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Verlage Vorzimmer der Macht

Der Ost-Berliner Galrev-Verlag, Flaggschiff der Lyriker-Avantgarde vom Prenzlauer Berg, ist wieder in der Hand von ehemaligen Stasi-Spitzeln.
aus DER SPIEGEL 31/1992

Ein kräftiger Donnerschlag erschütterte im Herbst des vergangenen Jahres die deutschen Feuilletons: Die Künstler-Subkultur vom Prenzlauer Berg, im Westen gefeiert für ihre Unbotmäßigkeit zu DDR-Zeiten, entpuppte sich als Geflecht von Stasi-Spitzeln und Bespitzelten.

Nun aber scheint es, als sei nichts gewesen. Denn im Galrev-Verlag, dem Zentrum der jungen Wilden Ost-Berlins, stehen seit Anfang Juli die Lyriker Sascha Anderson und Rainer Schedlinski, beide als Stasi-Mitarbeiter enttarnt, wieder an der Spitze - zum Bedauern, ja zur Empörung vieler einstiger Mitstreiter.

Die hatten sich auf eine Entscheidung vom Januar verlassen: Autoren und Mitarbeiter beschlossen damals, daß die in den Wochen zuvor publik gewordenen Stasi-Verstrickungen ihrer beiden Hauptakteure aufgeklärt werden müßten. Dokumente sollten ans Licht, personell wurden erste Konsequenzen gezogen: Anderson schied als Gesellschafter aus, Schedlinski wurde von der Mitwirkung suspendiert, bis er »öffentlich und in aller Klarheit« reagiert habe.

Galrev-Gründer Anderson, 38, war auf Hinweis von Wolf Biermann ("Sascha Arschloch") und durch die Serie von Jürgen Fuchs (SPIEGEL 47 bis 51/1991) der Spitzeltätigkeit überführt worden. 14 Jahre lang hatte er perfide Berichte abgeliefert - mit verheerenden Folgen: Von »schier endlosen Verhören« und Mißhandlungen durch die Stasi berichtete etwa das Anderson-Opfer Rüdiger Rosenthal.

Zu Beginn dieses Jahres mußte der Lyriker und Essayist Rainer Schedlinski, 35, seine Tätigkeit als IM »Gerhard« zugeben. Wie Anderson hatte Schedlinski jahrelang enge Freunde verraten.

Eine Trennung von den beiden Stasi-Zuträgern schien zunächst unvermeidlich. Denn Galrev - wie beim angeschlossenen Cafe »Kiryl« lieferte ein simpler Dreh den Namen - sollte ja ein Neuanfang sein: ein für viele Autoren offenes Unternehmen, ein geistiger Mittelpunkt jener Lyrik-Einzelgänger, die trotz aller Schikanen in der DDR-Subkultur überlebt hatten.

Mit solch hehren Zielen wurde Galrev 1990 gegründet. PDS-Geld sollte laut Gründungsabsicht nicht ins Geschäft, mehrere ABM-Stellen wurden bewilligt.

Der öffentliche Streit um Anderson hob zwar kurzfristig den Umsatz des kleinen Verlags. Seit Schedlinskis Enttarnung jedoch häuften sich Verdächtigungen: War das gesamte Galrev-Projekt »verdeckte Wiedergutmachung« an Spitzel-Opfern unter den Autoren, wie der zu DDR-Zeiten von Anderson und Schedlinski beschattete Satiriker Lutz Rathenow, 39, heute vermutet? Oder handelte es sich gar, mit den Worten des Frankfurter DDR-Literatur-Fachmanns Karl Corino, um eine »Abfindungs-Gründung der Stasi« für treue Dienste?

Der Aufklärungsbeschluß vom Januar wurde von einer neuen Autorenkonferenz im Juni gekippt: Neben dem Anderson-Freund Egmont Hesse, 32, nimmt Schedlinski sein Amt wieder wahr wie zuvor; im Cafe Kiryl kontrolliert er die Abrechnungen. Anderson, auf Künstlerfeten in Berlin schon einmal als »unser Spitzel« herumgereicht, amtiert wieder als Gesellschafter.

Der Prenzlberg-Autor und Galrev-Kenner Peter Böthig, 34, hat eine einfache Erklärung: »Anderson hält mit Abstand am meisten vom Firmenkapital« - ohne seinen Anteil könnte das Kollektiv nicht überleben.

Daß Kapital Macht sichert, ist jedoch nur ein Grund für den abrupten Schwenk zurück. Die Enttarnten bauen auf die Vergeßlichkeit. Seit längerem hat der marketing-gewandte Anderson ("Heute schreiben die Subversiven bei Galrev") die Zweifler in der Clique an den Rand gedrängt, konsequent verharmlost er sein dubioses Vorleben. Die Stasi habe ihn »niemals besessen«, erklärte er jüngst dem New York Times Magazine. »Ich bin hier, und ich lebe, und das ist so etwas wie ein Sieg für mich.« Keine Rede von den Opfern.

Auch Schedlinski ist sein im Januar in der FAZ niedergelegtes Reuebekenntnis längst lästig. In einem Beitrag für das Juniheft der Zeitschrift Neue Deutsche Literatur nennt er die Staatssicherheit ein bloßes »Medium« zwischen offizieller und verdeckter Wirklichkeit der DDR, eine »Vorzimmerdame der Macht«, einer Macht, »mit der zu kungeln nicht mal mehr ehrenrührig und für manchen gar amüsant war«.

Jetzt haben beide ihre private Vertuschungsstrategie zur Verlagslinie gemacht. Ihr Hauptopponent, Galrev-Mitgründer Klaus Michael, 33, bekam keine Mehrheit mehr für seinen offenen, selbstkritischen Kurs. Anfang Juli gab er den Geschäftsführerposten bei Galrev auf.

»Viele sehen die Lage sehr kritisch«, meint Jörg Waehner, 30, ein weiterer Aussteiger, der nur unter großen Schwierigkeiten bei Galrev ein Buch herausbringen konnte, in dem er die Stasi-Problematik literarisch verarbeitete. »Aber sie sagen nichts oder wenig, weil sie doch von ihren Jobs im Verlag abhängig sind.« Einige wollten offenbar auch ihre seit Jahren bestehende Freundschaft mit Anderson nicht aufgeben - »eine Art Solidarität des geringeren Übels«.

Ursprünglich hatten die Anderson-Kritiker eine Doppelstrategie vorgeschlagen: Neben originellen Produktionen wie dem Gedichtband »Tagebuchtage« der Rumänin Anemone Latzina oder »Am Lit«, einer jüngst ausgelieferten dicken Anthologie neuer US-Literatur, war die Vergangenheit der eigenen Autoren als Muß-Thema eingeplant. Doch der Dokumentenband, mit dem Michael und Böthig die szeneninterne Diskussion vorantreiben wollen, wird nun wahrscheinlich in einem anderen Verlag erscheinen müssen.

Die Verweigerung jeder öffentlichen Debatte nährt den in der Szene kursierenden Verdacht, der Einsatz für die internationale Avantgarde sei nur eine Mogelpackung, mit der man von dem unbequemen Stasi-Komplex ablenken wolle.

Die ausmanövrierten Kritiker hatten die alte Stasi-Front des »konspirativen Schweigens« (Jürgen Fuchs) durch Gesprächsbereitschaft aufbrechen wollen. Womöglich sei diese Auseinandersetzung »zu hart« geführt worden, erklärt Ex-Geschäftsführer Michael. Es sei allerdings »fatal, wenn der Verlag nun endgültig von einem neurotischen Alt-Kollektiv vereinnahmt« werde.

Michael hofft noch auf eine erneute Wende. Bewahrt werden könne die lyrische Subkultur am Prenzlauer Berg nur mit einer präzisen Aufbereitung aller Daten und Fakten.

Die aber scheinen dort nicht mehr gefragt. Detlef Opitz, 36, Anderson-Freund und als neuer Kiryl-Chef im Gespräch, liefert gerade ein Beispiel: Er läßt sich vom Münchner Piper-Verlag 2500 Mark monatlich dafür zahlen, daß er sein Untergrundleben schildert. Tatsachen werden dabei von nur geringer Bedeutung sein: Opitz schreibt einen Roman.

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