Vorstand des Buchenwald-Komitees über Putin-Propaganda »Das ist keine Entnazifizierung, das ist Verfälschung und Verharmlosung des Holocaust«

Wladimir Putin rechtfertigt seinen Angriff auf die Ukraine mit »Entnazifizierung«. Kamil Majchrzak, Vertreter für Überlebende von Buchenwald-Dora, verurteilt diese Wortwahl als Geschichtsfälschung.
Ein Interview von Isabel Barragán
Demonstrant in Hamburg mit einem Plakat gegen die Ukraine-Invasion: Putin – der neue Hitler?

Demonstrant in Hamburg mit einem Plakat gegen die Ukraine-Invasion: Putin – der neue Hitler?

Foto: picture alliance

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SPIEGEL: In aktuellen Debatten zum Ukrainekonflikt finden sich immer wieder Sprachbilder und Anspielungen auf den Zweiten Weltkrieg. Wladimir Putin rechtfertigt den Ukrainekrieg zum Beispiel mit dem Ziel der »Entnazifizierung«. Was bedeuten derartige Vergleiche für Opferverbände und Zeitzeugen des Zweiten Weltkrieges?

Majchrzak: Der Versuch, den rechtswidrigen Überfall Russlands auf die Ukraine mit einer »Entnazifizierung« oder der Verhinderung eines Völkermordes zu legitimieren, ist nicht nur eine Verzerrung der Realität. Das ist eine inakzeptable und zynische Verfälschung der NS-Verbrechen. Was Putin macht, das ist keine Entnazifizierung, das ist Verfälschung und Verharmlosung des Holocaust. Die IHRA (International Holocaust Remembrance Alliance) hat immer wieder darauf hingewiesen, dass die Verharmlosung des Holocaust eine ernste Bedrohung darstellt. Russland ist zwar kein Mitglied der IHRA, hat aber eigene Gesetze gegen die Leugnung des Holocaust verabschiedet. Gegen die verstoßen solche Manipulationen. Sie beleidigen außerdem das Ansehen der sowjetischen Befreier vieler deutscher Konzentrationslager.

SPIEGEL: Inwiefern?

Majchrzak: Zwar gibt es auch in der Ukraine neonazistische Strukturen, Antisemitismus ist weitverbreitet. Mindestens genauso viele rechtsterroristische Strukturen lassen sich aber in der Russischen Föderation finden. Das zeigen auch Statistiken des Sova-Centers , einer russischen NGO: Allein 2020 wurden 43 Menschen in Russland zu Opfern von rassistischen und neonazistischen Verbrechen. Entnazifizierung? Gerade fallen Bomben auf die Ukraine, und damit auch auf einige der letzten überlebenden Häftlinge der deutschen KZs Buchenwald und Auschwitz-Birkenau.

Zur Person
Foto: Michal Pawlik

Kamil Majchrzak, geboren 1976 in Wrocław (Polen), ist Vizepräsident des Internationalen Komitees Buchenwald-Dora und Kommandos (IKBD). Das Komitee betreibt Erinnerungsarbeit zu den Verbrechen des Nationalsozialismus und beschäftigt sich mit Fragen zum angemessenen Umgang mit NS-Tätern. Majchrzak ist außerdem Mitglied der Delegation des Polnischen Verbands Ehemaliger Politischer Häftlinge der NS-Gefängnisse und Konzentrationslager (PZBWPHWiOK). Mit der Initiative »Ghetto-Renten Gerechtigkeit Jetzt!« kämpft er für eine Vergütung von früheren Getto-Arbeitern im Nationalsozialismus.

Russische Befreiungsarmee – waren das nicht »die Guten«?

SPIEGEL: Was also ist vom Bild der sowjetischen Befreier in den Köpfen der Menschen im Osten geblieben?

Majchrzak: Meiner Tochter musste ich tatsächlich erst einmal erklären, warum die russische Armee eine Bedrohung darstellt. Waren das nicht einmal »die Guten«? So einfach ist das aber natürlich nicht: Nach dem deutschen Überfall auf Polen begannen im sowjetisch besetzten Teil Polens Deportationen nach Sibirien. Als Deutschland die UdSSR überfiel, wurden aus diesen Häftlingen dagegen wieder Verbündete im Kampf gegen Hitler. Auch viele KZ-Häftlinge verdanken ihr Überleben der multiethnischen Roten Armee. Ich erinnere mich, wie der Buchenwaldhäftling Władysław Kożdoń mir erzählte, wie sie damals in Buchenwald mitfieberten, wenn sie die Informationen über den Vorstoß der Roten Armem an der Ostfront austauschten. Nach der Befreiung gelangte Polen aber wie andere osteuropäische Länder in den sowjetischen Einflussbereich. Die Beziehung zu Russland ist also ambivalent.

SPIEGEL: Bei Demonstrationen gegen den Ukrainekrieg sind derzeit auf Transparenten teilweise Bilder von Putin mit Hitlerbart zu sehen. Was ist von solchen Darstellungen zu halten?

Majchrzak: Im Donbas kämpft seit Jahren auch das rechtsextreme Asow-Bataillon, das dem ukrainischen Innenministerium unterstellt ist, nicht nur gegen russische Separatisten, sondern wie Putin auch gegen die liberale Demokratie, gesellschaftliche Diversität und Pluralität. Der Überfall Russlands führt paradoxerweise zu einer Verklärung solcher neofaschistischen Gruppen in der Ukraine und der Rehabilitierung der Organisation Ukrainischer Nationalisten (OUN) sowie der Ukrainischen Aufständischen Armee (UPA). Möglich wird das durch mittlerweile massenhafte Vergleiche des gegenwärtigen Konflikts mit dem Überfall NS-Deutschlands auf die Ukraine 1941 sowie die Darstellung Putins als neuen Hitler. Diese Viktimisierungs- und Heroisierungs-Erzählungen, die die Verstrickung der eigenen Gesellschaft in NS-Kollaboration im Antisemitismus verschleiern, wurde seit Jahren vom Ukrainischen Institut für Nationale Erinnerung (UINE) gefördert und gehören zum erinnerungskulturellen Kanon vieler ostmitteleuropäischen Staaten.

SPIEGEL: Auch westliche Mächte benutzen Anspielungen auf die Bekämpfung des Nationalsozialismus. Der britische Verteidigungsminister sprach zum Beispiel von einem »Whiff of Munich« (übersetzt: Hauch von München) und bezog sich damit auf die fehlgeschlagene Appeasementpolitik im Jahr 1938 gegenüber dem nationalsozialistischen Deutschland. Ist Putin der neue Hitler?

Majchrzak: Der Vergleich zu München wurde auch in Polen in den sozialen Medien diskutiert. Der hinkt allerdings. Kaum ein Staat hat die Schaffung von De-faco-Regimen wie Südossetien oder Transnistrien völkerrechtlich anerkannt. Anders beim Münchner Abkommen 1938: Großbritannien, Frankreich und Italien machten Zugeständnisse, die Tschechoslowakei wurde zerschlagen. Wir dagegen haben heute nicht einmal das berühmte leere Blatt Papier, das Chamberlain als vermeintliche Friedenszusicherung in die Luft schwang. Das Vergehen liegt aber auch eher darin, dass wir über Jahre bei diesen Konflikten weggeschaut haben. Die Rhetorik ist schließlich nicht neu.

SPIEGEL: Inwiefern?

Majchrzak: Auch in Deutschland hat man sich solcher Anspielungen bereits bedient. Im März 1999 sprach der damalige Außenminister Joschka Fischer von einem »neuen Auschwitz« im Kosovo – um damit den Einsatz der Bundeswehr zu rechtfertigen. Es gibt aber keine gerechten Kriege. Besonders für Überlebende der Schoa ist so ein Vergleich, aus Deutschland noch dazu, ein Hohn. Nach dem Terrorregime der Deutschen mussten sie sich mit den Deutschen versöhnen. Mit jenen Deutschen, die über Jahrzehnte meinten, sie hätten sich nichts zuschulden kommen lassen. Die aber warnten nun vor einer Wiederholung der Schoa? Solche Anspielungen lassen mich an unserer Erinnerungsarbeit zweifeln. Haben wir versagt?

SPIEGEL: Was ist Ihre Antwort: Hat die Erinnerungsarbeit nicht genug geleistet?

Majchrzak: Ich glaube, wir haben es verpasst, die gemeinsamen historischen Verstrickungen aufzuarbeiten. Was wissen wir eigentlich über die Verbrechen der Deutschen im Osten, den dortigen Antisemitismus, dessen Kollaborationen mit dem Besatzerregime? In osteuropäischen Ländern wurde der Nationalismus außerdem lange Zeit heruntergespielt. Seine Verharmlosung wurde in den 1980er-Jahren sogar gefördert, als Instrument der Loslösung von der sowjetischen Besatzung. 1989 wäre eine Chance des Austauschs gewesen. Paradoxerweise haben wir mit dem Zerfall der Sowjetunion vielfach den Kontakt und das Interesse an Kulturschaffenden aus dem Osten verloren, erst in den letzten Jahren nimmt dieser zu. Gerade auch durch Dissidenten der autoritären Politik Putins. Haben wir diesen Prozess aber in den letzten 30 Jahren ausreichend befördert? Ich glaube nein. Wir wissen heute nichts über den anderen im Osten. Bis heute bestehen aus Ignoranz sogar gewisse Vorbehalte.

SPIEGEL: Welche Vorbehalte meinen Sie?

Majchrzak: Vor einigen Jahren, dass muss während der ersten Amtszeit Putins gewesen sein, sprach ich am Rande einer Veranstaltung als Stipendiat einmal mit Egon Bahr. Der schien davon auszugehen, dass Russland nur mit einer eisernen Hand regiert werden könnte. Als gäbe es einen besonderen Menschentypus, den homo sovieticus, der nur die Peitsche versteht. Da wäre es angebracht, daran zu erinnern, dass die erste Verfassung in Europa noch vor Frankreich in Polen verabschiedet wurde. Dass die Traditionen des Dekabristen-Aufstandes auch das polnische Freiheitsdenken beflügelt haben. Und dass es ohne den gemeinsamen gesellschaftlichen und kulturellen Austausch zwischen den Menschen in dem ehemaligen Ostblock auch keine Solidarność und Bürgerbewegung in der DDR oder Tschechoslowakei oder auch eine Organisation wie Memorial in der Sowjetunion gegeben hätte. Wir müssen diese Traditionen wieder stärken und eine Perspektive des Zusammenlebens als Nachbarn auf Augenhöhe ermöglichen. Das ist keine Utopie angesichts dieses verbrecherischen Kriegs. Sonst dürfte man es keinen Deutschen zutrauen, nach dem Menschheitsverbrechen der Schoa in einem demokratisch verfassten Deutschland zu leben.

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