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Wahr und trostlos

aus DER SPIEGEL 15/1991

Seine beste Zeit kam, als es mit der DDR zu Ende ging. Da war Günter Schabowski der Mann fürs Öffentliche im Abbruchunternehmen des Egon Krenz - bis hin zu jener denkwürdigen Pressekonferenz am 9. November 1989, auf der er wie geistesabwesend nuschelnd den Fall der Mauer bekanntgab. Natürlich behauptet er, daß er damals sehr wohl wußte, wovon er redete. Als grandioser Dummerjan im Todeskampf der SED verlacht zu werden spornt ihn zu einer lesenswerten Rechtfertigungsschrift an.

Im Zentrum der Macht war Schabowski ein Außenseiter. Das Kleinbürger-Kind war zu jung für antifaschistische Weihen a la Erich Honecker. Mit seinem Sinn für Boheme und seiner sarkastischen Intelligenz, die sich unschwer zu Zynismus steigern läßt, kam er als Claqueur der hohen sozialistischen Politik in Frage, zu mehr aber nicht. Die wachbösen Klein-Psychogramme des gelernten Journalisten über Honecker ("Dilettant von flohknackerischer Pedanterie") oder Krenz ("Stimme aus der Mülltonne") wird man in der Serie künftiger DDR-Nachbetrachtungen finden.

40 Tage lang wiegten sich Krenz, Schabowski und die anderen im Glauben an die Reformierbarkeit der DDR. In Moskau war man illusionsloser: keine DDR ohne Systemgrenzen mitten in Europa. In Ost-Berlin fand dennoch ein Fraktionskampf altbekannter Art statt. Markus Wolf habe sich ernsthaft auf die Honecker-Nachfolge kapriziert; dazu habe der Rückzug aus der Stasi gedient, schreibt Schabowski noch immer erbost. Auf Wolfs Seite standen Hans Modrow und Wolfgang Berghofer, der Dresdner OB. Diese Troika blickte schneller durch, schwenkte früher um, überließ der Krenz-Clique das Kauen »an den verdorbenen Früchten unserer Politik« (Schabowski) und zerbrach.

Was bleibt? »Der Nutzen unseres Scheiterns sollte nicht übersehen werden«, schwingt sich der Schreiber Schabowski nach 320 Seiten auf ins Grundsätzliche. Wie wahr, wie trostlos.

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