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ANJA SILJA Wagners Geschöpf

aus DER SPIEGEL 19/1966

Erst bezwang sie Wagners Grünen Hügel - mit Berg erreichte sie einen neuen Gipfel.

Die Sopranistin Anja Silja, 26, sang jetzt in Frankfurt erstmals die Zwölfton-Rolle der treulosen Soldatenbraut Marie in der Alban-Berg-Oper »Wozzeck«. Wenige Wochen zuvor hatte sie in Stuttgart, heftig beklatscht, als Bergs Dirne »Lulu« debütiert.

Beide Berg-Partien zählen zu den heiklen Ton-Schöpfungen des modernen Musiktheaters. Als Lulu beispielsweise muß die Sängerin ungewöhnliche Schwierigkeiten vom dramatischen Sprechgesang bis zu virtuosen Koloraturen bewältigen.

Anja Silja meisterte nicht nur die Tonfolgen mühelos, sie spielte die Rolle

auch so perfekt, daß die »Süddeutsche

Zeitung« die Darstellung der Sängerin mit der Schauspiel-»Lulu« der berühmten Maria Orska gleichsetzte.

Das für eine Opernsängerin ungewöhnliche Schauspielen hat Anja Silja beim Regisseur der beiden Berg-Werke

erlernt - bei Wieland Wagner, ihrem langjährigen Betreuer.

Ehe der Wagner-Enkel, der radikalste Neuerer der Opernregie, die 19jährige Silja vor sechs Jahren erstmals zum Vorsingen nach Bayreuth bestellte, hatte das »Wunderkind« in Berlin und Hamburg, in Kopenhagen und Helsinki mit Liederabenden gastiert und im Braunschweiger Opernhaus in Rossinis »Barbier von Sevilla« debütiert.

Aber während sie noch die Koloraturen des Frühlingsstimmen-Walzers und der Königin der Nacht ("Zauberflöte") sang, drängte es die Künstlerin schon nach hochdramatischen Arien: Der Stimmpädagoge van Rijn, ihr Großvater, brachte sie ihr bei.

Doch kein Opern-Intendant wollte die Partien hören. Erst Wieland Wagner ließ sich von Anja Siljas dramatischem Organ überzeugen. Schon nach kurzer Probenzeit (Wagner: »Ich konnte ihr nichts mehr beibringen") schickte sie der Regisseur in der Festspielsaison 1960 auf den Grünen Hügel: Anja Silja sang die Senta im »Fliegenden Holländer«.

Selbst dem schockierfreudigen Wagner schien es zunächst ungewöhnlich, die schwere Senta einer 20jährigen, nur als Koloratursopranistin bekannten Sängerin anzuvertrauen. Wagner erwog deshalb, die Silja pseudo- oder sogar anonym auftreten zu lassen. Die Sorge war unbegründet. Anja Silja war »eine Senta, wie sie sich der Meister gedacht haben mag« - so der Kritiker Willi Göttig.

Der befürchtete Protest der Alt-Wagnerianer kam später und aus anderem Grunde. Als Anja Silja 1962 in Bayreuth die Elisabeth ("Tannhäuser") probte, verstörte sie Bayreuth-Pilger: Aus ihrem Mercedes-Kabriolett winkte sie mit einem »Tannhäuser«-Requisit den Passanten zu - sie schwenkte ein Kruzifix.

Und auch weiterhin gab sich Anja Silja - zum Kummer der in ihren Gefühlen verletzten Konservativen - für eine Wagner-Heroine ungewohnt smart: Anja Silja ("Ich bin optisch ein moderner Typ") geht gerne in Courrèges, trägt kniefreie Röcke und modisch-rote Haare. Sie bevorzugt Lederkleider und »Autos, die mindestens 200 Stundenkilometer fahren«. Ihr neuester Typ: ein Chevrolet; ihre Bestzeit auf der Strecke München-Bayreuth (231 Kilometer): anderthalb Stunden.

Anja Siljas forsche Lebensart beeindruckte den modernistischen Wagner -Enkel. Und auch die Stimme der Künstlerin sprach ihn an - das spröde, unlyrische Organ harmonierte mit seinem kargen Neu-Bayreuther Stromlinien-Stil. »Anja Silja wurde«, so der Silja-Biograph Josef Heinzelmann, »das Geschöpf Wagners. Richards und Wielands"**.

Doch eher Wielands. Er ließ sie nach und nach fast alle großen Wagner -Sopranrollen singen. Und wo immer in der Welt Wieland Wagner inszenierte, sang Anja Silja mit - unter anderem in Wien, Paris und Berlin die Salome von Richard Strauss. Anja Siljas Interpretation der Herodestochter verwirrte Publikum und Kritiker; denn den Tanz der sieben Schleier gab die gutgewachsene Sängerin im knappen Bikini.

Die Vollbeschäftigung an der Seite Wieland Wagners veranlaßte Kritiker alsbald, den künstlerischen und menschlichen Zusammenbruch der Sängerin vorauszusagen.

Die Attraktion der vitalen Silja hat sich eher noch gesteigert: Sie fordert und bekommt heute in vielen Ländern Spitzengagen. Ein Angebot der New Yorker Metropolitan Opera konnte sie ausschlagen: Die Sängerin »hatte Angst«, sich für die Amerika-Reise gegen Pocken impfen zu lassen.

Statt dessen verpflichtete sie sich erneut der Wiener Staatsoper, wo sie in der nächsten Saison in den vier Frauenrollen von »Hoffmanns Erzählungen« auf die Bühne kommt. Weitere Projekte: Arabella, Tosca, Aida und Donna Anna ("Don Giovanni") - Rollen, die sie in den nächsten Monaten lernen will.

Anja Silja, die bereits 30 große Partien parat hat, lernt flink und nicht orthodox. Die abendfüllende »Lulu« -Partie beispielsweise studierte sie, meist auf dem Sofa liegend, innerhalb von 14 Tagen ein; die »Wozzeck«-Marie erarbeitete sie in einer Woche. Den schauspielerischen Ausdruck hingegen probte sie länger. Erfolg: »Sie spielte die Nuancen des Trotzes, der Glut, der Todesangst mit einem persönlichen Klang der Gebärde« - so die »FAZ« nach der Frankfurter »Wozzeck« -Premiere.

Anja Silja: Ich singe ja auch nur, um spielen zu können.«

Die »geradezu ideale« Verbindung von Spiel und Gesang sieht die Wagner-Heldin neuerdings nicht mehr allein im psychologisch vertieften Operntheater. »Schade«, klagt Anja Silja, »daß man mir nicht 'My Fair Lady' angeboten hat.«

** Josef Heinzelmann: »Anja Silja«. Rembrandt-Verlag, Berlin; 64 Seiten; 6,80 Mark.

Sängerin Anja Silja* im Frankfurter »Wozzeck: »Ich bin optisch ...

... ein moderner Typ": Wagner-Sängerin Anja Silja, Regisseur Wagner

* Mit Gerd Nienstedt als Wozzeck.

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