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STRAWINSKI Wagner an der Wand

aus DER SPIEGEL 4/1966

Fast ein Leben lang verachtete der Anti-Romantiker Igor Strawinski den Romantiker Richard Wagner als »Anti-Musiker«; den Klangrausch des Wagner-Stils verunglimpfte er als »Mischmasch«, »mystisches Kriegs-Arsenal« und »heroischen Klempnerladen«.

Jetzt, mit 83, widerruft der stets respektlose Strawinski seine Wagner -Schmähreden. In einem mehrteiligen TV-Porträt, das vom Dritten Fernsehprogramm des NDR in der zweiten Januar-Hälfte gezeigt werden soll, revidiert der alte Meister der neuen Musik sein gnadenloses Urteil. Strawinski: »Ich hatte gute Gründe, gegen ihn (Wagner) zu sein. Nun habe ich gute Gründe, für ihn zu sein.«

Damit seine »unerwartete und die Musikwelt überraschende« (NDR-Musikredakteur Hansjörg Pauli) Wertschätzung für Wagner auch im Bild festgehalten werden konnte, stellte sich Strawinski für die 16-Millimeter-Handkamera des NDR vor ein - von Renoir gemaltes - Wagner-Porträt, das er unlängst in seinem Hollywooder Arbeitszimmer aufhängen ließ. »Aber Wagner hängt nicht nur in meinem Studio«, beteuert Strawinski, »ich habe ihn auch in meinem Kopf. Und sehr oft in meinen Ohren.«

Neu wie Strawinskis späte Wagner-Verehrung ist auch die Abkehr von eigenen, schriftlich niedergelegten musikästhetischen Grundsätzen. So bekannte der bislang pedantisch auf das Einhalten der Tempovorschriften bedachte Dirigenten-Verächter Strawinski seinem Interviewer, dem Hamburger Staatsopern-Intendanten Rolf Liebermann, das Tempo sei keine absolute Kategorie in der Musik, sondern vielmehr von der Stimmung und dem Temperament des Interpreten abhängig.

Daß der Komponist die Alters-Einsichten auch praktiziert, bewies er, als er mit dem NDR-Sinfonie-Orchester (Strawinski: »Meine Herren, Sie sind ein gutes Orchester") sein Ballett »Apollon Musagète« einstudierte. Er dirigierte

- von kanadischem Whisky gestärkt -

so rasch, daß die Standardtänze des Choreographen George Balanchine (New York City Ballet) nicht mehr mit der Musik übereinstimmten und geändert werden mußten.

Doch in einem ist der Kognak- und Weinkenner Strawinski der alte geblieben. Vor den »Apollon«-Proben bat er Balanchine: »Let's be drunk together« -Wir wollen uns betrinken.

Komponist Strawinski, Liebermann

Schmähungen widerrufen

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