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BÜCHER Wahre Seligkeit

Ein ehemaliger »Stern«-Reporter, zum Jünger des Gurus Bhagwan Shree Rajneesh geläutert, hat seine Erfahrungen im »Sex-Kloster« Poona zu einem Buch verarbeitet.
aus DER SPIEGEL 43/1979

Zunächst lauscht er den »Lectures«,

den alimorgendlichen Ansprachen des »Erleuchteten Meisters«, noch »mit einer Mischung aus Faszination und Mißtrauen«. Er überlegt immerhin, ob der Guru »über geheimnisvolle Mittel verfügt, reichen Leuten das Geld aus der Tasche zu ziehen«.

Aber bald schon ist der Reporter, dem »der Journalismus immer fragwürdiger wird«, mehr fasziniert als mißtrauisch: »Die Erleuchtungs-Idee leuchtet mir ein. In ihr steckt eine Dynamik in Richtung menschliches Wachstum.«

Und als er, im Zuge »dynamischer Meditation«, eins mit dem »gepolsterten Encounter-Schlagstock« über den Schädel kriegt und von dynamischen Mit-Meditierern verprügelt wird, ist er auf jene Richtung bereits unheimlich abgefahren.

Wenig später trägt er das obligate Orangekleid, die »Mala« genannte Kette aus Rosenholzperlen mit dem Medaillon des »Meisters« und statt seines deutschen den Sanskritnamen Swami Satyananda, »Wahre Seligkeit«.

Es ist passiert: Jörg Andrees Elten, 52, einst als politischer »Stern«-Reporter namhaft, ist ein Sannya, ein Jünger des Bhagwan ("Gott") Shree Rajneesh im indischen Poona geworden und weiß nun, daß »die »Stern«-Realität nicht mehr meine Realität ist«. Er hält den Bhagwan für einen »lebenden Buddha« und »neuen Jesus« und kündet davon in einem Buch, dessen Titel schon ausdrückt, wie er sich neuerdings fühlt: »Ganz entspannt im Hier und Jetzt"*.

Der heute 49jährige Guru und sein Meditationszentrum, das in einem Reichenviertel der Stadt Poona gelegene »Aschram«, werden seit etwa fünf Jahren vor allem von zivilisationsmüden Amerikanern und Europäern auf dem Erlösungstrip angelaufen.

Hunderte dieser Heil- und Sinnsucher, unter ihnen viele ihres Intellekts müde Intellektuelle, nicht wenige wohlstandsverdrossene Reiche und »so viele schöne Menschen«, weibliche zumal, wie Swami Elten sie nicht mal »in Samt-Tropez, Sankt Moritz und Marbella« versammelt gesehen hat, hausen im Dunstkreis des Bhagwan in Hotels, Pensionen, gekauften oder selbstgebauten Bambushütten.

* Swami Satyananda: »Ganz entspannt im Hier und Jetzt. Tagebuch über mein Leben mit Bhagwan in Poona«. Rowohlt Verlag, Reinbek; 464 Seiten; 19,80 Mark.

Elten begegnet hier, beispielsweise, einer geschiedenen Hollywoodproduzenten-Gattin und einem Prinzen von Hannover, der deutschen Filmschauspielerin Mascha Rabben, hier Ma Hari geheißen, und dem Hamburger Ex-Rechtsanwalt Jobst von Hanstein, dessen Aschram-Name Prem Gunakar »Genießer der Liebe« bedeutet.

Die »Aschramiten« hängen am Munde des »Meisters«, der sich die 200 Meter von seiner Villa zur Vortragshalle in einem gelben Mercedes fahren läßt; sie streben nach »Ego-Abbau«, praktizieren verschiedene Selbsterfahrungstechniken und, keine Nebensache, allerlei Sex. Bhagwan-Zentren existieren heute in vielen Ländern, 13 allein in der Bundesrepublik.

In Deutschland gewannen der Guru Rajneesh und sein Aschram besondere Publizität, als die Filmschauspielerin Eva Renzi im August vorigen Jahres von einem Horror-Erlebnis im »Sex-Kloster« Poona berichtete: Weil sie sich als Teilnehmerin einer sogenannten Encounter-Gruppentherapie, die in einem stoß- und schalldämpfend ausgepolsterten Kellerraum praktiziert wird, sexueller Nötigung widersetzte, habe man ihr die Kleider vom Leibe gerissen und sie blutig geschlagen.

Auf die Renzi-Story, die deutsche Boulevard-Schlagzeilen machte, geht der Poona-Insider Elten in seinem Buch nur mit einem Satz ein: »Die Deutschen kommen in Scharen«, so zitiert er eine Poona-Managerin. »Wir müssen Eva Renzi dankbar sein!«

Ausführlich aber, freilich mit anderem Verständnis, schildert Elten jetzt seine eigenen Encounter-Erfahrungen im Aschram. Auch er erlebt in der siebentägigen Psycho-Tour de force unter Leitung des englischen Therapeuten Paul Lowe, Aschram-Name Teertha, wie die Teilnehmer zur Aggressionsabfuhr getrieben und sexuell enthemmt werden. Auch er drischt und bezieht Dresche, »liebt« und halluziniert. Doch er hat den feineren Sinn des grausamen Spiels »begriffen: daß die Schlägereien kein Selbstzweck sind, sondern ein Mittel, um dich ins Hier und Jetzt, zur Totalität, zu voller Awareness zu bringen« (siehe Auszug Seite 265).

Wie auch immer Elten kommen im Encounter seine liebesarme Kindheit und seine rigide Erziehung auf einer Nazi-Eliteschule, der »Napola« Naumburg, hoch. Nach der ersten »Sieben-Tage-Folter« hat er zwei Rippen gebrochen und fühlt sich »zerschlagen und erleichtert, sensibilisiert, verwundbar, aber gut gelaunt«. Dennoch sind ihm dann andere, sanftere Gruppentherapien angenehmer, und er ist auch einverstanden, als Meister Bhagwan die physische Gewaltausübung beim Encounter schließlich untersagt.

Schon bevor Elten, noch in »Stern -- Diensten, zum ersten Mal nach Poona kam, war er seines komfortablen Berufslebens müde geworden. Nachdem seine Poona-Reportage unter »Schwierigkeiten« im »Stern« erschienen ist, steigt er aus dem »Haifischbecken« der Illustriertenredaktion aus. Er kündigt seinen 10 000-Mark-Job, verkauft seine Lebensversicherung, nimmt Abschied von seinem »Sheraton-Hilton-Spesenleben«, seinen »zwei Dutzend Maßanzugen«, seinen »Hemden von »Medison« an der Piazza di Spagnia"« seinen »150-Mark-Krawatten von Dior« und kehrt nach Indien zum Bhagwan zurück.

Dort wird ihm der »Erleuchtete« immer einleuchtender, er selbst immer entspannter. Er meditiert, macht bei der Hypnotherapie, beim »Kameraspiel«, bei chinesischen Atemübungen mit, ist oft »den Tränen nahe«, oft fließen sie ihm. Er gewöhnt sich schließlich sogar an Poona-spezifische Unannehmlichkeiten wie kollektive Klobenutzung und jenen 35jährigen Deutschen »Dada«, der sich »wie ein trotziges Kind aufführt und ungeniert furzt und rülpst«.

Nur kurz irritiert ihn des »Meisters« Loblied auf den Kapitalismus und die Atombombe, bald begreift er den Hintersinn? daß »das Leben ein Geheimnis ist -- unlogisch, unvorhersehbar, voller Überraschungen«. Und »nur eine Wiederbelebung des Religiösen«, so wird er sich sicher, »kann den drohenden Selbstmord der Menschheit verhindern«.

Zu seinem Glück (und zum Nutzen des Buches, das er in Poona über Poona zu schreiben beginnt) erschließen sich ihm im Reiche des Bhagwan nicht nur derlei Weisheiten, sondern auch der eine und andere nette Geschlechtsverkehr. Mal ist es die Französin Haji, mal die Rheinländerin Baula, mal eine »hübsche Schweizer Rechtsanwältin«, eine »attraktive Mailänderin« oder gar eine deutsche »Einser-Soziologin«, die ihn erfreut. Eine Tripper-Infektion wird offenbar leicht verkraftet.

Später allerdings überfällt den 52jährigen Aussteiger eine »schreckhafte Erkenntnis: Wir müssen diese attraktiven Mädchen denen überlassen, die »in Freiheit« leben. Unsere Reise geht nach innen, und Bhagwan verspricht, daß es eine Reise ins Alleinsein ist«. Bhagwan, heißt es, habe den Sex bereits »transzendiert«.

So große Entspannungs- und Erleuchtungsfortschritte Seine Wahre Seligkeit »Andy« Elten in Poona auch macht -- ein Psycho-Relikt aus dem früheren, schlechteren Leben wird er im Aschram doch nicht ganz los: die Eifersucht.

Sie plagt ihn, als seine fast 20 Jahre jüngere deutsche Freundin Margit, eine Hamburger Psychologie-Studentin, sich in einer anderen Aschram-Gruppe umtut, während er im ersten Encounter schwitzt. Und sie quält ihn noch mehr, als er bei seinem zweiten Poona-Aufenthalt von der diesmal in Deutschland gebliebenen Margit die Nachricht erhält, daß sie den Besuch eines US-Kollegen namens Jerry erwartet: Da hat er »Eifersuchtsanfälle mit wilden Fantasien (Jerry mit Astha bei Kerzenlicht in der Badewanne!)«.

Zwei Monate später, im Juni dieses Jahres in Deutschland zurück, um sein Buch zu vollenden, spürt Swami Elten noch Jerrys »Vibrationen« ungut in dem von Margit und ihm bewohnten Haus und bekennt: »Es störte mich plötzlich, daß die besten Weinflaschen fast alle aus dem Keller verschwunden und die weniger guten Sorten liegengeblieben waren. Ich war eifersüchtig und spürte, wie schwer es mir fiel, bewußt zu bleiben.«

Das ist, im Geiste des großen Bhagwan, wohl nicht die erleuchtetste Reaktion. Aber eine, zumindest für Unerleuchtete, durchaus nachfühlbare.

Inzwischen hat Elten in Deutschland seinen »Kram aufgelöst«. Ende November soll?s wieder nach Poona gehen -- diesmal »mit Einwegticket«, sagt er.

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