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DDR-Telefone Wachsende Verzweiflung

Weil es die Post allein nicht schafft, stopfen jetzt auch die Privaten das innerdeutsche Telefonloch.
aus DER SPIEGEL 32/1990

Wenn wieder mal einer von ihm wissen will, warum es denn immer noch nicht klappt mit der Telefonverbindung BRD-DDR, hat Telekom-Sprecher Achim Muth eine Standarderklärung parat: »Das ist etwa so«, sagt der Bundespostler dann, »als ob eine vierspurige Autobahn plötzlich in einen Feldweg übergeht.«

Selbst Mobil-Telefonierer haben, anders als noch in den Wochen nach der Wende, nicht mehr die Nase vorn. »Bitte warten«, quäkt es immer öfter aus dem teuren Gerät. Weil das C-Netz völlig überlastet ist, werden mehr und mehr Anrufer auf »den nächsten freien Funckanal« vertröstet.

»Wachsende Verzweiflung vor allem im Mittelstand« (Frankfurter Allgemeine) und verstärkte Kritik (etwa vom Verband der Postbenutzer) an »fürchterlicher« Bürokratie machen den Telekom-Managern zunehmend das Leben schwer. Unterdessen schlagen findige Geschäftsleute aus der deutsch-deutschen Telefonmisere schon kräftig Kapital. Mit privatem Satellitenfunk will Bundespostminister Christian Schwarz-Schilling die Lage jetzt entspannen - und nimmt dabei sogar in Kauf, daß das Monopol der Post angeknabbert wird.

Daß die Leitung zwischen West und Ost so schlecht ist, liegt nicht nur am technischen Rückstand des SED-Staates. Auch das Mißtrauen der realsozialistischen Machthaber ihren Bürgern gegenüber hat dazu beigetragen.

Weil moderne Vermittlungstechnik fehlte, aber auch, um überall mithören zu können, hielten sie das marode DDR-Telefonnetz bis zuletzt auf dem Niveau eines Entwicklungslandes.

Bei der Wende gab es dort nicht mehr als 1,6 Millionen Anschlüsse (Bundesrepublik fast 30 Millionen). Nur 216 Leitungen liefen im innerdeutschen Fernsprechverkehr von Ost nach West - in die Gegenrichtung immerhin schon 1113.

Zwar wollen Telekom/West und Telekom/Ost noch bis Ende des Jahres die Zahl dieser Leitungen auf 1182 beziehungsweise 1494 erhöhen, aber angesichts des sprunghaft gestiegenen Sprechbedarfs wird das bei weitem nicht ausreichen. Im Westen könnte das Netz problemlos weiter aufgestockt werden, doch verfaulte Strippen auf DDR-Gebiet lassen das nicht zu.

Schwer behindert werden durch die Leitungsknappheit diejenigen, die auf dem Gebiet der DDR eine funktionierende Wirtschaft aufbauen wollen. Das Soforthilfeprogramm der Bundespost für 1990 (Volumen: 110 Millionen Mark) hat bisher kaum spürbare Entlastung gebracht.

So sind etwa die VW-Abgesandten, die in Mosel bei Zwickau die »Polo«-Produktionsanlagen aufbauen, über die lange Leitung in die Bundesrepublik arg verärgert. »In China«, schimpft ein Techniker, der zuvor bei VW Schanghai gearbeitet hat, »konnten wir leichter mit Wolfsburg telefonieren als in der DDR.«

Insgesamt 55 Milliarden Mark will die Bundespost bis 1997 ausgeben, um dem Telekom-Entwicklungsland eine moderne Infrastruktur zu verpassen. Rund 1,2 Millionen Telefonanschlüsse sind schon beantragt, 100 000 davon will die DDR-Post in diesem Jahr installieren.

In sieben Jahren sollen dann rund acht Millionen Anschlüsse am Netz sein. Die Bundespost plant östlich der Elbe sogar, wie ihr Telekom-Vorsitzender Helmut Ricke erklärte, »eines der modernsten, wenn nicht das modernste Telekommunikationsnetz der Welt oder zumindest Europas«.

So basteln bereits Ossi-Bautrupps mit Wessi-Hilfe an einem sogenannten digitalen Overlay-Netz: Mit Richtfunk und Glasfaser sollen zunächst die neun wichtigsten Städte auf DDR-Gebiet miteinander und dann über zwei Funkbrücken mit dem West-Netz verbunden werden. Kosten der »Telefonautobahn": 240 Millionen Mark.

Schnellere Linderung der Telefon-Not verspricht dagegen der Ausbau der Funknetze. Inzwischen ist das gesamte Stadtgebiet von Ost-Berlin für Mobiltelefone erschlossen, bis 1991 soll auch auf den ehemaligen Transitstrecken zwischen Berlin und dem Bundesgebiet aus dem Auto telefoniert werden können. 1992, so die Planung, soll das C-Netz bis zur Oder reichen.

Doch das ist noch Zukunftsmusik, mehrere Stunden Wartezeit selbst bei teureren handvermittelten deutschdeutschen Gesprächen sind nach wie vor die Regel. Gute Verbindungen werden damit zur Kostenfrage.

Wer es sich nämlich leisten kann, wie etwa die Manager von Opel in Rüsselsheim, wählt über das westliche Ausland das Ost-Telefonnetz an.

Die Rüsselsheimer gehen über die Schweiz, deren DDR-Verbindungen noch nicht so überlastet sind. Von der Züricher Europa-Zentrale der Mutterfirma General Motors lassen sie sich, per Konferenzschaltung, mit dem Kooperationspartner »Automobilwerke Eisenach« zusammenkoppeln.

Auf dieselbe Idee sind auch schon findige Geschäftsleute gekommen. Gegen gutes Geld betreiben sie neuerdings deutsch-deutsche Fernmeldekuppelei.

»In kürzester Zeit«, wirbt etwa die Firma Keiser + Müller im schweizerischen Zug, könne der Kunde seine Partner in der DDR »am Draht haben«, Kostenpunkt: 21 Mark für drei Minuten. Bei einem Spezialangebot ("1 Minute telefonieren Sie mit Ihrem Partner kostenlos zur Probe") können sich die Kunden von der Qualität der neuen Dienstleistung überzeugen.

»Innerhalb von zwei Minuten einen Kontakt nach Dresden, Erfurt, Eisenach« verspricht seit Juli auch Jürgen Krück, Geschäftsführer der Computer-GmbH Comsys in Köln. Für Comsys-Kunden führt die Leitung über Holland - Grundgebühr: 500 Mark im Monat.

Dafür werden die Gespräche sogar vollautomatisch angebahnt. Der Anrufer muß einen sogenannten Voice-Computer anwählen, der im niederländischen Utrecht steht (Comsys-Werbung: »Ihr rotes Telefon in die DDR"). Eine synthetische Stimme bittet ihn dann, die gewünschte DDR-Nummer einzugeben: Der Rechner registriert sie und wählt sie anschließend auf bis zu vier Leitungen gleichzeitig an. Sobald einer der 60 Telefonkanäle zwischen Holland und der DDR frei wird, schaltet der Computer die Teilnehmer zusammen.

Doch solche »Ausweichlösungen« können die innerdeutsche Telefonkrise nicht merklich mildern. Absehbar ist, wann auch die Fernsprechwege über das Ausland verstopft sein werden.

Wirksamere Hilfe kommt, wie jetzt die Bundespost hofft, vom Himmel. Wegen der angespannten Lage verzichtet Minister Schwarz-Schilling auf ein - wenn auch winziges - Stück seines Telefondienstmonopols, »für einen befristeten Zeitraum«, wie es heißt.

Unter bestimmten Umständen will er Firmen, die eigene Erdfunkstellen eingerichtet und Satellitenverbindungen gemietet haben, eine Lizenz zur deutsch-deutschen Sprachübertragung - also zum Telefonieren - auch für Dritte gewähren, ein Novum.

Laufen soll das über Fernmeldesatelliten wie den kürzlich gestarteten »Kopernikus 2« oder den amerikanischen »PanAmSat«, mit deren Hilfe einige Banken, Handelsketten und Druckhäuser bereits ihre Computerdaten über die Elbe schicken.

Auch Telefongespräche könnten so, digital zerhackt und zu Tausenden gebündelt, erst zum 36 000 Kilometer hoch stehenden Satelliten hinauf und dann wieder zu Empfangsschüsseln am Boden gesendet werden. Von dort würden sie dann etwa an Mobilfunk-Geräte weitergeleitet.

Private Firmen wie TSC in München versprechen denn auch schon etwas voreilig »Telefongespräche in die DDR ohne Wartezeiten« - für 3000 Mark plus 150 Mark monatliche Grundgebühr.

Kleiner Schönheitsfehler: Dem zuständigen Bundespostministerium, so teilte ein Sprecher mit, lag in der vergangenen Woche noch gar kein Lizenzantrag vor.

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