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AUTOFAHREN Wäsche im Hof

aus DER SPIEGEL 20/1966

Morgens beschäftigen sie sich mit

Bismarcks Einigungs- und Kulturkampfpolitik, berechnen Zinseszinsen und übersetzen Caesar. Nachmittags lernen sie Kurventechnik, Autopflege und Zündkerzen-Wechsel.

Für 15 und 16 Jahre alte Schülerinnen und Schüler von neun Frankfurter Schulen - darunter auch drei Gymnasien und eine Sonderschule - beginnt in dieser Woche der Unterricht in einem Fach, das bislang an Deutschlands öffentlichen Schulen nicht gelehrt wurde: Autofahren.

Anregungen und Lehrmaterial für den Verkehrsunterricht holte sich Frankfurts Polizeipräsident Dr. Gerhard Littmann in den USA, wo Autofahren bereits seit rund drei Jahrzehnten auf den Lehrplänen der höheren Schulen steht; und wo Statistiker errechnet haben, daß Autofahrer, die bereits als Teenager Gaspedal und Kupplung zu bedienen lernten, weit weniger Unfälle verursachen als andere.

In Frankfurt sollen die Schüler von fahrkundigen Schullehrern (die dafür von der Schulverwaltung eine Sondervergütung bekommen) und Fahrlehrern der Polizei in einem 60-Stunden-Kurs, der sich über ein Schuljahr erstreckt, eine Kraftfahrer-Allround-Ausbildung erhalten, wie sie gründlicher in keiner Fahrschule vermittelt werden könnte:

Verkehrsgesetzeskunde steht auf dem Lehrplan; »defensives Fahren« soll gelehrt werden; den Jungen und Mädchen wird gezeigt, wie sie kleinere Reparaturen selbst beheben können; und »selbstverständlich« - so Littmann, der Initiator des Projekts - »gehört regelmäßige Wagenwäsche und -pflege mit zum Programm«.

Nur in einem Punkt ist die Ausbildung nicht so lebensnah wie in kommerziellen Fahrschulen: Übungsfahrten mit den Schulautos - von der deutschen Kraftfahrzeugindustrie gestifteten Gebrauchtwagen - dürfen die Mädchen und Jungen nur auf ihren Schulhöfen machen, und der Führerschein bleibt ihnen vorerst versagt.

Denn normalerweise darf in Deutschland auf öffentlichen Straßen nur hinter dem Steuer sitzen, wer das 18. Lebensjahr vollendet hat. Doch will Littmann den Lehrgangsbesten den anschließenden Besuch einer regulären Fahrschule empfehlen und dann »großzügig« von der Sonderregelung Gebrauch machen, wonach ein Führerschein in Ausnahmefällen auch an Bewerber ausgegeben werden kann, die noch nicht 18 sind.

Autoschülerinnen in Frankfurt*: Kurventechnik für Teenager

* Auf dem Schulhof des Anna-Schmidt-Gymnasiums.

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