Zur Ausgabe
Artikel 95 / 135
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

Am Rande Vorletzter Wille

aus DER SPIEGEL 7/1999

Den gemeinen Sterblichen quält hienieden vor allem eine Frage: Wer wird dereinst seiner sterblichen Hülle die Grabrede halten: der nette Kegelbruder, der fiese Kollege oder gar, schlimmster Fall, der blutsnahe Verwandte, der aufs Erbteil schielt? Künstler, bekanntlich ohnehin unsterblich, denken weiträumiger und deshalb auch über den Gottesacker hinaus. Sie plagt vor allem die Ungewißheit, ob die Printmedien den gebührenden Nachruf ein- oder zweispaltig drucken werden.

Ganz empfindsame Seelen, wie sie Musikern, zumal österreichischer Herkunft, eigen sind, kümmern sich rechtzeitig um diese letzten Dinge. Deshalb hat der Wien-gebürtige Klavierspieler Friedrich Gulda, der demnächst »prophylaktisch« unters Messer muß und nun »daran denkt, daß man nicht ewig lebt« und »ich wirklich abkratze«, eine »letztwillige Anordnung« getroffen und diese in die Redaktionen versandt: »Jeder Kommentar oder Nachruf zu meinem Ableben« habe »zu unterbleiben«; der »Schmutz«, mit dem die »vernagelten Klassik-Trottel« (vulgo: Kritiker) ihn zeitlebens beworfen hätten, solle ihm nicht »auch noch ins Grab nachgeschmissen werden«. Was da als letzter Wille eines wütenden Sonderlings in die Zeitungen tickerte, ist - typisch für Friedrich den Gernegroßen - nichts als ein Trick: Gulda, 68, möchte die Totenklage der Feuilletons noch lesen, solange er sich »jung und g'scheit« fühlt und mit seinem Altherren-Hintern zwischen den Go-go-Girls von Ibiza herumalbert. Den Spaß soll er haben: Verehrter Maestro! Spielen Sie weiter Mozart, DJ oder Party-Opa. Leben Sie wohl und lange, aber verschonen Sie uns fürderhin mit allem hinterfotzigen Stuß. Friede Ihrem Dünkel!

Zur Ausgabe
Artikel 95 / 135
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.