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BERLINALE Wahre Lügen

Zwei spektakuläre amerikanische Berlinale-Beiträge, die diese Woche in die deutschen Kinos kommen, stellen die Frage: Wo hat Gedankenfreiheit ihre Grenzen?
aus DER SPIEGEL 8/1997

Der eine ist Pornograph, der andere Puritaner. Dem einen ist nichts zu scharf, der andere bereut selbst einen kleinen Seitensprung. Der eine erklärt sich wohlgemut zum Abschaum der Gesellschaft, der andere stirbt am Galgen, um seine Ehre zu retten.

Zwei grundverschiedene Kerle, und doch verbindet die beiden etwas: Larry Flynt, der millionenschwere Herausgeber des amerikanischen Sex-Magazins Hustler (SPIEGEL 6/1997), und John Proctor, ein armer Bauer aus dem neuenglischen Kaff Salem am Ende des 17. Jahrhunderts, werden in neuen Filmen als Verfechter der gesellschaftlichen Vernunft gefeiert.

Die Filme verfechten ihr Anliegen mit biblischem Pathos: Flynt (dargestellt vom rabaukenhaft netten Woody Harrelson) hängt auf dem Werbeplakat zu »Larry Flynt - Die nackte Wahrheit« in Kruzifix-Haltung vor einer knapp bedeckten weiblichen Scham. Proctor (dargestellt vom ewig noblen Daniel Day-Lewis) darbt gegen Ende von »Hexenjagd« bleich und verdreckt im Kerker wie der Gottessohn kurz vor seinem Gang nach Golgatha.

Der verfemte Porno-Potentat Flynt tritt als wackerer Verfechter des »First Amendment« auf, jenes in der US-Verfassung festgeschriebenen Grundrechts auf Redefreiheit. Er mag ein Pornograph sein, aber er ist ein ehrlicher Pornograph. Flynts Argument lautet: Wenn vor dem Gesetz selbst mein perverser Schund als Ausdruck freier Rede durchgeht, braucht niemand Angst vor der Zensur seiner heimlichsten Gedanken zu haben.

Auch der Puritaner Proctor wird in »Hexenjagd« zum Standartenträger der Gedankenfreiheit. Der Film schildert - nach dem gleichnamigen Drama von Arthur Miller, der auch das Drehbuch verfaßte - die Glaubensprozesse in Salem, Massachusetts, anno 1692, bei denen aufgrund haltloser Denunziation mehr und mehr unbescholtene Bürger wegen Hexerei verurteilt wurden. Miller schrieb »Hexenjagd« 1952 als Parabel auf die Kommunistenjagd des US-Senators Joe McCarthy: Wer auf die schwarze Liste von dessen Untersuchungsausschuß geriet, war kaltgestellt, mußte mit Berufsverbot und Haft rechnen.

So rühren »Larry Flynt« und »Hexenjagd« an einen wunden Punkt in der aktuellen politischen Auseinandersetzung in den USA - an jenen Bereich, wo das Freiheitsbedürfnis des einzelnen mit den Interessen der Allgemeinheit kollidiert. Seit jeher haben die Amerikaner Wert gelegt auf ein Minimum staatlicher Eingriffe: Jeder soll dürfen, wie er kann und will. Was aber ist Privatangelegenheit, was darf das Gesetz verbieten: Pornographie? Eine abweichende politische Meinung?

Paradoxerweise wurden die beiden Filme von Europäern gedreht, »Hexenjagd« von dem Engländer Nicholas Hytner, »Larry Flynt« von Milos Forman, der 1968 aus Prag emigrierte und später in die USA ging - und mit amerikagläubiger Begeisterung schlagen sich Hytner wie Forman auf die Seite ihrer Helden, auch auf Kosten der Authentizität.

Im Spielfilm gilt nur die Logik der Story. Ob sie erfunden ist oder wahr - wen schert das? Das weiß Forman, und darum ist ihm mit »Larry Flynt« eine der großartigsten Filmbiographien der letzten Jahre gelungen. Er zeigt Flynts Leben nicht als dokumentarische Wahrheit, sondern schmissig, bunt, mit schlagfertigen Dialogen, dramatischen Augenblicken und dem ganzen dekorativen Exzeß seiner neureichen Welt. Larrys Story ist hervorragend, sie hat lauter klassische Zutaten: den Aufstieg aus bitterer Armut, eine allesverzehrende Liebe (zu seiner dritten Frau Althea, einer ehemaligen Stripperin, wunderbar dargestellt von Courtney Love) und eine Schlacht im Namen der Gerechtigkeit.

Die Schlacht, die John Proctor in »Hexenjagd« ausficht, gelingt auf der Leinwand weit weniger überzeugend; Millers Melodram wirkt so altbacken wie ein vier Jahrzehnte alter Streberaufsatz. Hytners aufgeregte Verfilmung setzt dagegen auf Schmierentheater-Leidenschaft: blitzende Augen, geschwollene Adern, zitternde Stimme. Doch vergebens, all die hochgeputschte Erregung verpufft im Fegefeuer des Gesinnungskitschs: Gute Menschen ergeben noch keine guten Filme.

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