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AUTOMOBILE Vorgewärmtes Futter

Kein Hämmern, kein Nageln mehr: Die Daimler-Benz AG hat den ersten Diesel-Personenwagen der Welt mit vollständig gekapseltem Triebwerk entwickelt. *
aus DER SPIEGEL 41/1983

Im Jahr 1936, als deutsche Muskelmenschen bei Olympia erstmals die meisten Medaillen eroberten, kam ein urdeutsches Muskel-Auto auf den Markt: der Mercedes-Benz 260 D, erster Personenwagen der Welt mit Dieselmotor. War es ein guter Dienst an der Menschheit? Jein!

Der neuartige Transportgehilfe erfreute zwar sogleich mit Tugenden. Er erwies sich als unermüdlicher, zäher, durchzugskräftiger, dabei genügsamer und langlebiger Geselle, alsbald von Taxifahrern besonders geschätzt.

Doch leitete die Daimler-Benz AG zugleich einen ungewollten Angriff auf Nerven und Nachtruhe ein. Der Diesel erwies sich, technisch bedingt, im Vergleich zum Otto-Motor als lärmender Rauhbauz. Es blieb ja nicht bei 45 PS und 2000 Stück des Erstlings bis 1945. In den fünfziger Jahren begann ein Siegeszug des Diesel-Personenwagens, den der Spartrieb der Käufer während der Energiekrisen zum Boom steigerte. Was half es, daß außer VW kein Nachahmer auf riesige Stückzahlen gelangte? Mittlerweile übt ein Bestand von rund 1,6 Millionen Diesel-Personenwagen mit hämmernden und nagelnden Arbeitsgeräuschen akustischen Terror aus. Lärm aber macht krank.

Ein altes Diesel-Taxi, dessen Fahrer morgens um drei im Leerlauf nach dem Wechselgeld grabbelt, kann Bewohner mehrerer Wohnhäuser aus dem Schlaf nageln. Trotz aller Künste der Konstrukteure sind Diesel beim Kaltstart die reinsten Nervensägen.

Letzte Woche aber, nach dem Bau von über drei Millionen Diesel-Personenwagen, zeigte Diesel-Pionier Mercedes-Benz, wo's künftig langgeht mit dem Diesel-Pkw - sparsam und kraftvoll wie bisher, aber viel, viel leiser. Nach fast 50 Jahren Diesel-Getöse verkündete Entwicklungs-Chef Werner Breitschwerdt den Autotestern: »Wir wollen etwas besonders für die Umwelt tun, weil die Lärm-Emission uns, aber auch Teile der Kundschaft gestört hat.«

Mehr als 500 Millionen Mark haben die Stuttgarter aufgewendet, um für ihren Typ MB 190 einen neuen, schon von Haus aus leisen Vierzylinder-Dieselmotor (zwei Liter Hubraum, 72 PS) zu entwickeln und zur zusätzlichen Geräuschdämpfung zu kapseln.

Durch die Kapselung gelang es den Ingenieuren, den Schalldruckpegel des ungedämmten Motors im Stand wie im Fahrbetrieb um beinahe die Hälfte zu mindern. »Mit 71 bis 75 dB (A)«, so Daimler-Benz über das Außengeräusch seines Diesel-Babys, »liegt es im Bereich der Limousinen mit Benzinmotoren.«

»Läuft er schon?« fragte ungläubig ein Stuttgarter Demonstrations-Gast, der den Zündschlüssel gedreht hatte und nun nach Arbeitsgeräuschen lauschte. Da war nichts als ein fernes Rauschen. »Ja, der läuft«, erläuterte ein Mercedes-Ingenieur auf dem Nebensitz, »aber es war ein schwieriger Lernprozeß bis zu diesem Pegel.«

Während der Entwicklung, für die schon vor zehn Jahren erste Versuche unternommen worden waren, stellte sich beispielsweise nach endlosen Testreihen heraus, daß auch der Getriebetunnel unbedingt in die schallschluckende Kapsel einbezogen werden müßte. Und weiches, elastisches Material mußte her - es

ging den Ingenieuren nicht um das Prinzip Nußschale, eher um eine Art Apfel im Schlafrock. Besonders schwierig war es, den ummantelten Motor durch eine temperaturgesteuerte Entlüftungsklappe vor übermäßiger Arbeitshitze zu bewahren, ohne daß der Lärm gleich mit entwich.

So entstand schließlich ein Kompendium aus vier Kapselteilen - gefertigt aus glasfaserverstärktem Kunststoff -, zwei davon seitlich, und zusätzlichen dicken Dämpfungsmatten. Sogar die Ritzen der Motorhaube und das Umfeld der Scheinwerfer haben die Mercedes-Techniker mit schallschluckenden Gummiprofilen abgedichtet.

Am Motor selber sorgen vorbeugende Maßnahmen der Konstrukteure dafür, daß Störgeräusche schon an der Quelle gemindert werden. Eine von Mercedes-Benz entwickelte Einspritzdüse mit Schrägschliff beispielsweise unterbindet akustische Übel, die bei herkömmlichen Dieseltriebwerken das gefürchtete Nageln mit herbeiführen.

Aus einem Feldversuch mit gekapselten Diesel-Autos im Gebiet von Bad Reichenhall hatten die Marketing-Manager von Daimler-Benz gelernt, daß die Käuferschaft wohl die neue Kapsel-Technik, nicht aber gesalzene Aufpreise für sie akzeptieren würde. Der neue MB 190 Diesel, mit annehmbarem Temperament (in 18 Sekunden von null auf 100 km/h), einer Spitze von 160 km/h und einem realistischen Verbrauch von unter sieben Litern soll etwa 27 000 Mark, mithin nur 900 Mark mehr als der Brudertyp mit Vergasermotor, kosten.

Eine weitere Novität soll einen störungsfreien Winterbetrieb erleichtern. Um eine bei Kältegraden drohende verhängnisvolle Versulzung des Kraftstoffes zu verhindern, entwickelte Mercedes-Benz für seinen Zufluß einen besonderen Wärmetauscher. So wird der MB 190 D als erstes Auto der Welt mit vorgewärmtem Futter gespeist.

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