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LITERATUR / BUNDESPRÜFSTELLE Wacht am Rhein

aus DER SPIEGEL 35/1967

Der alte Sexualhymniker Henry Miller, 75, nahm Abschied von seiner Literatur der pan-erotischen Ekstasen. »Ich habe«, so frohlockte er unlängst, »alles geschrieben, was ich sagen wollte. Mir scheint, der Kampf für die freie Behandlung des Sexualproblems ist gewonnen.«

Millers großer Zapfenstreich kam zur rechten Zeit. Seit 1961 im Londoner Strafgericht Old Bailey die einst verruchte »Lady Chatterley« als ehrbare Dame rehabilitiert wurde, seit gar 1963 der Justizminister der Vereinigten Staaten Millers »Wendekreis des Krebses« fürs US-Publikum freigab, ergießt sich ein Papierschwall drastischer und ausführlicher Beschreibungen von Hetero-, Homo-, Trio- und Duodez-Sexereien übers vormals prüde Abendland.

Längst haben die Richter, etwa in Amerika, England, Dänemark und Schweden, resigniert, schon gähnen die ersten Liebhaber aphrodisischen Schrifttums. Denn wo nichts mehr verboten ist, da läßt rasch das Vergnügen nach.

In Deutschland allerdings ist die Lust nach lüsterner Lektüre noch immer ungebrochen. Denn in Bad Godesberg gibt es die 1954 durch Parlamentsbeschluß vom Vorjahr errichtete »Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften«, die auf Antrag emsig prüft und indiziert und so zum vermeintlichen Wohl deutscher Jugend der Sex-Inflation Einhalt gebietet.

Ihren Bannfluch hat diese Inquisition, ein Kollegium von Ländervertretern und Delegierten aus Kunst, Kirche, Buchhandel, Literatur, Jugendverbänden, Jugendwohlfahrt, Verleger- und Lehrerschaft, unlängst auf Antrag des Bundesinnenministeriums gegen ein Erstlingswerk ausgestoßen: In der 145. Sitzung der Prüfstelle wurde dem Roman »Ellenbogenspiele« von Draginja Dorpat, 35, erschienen im Hamburger Merlin Verlag, das Prädikat »außerordentlich schwer jugendgefährdend« zuerkannt*.

Die Folgen dieses Urteils: Das Buch, das »dem geschützten Bereich der Kunst nicht zuzuordnen« sei, darf fortan nur unter dem Ladentisch gehortet und nur auf Verlangen an Erwachsene abgegeben werden; eine Werbung ist, außer in Fachzeitschriften, verboten, ebenso der Verkauf im Versandhandel.

Und da vermochten auch der Literaturprofessor Hans Wolffheim («... eines der besten und intelligentesten Erzählwerke ·der jüngeren deutschen Literatur") und der Schriftsteller Martin Walser («... deutlich Kunst") nicht mehr mit lobenden Gutachten zu helfen -- den Godesberger Moralisten

* Draginja Dorpat: »Ellenbogenspiele«. Merlin Verlag, Hamburg; 220 Seiten; 19,80 Mark.

schien die Expertise eines Professors Hans Meyers, Direktor des Instituts für Kunsterziehung an der Universität Frankfurt, weitaus plausibler.

Meyers, der vor Jahren schon gegen die Verleihung des Büchner-Preises an Günter Graß agitiert hatte, über die »Ellenbogenspiele": »Jede Zeile des Buches beweist ihre Herkunft aus menschlicher Verwahrlosung, ja sie intendiert selbst wieder Verwahrlosung im Leser.«

Laut Indizierungsantrag des Bundesinnenministers hatte die Autorin ganz einfach »an die Stelle der Sittenordnung den sexuellen Nihilismus« gesetzt. »Der Sexus«, klagte er, »ist um seiner selbst willen da, der Coitus wird nur wegen der Freude am Sinnenrausch praktiziert.«

Die züchtige Bundesprüfstelle ließ sich noch deutlicher über die weniger nihilistischen als trübsinnigen Betthupferl der schreibenden Ehefrau (drei Kinder) und Ex-Assistentin an der Tübinger Universität aus. In Frau Dorpats studentischem Liebesreigen zu Tübingen, so verkündet die Godesberg-Predigt, »erfährt (der junge Leser) von verzweifelten Versuchen der Jurastudentin Thea, ihre Jungfräulichkeit unter allen, sei es auch erniedrigenden Umständen, loszuwerden.

»Er begegnet dem Examenskandidaten Knut, der sich von einer vermögenden Fabrikantenwitwe aushalten läßt und schließlich aus Rachegefühlen einen ausführlich beschriebenen Brutal-Geschlechtsakt (Seite 63 bis 64) mit seiner Gönnerin vollzieht.

»Er erfährt etwas über den wankelmütigen Studenten Lambert und dessen sexuelle Annäherung an Thea und entdeckt alsdann in dem bejahrten Lebemann Ellenbogen einen weiteren Vertreter sexueller Verwahrlosung. Die Enddreißigerin Christina, Ellenbogens Geliebte, typisiert die Sexualität auch in dieser Altersphase negativ. Der Illustriertenreporter Karol -- gierig zupackend und gefühlsarm -- defloriert Thea (Seite 170).

»Zum Schluß des Romans spürt Karol in einem Bordell einen ehemaligen Offizier und gescheiterten Theologen auf, der gegen Bezahlung mit der läufigen Hündin einer wohlhabenden Freundin des Journalisten Ellenbogen koitiert«.

Die Inhaltsangabe ist erheiternd, aber exakt. Dennoch hat Martin Walser noch etwas mehr aus Draginja Dorpats »rotzfrechem« Buch ("Es gehört zur Bekenntnisliteratur") herausgelesen -- das Bedürfnis nämlich, »des bürgerlichen Tradition ein bißchen ins ehrwürdige Gesicht zu spucken«.

Walser: »So ein Buch kann Leser verletzen. Aber aufschreien und etwa gar nach Verbot schreien sollte der Leser nicht. Wenn er, anstatt seine Verletzlichkeit zu genießen, ein paar Augenblicke lang daran denkt, daß da eine zurückschlägt, wahrscheinlich nicht aus Willkür, sondern aus Erfahrung, dann wird er vielleicht merken, daß das, was man zuerst für Aggression halten könnte, eher eine Art zu klagen ist. Und dann, ja, dann wird es möglich, dieses Buch zu verstehen. Dann schwindet auch die Lust, es zu verbieten.«

Doch diese Lust ist noch groß. Noch immer harrt treu und fest die Sitten-Wacht am Rhein. Sie harrt dort schon, trotz eines ausreichenden StGB-Paragraphen 184, der die Verbreitung unzüchtiger Schriften unter Strafe stellt, seit dreizehn Jahren. Sie verbietet Publikationen wie das Taschenbuch »Die lüsterne Ellinor!« oder den Schmalfilm »Die Fotografin und ihr Modell«, aber sie indizierte auch James M. Cains Roman »Die Rechnung ohne den Wirt« und »Die Unersättlichen« von Harold Robbins.

Sie läßt sich von oftmals unzureichend belesenen Anstoßnehmern animieren und kann doch verfahrenstechnisch kaum Schritt halten. Die bedenkliche »Geschichte der O« zum Beispiel, die seit Monaten auf der SPIEGEL -- Bestsellerliste rangiert, wurde bislang nicht behelligt. Die lustige »Fanny Hill« hingegen mußte aus dem Verkehr -- und das gleich in vier deutschen Ausgaben.

Immerhin, eine Hoffnung bleibt den Freunden jener Freiheit, die schon Henry Miller meinte: Sowohl der offiziöse »Bundesanzeiger« als auch das »Börsenblatt für den Deutschen Buchhandel« publizieren regelmäßig die indizierten Titel. Außerdem bietet der Neuwieder Luchterhand Verlag einen umfassenden Überblick über die neuesten »Jugendgefährdenden Schriften« (Titel). Sie können von jeder Privatperson abonniert werden -- Altersangabe nicht erforderlich.

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