Zur Ausgabe
Artikel 54 / 81

AUSSTELLUNGEN Wahrheit im Lufthemd

Vegetarierkolonie und Sträflingssiedlung, Zuflucht fur Kunst und »Lieblingminne": Als Zentrum merkwürdiger Lebensentwürfe wird der Touristenort Ascona durch eine Ausstellung (in Ascona> beschrieben.
aus DER SPIEGEL 32/1978

Der See ist schmutzig, die Luft ist rein. Hans Habe hat hier gelebt und, feindschaftlich benachbart. Robert Neumann. Stefan George und Georg Kaiser liegen in der Nähe begraben. James Joyce und Rainer Maria Rilke waren da. Maler und Ausdruckstänzer zog es in die Gegend, Anarchisten erschien sie als geeigneter Schauplatz für die Abschaffung der Herrschaft, Vegetarier alter Länder vereinigten sich unter mildern Himmel.

Am schweizerischen Nordzipfel des Lago Maggiore, im Ferienort Ascona und um Ascona herum, ist in den letzten 100 Jahren so viel, häufig auch so bizarr gedichtet und gedacht, gestaltet und projektiert worden, daß regional zuständige Erd-Kundler die Möglichkeit in Erwägung ziehen, dies alles habe mit »magnetischen Anomalien« und einer »eigenartigen geologischen Beschaffenheit des Untergrundes« zu tun.

So Untergründiges bleibt vorerst dunkel. Das oberirdische Treiben von Ascona jedoch hat nun einer, der gleichfalls hier hängengeblieben ist, in aller Gründlichkeit erforscht und dokumentiert. Der Schweizer Ausstellungsmacher Harald Szeemann, 45, der 1972 zur Kasseler Documenta ein »Museum der Obsessionen« entwarf und später mit mythisch-phantastischen »Junggesellenmaschinen« auf Schau-Tournee ging. huldigt dem Genius loci des Grenzgebiets auf seine Weise -- mit einer Ausstellung.

Die ist, Szeemanns internationaler Reputation gemäß, auch schon für Zürich, Berlin und Wien gebucht. Aber an keinem anderen Ort wird sie so authentisch wirken können wie jetzt bei ihrem Start, wo der Ausstellungsort zugleich

* Bis 30. August. Katalog 225 Seiten; 38 Franken.

Ausstellungsthema ist, eben in und bei Ascona. Über fünf Lokalitäten verteilt, gipfelt das Ereignis auf einer Höhe, die ihm auch den Namen gibt: auf dem 150 Meter über dem Ort gelegenen »Berg der Wahrheit«, dem »Monte Verità*.

Droben findet der Besucher erstens ein konvenabel in Bauhausformen errichtetes Hotel, das ebenfalls »Monte Verità« heißt, zweitens ein deutlich kargeres Holzgebäude namens »Casa Anatta«, beides typische Architekturerzeugnisse der örtlichen Geistesgeschichte. Drittens aber sind zwischen Gras und Gebüsch noch die eher archäologischen Spuren derselben Bewegung zu entdecken. Bröckelnde Zementwannen und verrottete Freiluft-Duschvorrichtungen künden von der schlicht-hygienischen Lebensweise einstiger Monte-Verità-Bewohner.

Im Jahr 1900 nämlich -- darüber unter anderem informieren nun in der Casa Anatta ausgestellte Schriftstücke, Photos und auch Kostüme -- war eine zunächst fünfköpfige Kommune von Kulturflüchtlingen unter dem belgischen Industriellensohn Henri Oedenkoven zugezogen.

Beispielhaft für die »Utopien und neuen Lebensentwürfe«, die Aussteller Szeemann in sein Tessiner »Bermudadreieck des Geistes« einfließen sieht, gingen diese Leute daran, den bis dahin öden, erst von ihnen so benannten Monte Verità eigenhändig urbar zu machen. Sie schworen auf Pflanzenkost und Sonnenbäder, freie Liebe und ebensolche Orthographie und widersetzten sich auf jede Art den »konvenzionelen forurteilen der geselschaft«.

Die Siedler bauten Hütten, pflanzten Obstbäume und Palmen an, hatten aber Mühe, gegen eine befremdete Umwelt und in häufigen internen Streitigkeiten ihre Ideale hochzuhalten. Die Hoffnung beispielsweise, im Winter nicht mehr zu frieren, wenn nur einmal die eigene »Kraft groß genug geworden« sei, blieb unerfüllt. Käserinden, die Oedenkoven im Gebüsch fand, zeugten von wiederholten Verstößen gegen die reine vegetarische Lehre. Und so gut wie immer fehlte es den Naturmenschen an Geld.

Diesem Mangel hätte ein Gäste-Betrieb abhelfen sollen. Seit 1902 empfahl sieh der Monte Verità auch zahlungswilligen Ferienbesuchern: »keine Naturheilanstalt im gewöhnlichen Sinne, sondern vielmehr eine Schule für höheres Leben«. Hermann Hesse etwa verbrachte 1906 einen heilsam fleisch- und alkohollosen »Kuraufenthalt« auf dem Berg und soll dort dem Vorbild für seinen Jugend-Guru Demian begegnet sein. Ökonomisch freilich wollte das Unternehmen unter Oedenkoven (bis 1924) niemals recht florieren.

Unterdessen kamen auch schöne Künste auf den Gipfel. Oedenkoven-Gefährtin Ida Hofmann konzertierte mit der Pianistin Elly Ney, während des Ersten Weltkriegs ließ der herbeiemigrierte ungarische Tanzpädagoge Rudolf von Laban junge Damen (darunter Mary Wigman) ausdrucksvoll über den Rasen springen. Als Überlebende jener Ära nahmen jetzt die Tänzerinnen Suzanne Perrottet und Charlotte Bara, die in Ascona einen verfallenden Palast bewohnen, an der Szeemannschen »Monte Verità«-Eröffnung teil.

Dabei ragte und ragt der Berg selbst nur als markantester Punkt aus einer eigentümlichen Kulturlandschaft hervor. Schubweise trafen Maler ein -- so die Russin Marianne von Werefkin und der Schweizer Ernst Frick, der 1925 einen »Berg aus gefalteten Händen« malte und später ein System keltischer Fluchtburgen in der Gegend aufzuspüren suchte. Als Zitadelle der »Lieblingminne und Freundesliebe« errichtete ein Elisar von Kupffer im nahen Minusio einen »Elisarion« genannten Tempel. Auf Sakralgemälden ließ er Scharen von Jünglingen posieren, die alle das Antlitz des Künstlers trugen.

Rauhere Gesellen wünschte sich der deutsche Anarchist Erich Mühsam in die idyllische Gegend. Nachdem er zunächst mit dem Gedanken umgegangen war, »hier eine kommunistische Siedlungsgesellschaft in großem Maßstabe zu versuchen«, propagierte er 1905, »Ascona möchte ein Zufluchtsort werden für entlassene oder entwichene Strafgefangene

Die Ascona-Tradition solcher Ketzereien reichte weit ins 19. Jahrhundert zurück: Schon 1869 war der russische Anarchist Michail Bakunin in der Gegend eingetroffen, 20 Jahre später plante ein Schweizer Nationalrat ein theosophisches Laienkloster auf dem nachmaligen Monte Verità. Die klimatische und, wie sich zeigen sollte, politische Oase inspirierte gerade Nordländer zu immer neuen hochfliegenden Projekten, zur feierlichen Suche nach Lebenswegen zwischen der »klassenlosen Gesellschaft und der beispielhaften Ichverwirklichung« (Szeemann).

Das zeichnet die Ausstellung akribisch und allenfalls mit wohlwollender Ironie nach -- und auch den Niedergang Asconeser Ideengeschichte auf einer, laut Szeemann, Linie »Spinner, Künstler, Sammler«.

Der »Monte Verità«-Betrieb kam in geregelten Schwung, als der kunstsinnige Bankier (und Wuppertaler Museumsmäzen) Eduard von der Heydt das Anwesen 1926 kaufte und mit einem neuzeitlichen Hotel bebaute. Auch von der Heydt dinierte vegetarisch und trug legere »Lufthemden"« tolerierte aber abweichende Lebensweisen. Berg und Hotel vermachte er schließlich dem Kanton Tessin.

Im heutigen Modeort Ascona sind die Umtriebe der Vergangenheit vorwiegend als Reliquien präsent. Nachdem 1945 der Dramatiker Georg Kaiser gestorben war, hing im »Monte Verità« -- nicht abgeholt -- noch lange Zeit sein Hut.

Zur Ausgabe
Artikel 54 / 81
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.