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OPER Wahnwitz und Engelshaar

Mit schönen Stimmen, sinfonischem Getöse und einer Rockband wurde Shakespeares seltsames »Wintermärchen« in Brüssel als Oper uraufgeführt.
Von Klaus Umbach
aus DER SPIEGEL 50/1999

Es war einmal ein König, der drehte plötzlich durch. In grundloser Eifersucht verdächtigt er seine Gemahlin, von seinem Freund schwanger zu sein. Nun rast auch das rächende Schicksal: Erst stirbt der Kronprinz, dann trifft der Schlag die unschuldige Königin, und die eben geborene Königstochter lässt der Monarch außer Landes schaffen. Himmel hilf, ist das ein grauslicher Plot!

Und der Himmel, o Wunder, lässt Gnade walten. Nach 16 Jahren kehrt die Prinzessin aus der Fremde heim, der greise König bereut, der Winter weicht, und aus den schmelzenden Eisquadern tritt sogar die Königin wieder zurück ins Leben.

Shakespeares »Wintermärchen« ist eine wunderliche Dichtung. Von dem altersmilden Dramatiker als »Romanze« untertitelt und auf den Sprechbühnen nicht gerade ein Renner, schaukelt sich der Fünfakter mit irrem Furor zur Katastrophe auf, die sich dann durch himmlische Güte verblüffend entspannt.

1988 hat der Schweizer Regisseur Luc Bondy, 51, die märchenhafte Geschichte in Paris auf die Bretter gebracht, zwei Jahre später, in der Berliner Schaubühne, noch eine triumphale Inszenierung nachgereicht. Seitdem juckt ihn die Idee, dem seltsamen Alterswerk mit der seltsamsten aller Künste, der Oper, beizukommen. Oper verträgt bekanntlich derlei dramaturgische Kapriolen, und dieses Stück, da hat der Regisseur Recht, schreit nach Musik.

Bei einem ihrer häufigen Telefongespräche wurden Bondy und der flämische Komponist Philippe Boesmans, 63, einig, den Stoff (in Deutsch) anzupacken - gekürzt, versteht sich, und singbar.

Bondy (als Librettist und Regisseur) und Boesmans hatten im Musiktheater schon einmal, 1993 bei Schnitzlers »Reigen«, gemeinsame Sache gemacht. Doch das Rondo über den Partnertausch in der Wiener Gesellschaft war damals durchweg auf ungnädige Ohren gestoßen. Harmlos inszeniert und blutleer vertont, wähnte sich der »Rheinische Merkur« »auf einer Veranstaltung von vorgestern«, mit Bondy »in künstlerischer Erschlaffung« und Boesmans als »sympathischem Plünderer«.

Genau drei Wochen vor der Millenniumswende, vergangenen Freitag, hat das Brüsseler Théâtre Royal de la Monnaie nun die Uraufführung der neuen Shakespeare-Oper angesetzt und damit das Jahrhundert auch musiktheatralisch gerundet.

Es ist ein kultivierter Kehraus geworden, schön anzusehen und angenehm anzuhören, durchweg grandios gesungen und von Bondy mit ironisch gebrochenem Realismus inszeniert - ein Mix aus abendländischem Ballaststoff und modischem Entertainment.

Diesmal hat Boesmans jedenfalls ungleich handfester zugepackt. Wo er für Schnitzler viel laue Gefälligkeiten aneinander reihte, hat seine Musik jetzt klangliche Prägnanz und dramatischen Schneid. Die Phantastereien eines Shakespeare-Königs können halt auch einen sonst wohltemperierten Tonsetzer ganz schön aufheizen.

Es ist nicht zu überhören: Fin de Siècle. So schimmert im »Wintermärchen« viel Wagner durch und »Rosenkavalier«, auch klingen Weill und Schreker an, Zemlinsky und Korngold.

Aber Boesmans, einst gelehriger und radikaler Anhänger der Darmstädter Schule, liefert auch sein Pensum an zeitgenössischer Neutönerei. Immer wieder bricht sein Orchester in schrille Eruptionen aus, wirft atonale Klangballungen ein und lautmalt in grellen Farben allen Horror am Hofe aus.

Doch Boesmans ist kein Quälgeist, der seinem Publikum abendfüllend das Trommelfell schmirgelt. Er hat jedenfalls keine Scheu vor gefühligen Ariosi und bündelt scheinbar heilloses Stimmengewirr mit lockerer Hand zu sauberen Ensemblesätzen. Es wird wieder richtig gesungen.

Dazu dürfen vor allem die Holzbläser viel bukolischen Wohllaut verströmen, und wenn Boesmans auf Gefühlsdusel setzt, streichen seine Geigen - gefährlich süß - wie mit Engelshaar.

»Viele Jahrzehnte«, kommentiert der Komponist seine Schreibweise, habe die moderne Musik »die Expressivität geleugnet« und »sich eiskalt in akademische Klausur zurückgezogen«. Aber Oper lebe »von Emotionen, und wenn sie überleben will, müssen wir ihr Gefühle gestatten«.

Er mache eine Musik, »die andere Materialien empfangen und verwerten kann«, er »reise durch die Stile«. Zitate und eindeutige Anklänge nutze er »nicht aus nostalgischer Stimmung, sondern aus Respekt vor den großen Schätzen der Vergangenheit«.

Zumindest einmal, im dritten und merkwürdigsten Akt des »Wintermärchens«, haben Bondy und Boesmans die Vorlage allerdings respektlos unterlaufen und dabei auch die gute alte Oper mit einem Schwung abserviert.

Statt dass Böhmen, wie bei Shakespeare, am Meer liegt und vor den Toren einer Stadt ein paar Bohemiens lungern, gammeln plötzlich Penner und Schieber auf der Szene, Teenies kurven auf einer Vespa herum, der poppige Haufen grölt in szenegerechtem, aktualisiertem Bondy-Englisch, und anstelle der Philharmoniker im Orchestergraben improvisiert auf einmal ein ausgeflipptes Rocker-Trio.

In der Partitur steht da nichts. Boesmans lässt die drei eine lange Zeit machen, und die drei machen das glänzend. So ein Shakespeare-on-the-Rocks ist jedenfalls kein schlechter Appetizer für das nächste Opern-Jahrhundert. KLAUS UMBACH

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