Zur Ausgabe
Artikel 67 / 92
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

Vorwärts stehen - ägyptisch und modern

»Je wahrer ein Werk ist, desto mehr 'Stil' hat es": In der Kunst der alten Ägypter stießen moderne Bildhauer auf Prinzipien, die sie auch für eine »neue plastische Sprache« brauchen konnten. Eine Ausstellung in Leverkusen demonstriert jetzt innere Verwandtschaften der zweierlei Skulpturen zwischen »Aufbruch und Dauer«. *
aus DER SPIEGEL 6/1986

Das Wort: ist unsterblich, der malende Ex-Zollbeamte Henri Rousseau hat es an Pablo Picasso gerichtet. »Wir beide«, so sagte er, »sind die größten Maler, du im ägyptischen Stil, ich im modernen.« Darüber wurde dann viel gelacht.

Den genauen Sinn seines Rätselwortes hat Rousseau 1910 mit ins Grab genommen, aber bloßen Unsinn hatte er keinesfalls geredet. Daß er selber mehr als skurriler Naiver war, nämlich durchaus ein Pionier der Moderne, ist von der Kunstgeschichte längst anerkannt worden. Und was er bei seinem jungen Freund, dem Miterfinder des Kubismus, »ägyptisch« fand, läßt sich wohl ahnen: den Rückgriff auf abstrahierte Formen, den Zug zu Strenge und ausdrucksvoller Geometrie.

Nur machte eben dies Picasso nicht etwa zum zeitentrückten Gegenspieler Rousseaus, sondern erst recht zum Kunstrevolutionär: Je ägyptischer, desto moderner.

Diese Parole läßt sich nun in einer Ausstellung nachvollziehen, die Kunst des Pharaonenreiches gezielt mit europäischer des 20. Jahrhunderts zusammenbringt. Das städtische Museum Leverkusen spielt das Thema auf hohem Niveau und im aussagekräftigsten Medium durch: Bis zum 31. März zeigt es 85 größtenteils hervorragende Beispiele für »Ägyptische und moderne Skulptur« nebeneinander.

Wie es dem Stoff entspricht, hat sich das zeitgenössisch ausgerichtete Leverkusener Haus mit Ägypten-Fachleuten zusammengetan, mit der Staatlichen Sammlung Ägyptischer Kunst sowie dem einschlägig engagierten Galeristen Heinz Herzer in München (in die Kunsthalle der dortigen Hypo-Stiftung geht die Schau dann weiter). Die Experten brachten Spezialwissen und Kontakte ein, die unter anderem zu Leihgaben aus Paris und Leiden, aus Wien und London verhalfen; sie erwarten aber auch Anregungen für ihre Disziplin. Wie auf die moderne Plastik, so soll die Konfrontation im Museum zugleich neues Licht auf die altägyptische werfen.

Nur für den ersten Blick erscheint das Leverkusener Unterfangen als schlichtes Supplement jener New Yorker Großausstellung, die 1984 den »Primitivismus« in der modernen Kunst, ihre Beziehung hauptsächlich zu afrikanischen und ozeanischen Objekten, dargestellt hatte. Mögliche Anregungen durch die ägyptische Hochkultur blieben ausgespart.

Tatsächlich hat die auch kaum je derart konkret auf moderne Künstler eingewirkt wie die Welt der Masken und Fetische, aus der Picasso sein Darstellungsprinzip für kubistische Gitarren ableitete und aus der schwächere Talente bloß zu zitieren brauchten. Daß Franz Marc ein ägyptisches Relief als »Eselsfries« abmalte (verquickt mit einer Büffelmaske aus Kamerun), ist ein Ausnahmefall.

Wohl hat Auguste Rodin ägyptische Skulpturen sogar in seiner Sammlung gehabt, wohl müssen die Künstler generell dergleichen gekannt haben. Aber der Begriff, den sie sich davon machten, war offenbar ähnlich allgemein wie bei Rousseau. Henri Matisse staunte, wie »verwandt« kleine »Negerstatuen« mit »ägyptischen Plastiken« seien. Alberto Giacometti registrierte, »daß ein Werk, je wahrer es ist, um so mehr ''Stil'' hat«, und zählte dafür mehrere Belege auf, vorweg »die Skulpturen der Ägypter«. Auch für Ossip Zadkine waren altägyptische Vorbilder nicht die einzigen, aus denen ewig - und also auch für eine »neue plastische Sprache« - gültige Prinzipien abzulesen seien.

In diesem Sinn einer grundsätzlichen »Verwandtschaft«, nicht zum Nachweis

spezifischer »Einflüsse«, sind in Leverkusen ägyptische und moderne Skulpturen gegenübergestellt. Die zurückhaltende Inszenierung ist eine noble Sehschule in Sachen Plastik schlechthin, die den Blick des Besuchers auf eine Dialektik von »Aufbruch und Dauer« (Schau-Untertitel) lenkt.

Das ist doppelt zu verstehen. Nur im Rückgriff auf elementare Formen konnte der Aufbruch der Moderne, die Abkehr vom Naturalismus des 19. Jahrhunderts, glücken. Aber auch: Die über fast drei Jahrtausende verbindlichen Grundregeln der ägyptischen Kunst boten Spielraum genug für Neuerungen durch »minimale Regelbrüche«.

So sagt es der Münchner Ägyptologe Dietrich Wildung im Ausstellungskatalog. _(Verlag Karl M. Lipp, München; 172 ) _(Seiten; 22 (im Buchhandel 32) Mark. )

Er rügt als »Verschulden« seiner Fachgenossen, daß »ägyptische Kunst noch kaum als Kunst«, sondern nur jeweils als historisches Dokument gesehen werde. Im Dialog mit dem Leverkusener Museumsdirektor Rolf Wedewer schält er nun Eigentümlichkeiten der Gattungen und Einzelstücke, Übereinstimmungen und Kontraste zwischen den zweierlei Skulpturen heraus.

Als fast blockhaftes, axial und symmetrisch ausgerichtetes Volumen präsentiert sich die typisch ägyptische Stand- oder Sitzfigur. Eine Basisplatte und eine Rückenstütze, im rechten Winkel zueinander, grenzen ihr einen Sonderraum aus. Aber wie unter straffer Oberfläche Körpermotive spürbar werden, so »lauert Bewegung« in unscheinbaren, »bislang nicht registrierten« (Wildung) Achsenverschiebungen, und ein Schreitender deutet den Ausbruch aus seinem Kastenraum an.

Vergleichbares Stocken zwischen Statik und Dynamik analysieren die Aussteller dann schon beim Moderne-Vorläufer Rodin, der einen »Homme qui marche« mit beiden Sohlen fest an den Boden klebt und seinen »Balzac« zu einer Art von vorwärtsdrängendem Stehen befähigt. Bei einer »Sitzenden Figur« von Fritz Wotruba kehren Grund- und Rückenplatte in der Funktion von Sessel-Elementen wieder, und Norbert Kricke definiert einen Raumquader durch nichts als eine mehrfach abgeknickte stählerne Stange.

Die Blockform Thronender und Hockender ist in Leverkusen durch eine ganze Kollektion ägyptischer Varianten vertreten. Moderne wie Wotruba oder auch Andre Derain, dessen »Kauernder« die Finger vor dem gesenkten Schädel verschränkt, als wären es die Zähne eines Reißverschlusses, mochten sie übernehmen oder neu erfinden. Alberto Giacometti hätte für die Verbindung von Typus und Porträt ("Elie Lotar III") Vorbilder, wenn auch äußerlich ganz unähnliche, bei den Ägyptern finden können. Raymond Duchamp-Villons »Bildnis Professor Gosset« wiederum mit seinem Gegenspiel konvexer und konkaver Gesichtspartien mutet fast an wie die Parodie eines Löwenkopfes aus dem Alten Reich.

Nicht alle Parallelen schlagen durch, manche Ähnlichkeiten wirken auch zufällig - so die zwischen modernen Torso-Plastiken und durch Mißgeschick verstümmelten ägyptischen Skulpturen. Wenn Picasso einen »Picador mit zerbrochener Nase« modelliert, verhält es sich schließlich anders als mit einem entsprechend beschädigten Stein-Kopf, und der von Rudolf Belling originell porträtierte Kunsthändler Alfred Flechtheim ähnelt dem Pharao Amenophis IV. alias Echnaton am ehesten physiognomisch.

Fruchtbarer ist es allemal, weniger ins Auge springende Verwandtschaften aufzuspüren, wie Wildung es mit seiner Frage tut: »Ist es kühn zu formulieren: In Giacomettis ''Frau''« - einer sanft vorgewölbten flachen Form mit einer großen Delle in der Mitte und einer kleinen oben - »hätte ein altägyptischer Bildhauer die ferne Verwirklichung seiner formalen Visionen gesehen?« Ein bißchen kühn.

Verlag Karl M. Lipp, München; 172 Seiten; 22 (im Buchhandel 32)Mark.

Mehr lesen über
Zur Ausgabe
Artikel 67 / 92
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.