Tobias Rapp

Waldorfschule und Impfgegner In Steiners Sekte

Tobias Rapp
Ein autobiografischer Essay von Tobias Rapp
Nirgendwo in Westeuropa ist die Impfquote so niedrig wie im deutschsprachigen Raum. Das liegt auch an einer einflussreichen Gruppe: den Anthroposophen. Als Waldorfschüler habe ich sie kennengelernt.
Anthroposophiebegründer Steiner auf einem Wandgemälde: Direkter Draht in den Kosmos

Anthroposophiebegründer Steiner auf einem Wandgemälde: Direkter Draht in den Kosmos

Foto: Dubravka Petric / Pixsell / IMAGO

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Das Gedächtnis trügt ja manchmal. Aber ich müsste in der 9. oder in der 10. Klasse gewesen sein, als alle Schülerinnen und Schüler meiner Schule morgens in die Aula gerufen wurden. Ein Mitschüler war gestorben, und es sollte eine Trauerfeier geben. Ich war Waldorfschüler, und mir ist das Gefühl der Scham noch gut im Gedächtnis, als wir von den Lehrern in der Zeremonie, einem anthroposophisch angehauchten Gottesdienst, aufgefordert wurden, nun zu helfen, den Jungen »hinüberzutragen«.

Hinübertragen? Der Junge war an einer schweren Grippe gestorben. Keine Krankheit, die in den Achtzigerjahren des 20. Jahrhunderts noch den sicheren Tod bedeutete. Es gab danach eine Menge Gerede an der Schule. Das Kind war der Sohn von sehr überzeugten Anthroposopheneltern gewesen, und der behandelnde Arzt war ebenfalls Anthroposoph. Man hatte sich offenbar gegen eine ausreichende medikamentöse Behandlung entschieden. Und der Junge, der gerade rechnen lernte, habe, kurz bevor er krank wurde, im Unterricht zusammengezählt, wie viele Tage er schon lebe. So erzählten es die Lehrer auf der Trauerfeier. Das sei ein Zeichen gewesen.

Es folgte nie etwas aus dieser Geschichte. Die Geschwister des Jungen kamen weiter zur Schule, der Arzt praktizierte weiter, jeder ging mit seiner Trauer anders um. Was bei mir hängen blieb, war: Es gibt Leute, die opfern für ihre Überzeugung im Zweifelsfall ihre Kinder.

Die Impfskepsis des deutschen Bürgertums

Der deutschsprachige Raum, das ergibt eine Statistik, die vor einigen Tagen veröffentlicht worden ist, hat die schlechteste Impfquote in Westeuropa. Dafür gibt es eine Menge Gründe. Wenn man die Karte der Bundesrepublik anschaut, sind Thüringen, Sachsen und Bayern entlang ihrer Außengrenzen von Covid-19 besonders stark betroffen, es liegt nahe, dass die geografische Lage einer der treibenden Faktoren ist. In Polen und Tschechien sind die Zahlen noch schlechter als bei uns.

Es gibt aber noch einen anderen Grund: die Impfskepsis eines speziellen bürgerlichen Milieus, das seine Zentren vor allem in Süddeutschland und in der Schweiz hat. Und viele dieser Leute sind Anthroposophen. Worum geht es ihnen?

Sehr viele Deutsche haben tagtäglich mit der Anthroposophie zu tun, ohne es zu wissen. Der Kosmetikkonzern Weleda etwa ist eine Firma, die 1921 von Rudof Steiner mitbegründet wurde, dem Erfinder der Anthroposophie. Alle Cremes, Seifen und Arzneimittel, die Weleda verkauft, werden nach anthroposophischen Richtlinien hergestellt, wozu ziemlich eigenartige Rituale gehören. Das Wasser, in dem Substanzen aufgelöst werden, muss etwa auf eine bestimmte Art geruckelt werden, damit sie ihre Kraft entfalten können. Die biologisch-dynamische Landwirtschaft ist ebenfalls eine anthroposophische Veranstaltung. Ein biologisch-dynamisch hergestellter Apfel ist nicht einfach nur öko – wer das Label »biologisch-dynamisch« möchte, muss seinen Hof entlang der Esoterik Rudolf Steiners ausrichten – wozu auch gehört, im Herbst mit Mineralien gefüllte Kuhhörner auf den Feldern zu vergraben. Steiner glaubte, sie würden so über den Winter ihre »ungeheure« Kraft »an Astralischem und an Ätherischem« übertragen. Schadet natürlich nicht. Bizarr ist es trotzdem.

Die GLS-Bank wurde von Anthroposophen gegründet (sie grenzt sich allerdings seit Längerem von Teilen der anthroposophischen Lehre ab). Und dann gibt es noch die Waldorfschulen, die von vielen Deutschen für eine Alternative zum staatlichen Bildungssystem gehalten werden.

Überall in Erziehung, Körperpflege, Ernährung und Gesundheit mischen Anthroposophen mit. Sie selbst glauben, sich für eine bessere Welt einzusetzen. Eine Welt, in der Kultur und Natur nicht mehr im Widerspruch sind, Arbeit und Kapital, Glaube und Wissen. Man könnte aber auch einfach sagen: Sie sind eine christliche Sekte.

Nie zum Fernsehen geäußert

Denn Rudolf Steiner (1861–1925), der Begründer der Anthroposophie, ist für die Deutschen eine ganz ähnliche Figur wie L. Ron Hubbard für die Amerikaner. Ein Sektengründer und Großspinner, der einige Stränge der Kulturgeschichte verbindet und daraus ein Glaubenssystem gemacht hat. Hyperindividualismus, Selbstverbesserungsideologie und Zukunftsglaube ist es bei Hubbard. Goethekult, Moderne-Kritik und Reformbewegungsglaube an die Natur ist es bei Steiner.

Tatsächlich war Steiner – wie Hubbard, der Science-Fiction-Romane schrieb, bevor er Scientology gründete – in seiner Zeit eine äußerst moderne Figur. Er war Wissenschaftler, Buchherausgeber, Vortragsreisender, Hauslehrer, Forscher, Industrieberater. Er war politisch links, hatte Kontakte zur Sozialdemokratie. Aber er war eben auch einer der großen Spinner der deutschen Kulturgeschichte.

Er glaubte, den direkten Draht ins All zu haben und darüber seine Lehren empfangen zu haben, die er in 5965 Vorträgen und vielen Büchern darlegte – thematisch gibt es da nichts, was es nicht gibt. Vom »Wesen der Bienen« bis zur Frage »Wie erlangt man Erkenntnis höherer Welten?« An den Sex traute er sich nicht heran, dazu wurden wohl keine Erkenntnisse übermittelt. Es gibt Vorwürfe, Steiners Menschenbild habe rassistische Momente, weil er an unterschiedliche Entwicklungsstufen der Menschheit glaubte – der Streit darüber tobt seit vielen Jahren.

Was sich aber festhalten lässt: Weil sie an die Weltsicht eines Mannes glauben, der seit fast hundert Jahren tot ist, weil sie seine Schriften studieren, als seien sie heilig, haben sehr viele Anthroposophen Schwierigkeiten, sich in der Gegenwart zurechtzufinden. Oder umgekehrt. Die Gegenwart ist ihnen zu unübersichtlich, deshalb flüchten sie sich in die Visionen eines Mannes wie Steiner. Und seiner Mischung aus Mystik, Naturwissenschaft, Goethe-Lektüre, dem deutschen Idealismus und okkultistischem Geheimwissen – ein eher liberaler Lehrer an unserer Schule scherzte damals gern darüber, dass wir Schüler kein Fernsehen schauen dürften, weil es das Fernsehen gar nicht gebe, Steiner habe sich schließlich nie zum Fernsehen geäußert.

Das könnte man nun alles unter der Art von Spinnerei abbuchen, auf die jeder Bürger und jede Bürgerin ja ein gutes Recht hat. Es wird jedoch gefährlich, wenn es ums Impfen geht.

Schlecht fürs Karma

Rudolf Steiner glaubte nämlich, dass Krankheiten ihren Sinn im karmischen Geschehen haben. Fieber könnte etwa Kindern helfen, sich in ihrem Körper einzurichten. Wer in früheren Leben Dinge falsch gemacht habe, müsse sie unter Umständen durch Krankheit wieder ausgleichen – und wer sich impfe, der könne taub werden für die karmische Botschaft. Wer die entsprechenden Passagen bei Steiner liest, lernt, dass alle Krankheiten vor allem geistig bekämpft werden müssen. »Vollständiges Bewusstsein« könne dabei »ebenso gut wirken« wie eine Impfung.

Daher rührt die Impfskepsis der anthroposophischen Kreise – ihres harten Kerns zumindest.

Und wenn sich das verrückt anhört: Das ist es auch. Und sehr vielen Anthroposophen ist ihr Leben dann doch lieber als ihr Glaube. Die allermeisten würden auch ihre soziale Stellung nicht riskieren, und derlei Blödsinn in der Öffentlichkeit verkünden. Für sie ist die Anthroposophie auch eher eine Wellness-Philosophie, eine Oberfläche für einen angenehmeren Alltag.

Wer die Anthroposophie allerdings ernst nimmt, wird bei anderen Schlüssen landen. Denn bei allen übersinnlichen Anteilen, die sie hat – sie ist auch eine Philosophie des Körpers und des Seins. Der Mensch, sagt Steiner, hat einen materiellen, einen Äther- und einen Astral-Leib. Gelungen zu leben, heißt, diese Leiber zusammenzuführen.

Größerer Einfluss, als viele ahnen

Womit man beim Impfen ist. Die Spritze, die einen vor der Krankheit schützt, injiziert dem Körper das Gift der Zivilisation. Sie beschleunigt künstlich, was sonst dauern würde. Sie verhindert, dass der Körper selbstständig wächst und seine natürlichen Kräfte mobilisiert. Was wiederum Glaubenssätze sind, die an eine lange Geschichte der Skepsis gegenüber der Schulmedizin anknüpfen, die den Anthroposophen bislang in den bürgerlichen Milieus eher geholfen als geschadet hat.

Besonders, weil die anthroposophische Haltung, dass Krankheiten Kinder in ihrer Entwicklung fördern, dass sie den Kinderkörper und damit auch die Kinderseele stärken gegen die Gefahren des modernen Lebens, gegen Allergien und Zivilisationskrankheiten, bei vielen auch nur oberflächlich ökobewegten Eltern auf Gegenliebe stößt – hier das zarte Geschöpf, dort die Gefahren einer Welt, in der schon lange keine Harmonie mehr herrscht zwischen den ursprünglichen Kräften der Natur und denen, die der Mensch geschaffen hat.

Die vielen jungen Eltern, die sich als irgendwie grün empfinden, stehen der Anthroposophie wahrscheinlich näher, als ihnen bewusst ist. Und so haben die Lehren des Doktor Steiner größeren Einfluss auf unsere Gesellschaft, als viele ahnen. Solange es um Holzspielzeug ging oder Kügelchen gegen Blähungen, waren die politischen Auswirkungen dieser Nähe ebenso schwer nachweisbar wie die der Homöopathie selbst – bei der Pandemie ist das nun ein bisschen anders.

Doch Anthroposophen durch den zwanglosen Zwang des besseren Arguments zu überzeugen, ist ziemlich aussichtslos. Wenn sie sich impfen lassen, dann entweder weil sie dazu gezwungen werden. Oder weil sie inkonsequent sind und die letzte Konsequenz ihrer Überzeugung doch nicht erleben wollen.

Man sollte aber nicht vergessen: Es gibt auch die anderen.

Anm. d. Red.: In einer früheren Version des Textes hieß es unter Bezugnahme auf Personen, die in früheren Leben Dinge falsch gemacht hätten, "wer sich impfe, der werde taub für die karmische Botschaft". Dieser Bezug war möglicherweise nicht deutlich genug als solcher zu erkennen, zudem sind Steiners Äußerungen zum Impfen widersprüchlich. Wir haben die Stelle deshalb ergänzt.

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