arbeit mit demjenigen Enthusiasmus, der in der Aufbauphase gegeben war, kaum mehr denkbar sein wird«.

Den Enthusiasmus haben die Zukunftsforscher in der Tat verloren. Anfang Oktober erklärten Vorstand und Aktionskomitee der Gesellschaft für Zukunftsfragen resignierend: »Noch immer geht die Bundesrepublik Deutschland unzulänglich vorbereitet in die Welt von morgen.«

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