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Walhall hinter Stacheldraht

SPIEGEL-Redakteur Klaus Umbach über John Dews Inszenierung des »Ring des Nibelungen« *
Von Klaus Umbach
aus DER SPIEGEL 16/1985

Wehe, weiala weia, wenn sie losgelassen: »Nieder!«, »Stümper!«, schrien die Feingemachten im Parkett, »hirnrissig« und »Schwachsinn«. Zoff im Opernhaus.

Was 1976, auf Bayreuths Grünem Hügel, dem Franzosen Patrice Chereau den Garaus machen sollte, das schlug nun, im niederrheinischen Doppeltheater Krefeld/Mönchengladbach, dem Engländer John Dew entgegen: das Wutgeheul der alten Kameraden, die wieder mal Wagner entehrt und den »Ring des Nibelungen« in frevelnden Händen wähnten.

Wieder mal hatte sich ein Gastarbeiter an deutschem Kulturgut vergriffen, wieder mal sahen die Gralshüter von Werk- und Nibelungentreue das Drama vom unheilvollen Rheingold aus dem Faltenwurf edler Kunst in den Dreck gezogen, diesmal sogar in den Atommüll einer Götterburg nach Kalkar-Art.

Walhall als Kernkraftwerk hinter Stacheldraht, von schlagfertigen Ordnungshütern umstellt; davor die Rheintöchter und jede Menge Sympathisanten, die zwischen Parkett und Orchestergraben zur Demo aufmarschierten. »Falsch und feig ist, was dort oben sich freut«, steht - O-Text Wagner - auf ihren Spruchbändern. Hört das denn gar nicht auf mit den politischen Parolen an der Stätte der Aidas und der Rosen von Stambul?

Immer noch die derben, platten Provokationen: Fafners, des Drachen Höhle als Berliner Gemäuer samt kreisenden Scheinwerfern und spanischen Reitern; der böse Lindwurm als sowjetischer Panzer; und Hagen, der fiese Verräter als Mann der Bundeswehr, der auf dem Feldbett von der Weltherrschaft träumt.

Haben wir nicht, verdammt noch mal, die Nase voll von all den modernistischen Fisimatenten: Walküren als Blitzmädels, Alberich als Wermutbruder, Wotan in Nadelstreifen und Frau Gemahlin Fricka, die hochhackige Furie, aufgedonnert wie für eine Galapremiere bei den Salzburger Festspielen?

Nein, in der Wende-Ära, da man, wie der Dresdner Regisseur und Wagner-Provokateur Joachim Herz süffisant bemerkt, »''Lohengrin'' wieder mit Schwan trägt«, muß sich der deutsche Bildungsbürger in einem deutschen Stadttheater solch subversive Narretei nicht mehr bieten lassen: Wagner gehört ernst genommen und Siegfried aufs Bärenfell.

So zogen die Radaubrüder nach den Tumulten am Niederrhein grollend ab, die Abonnenten blieben aus oder kündigten; die freien Plätze der Oldtimer nahm die Jeans-Kundschaft ein; und am Ende, als letzten Samstag die erste zyklische Darbietung des »Ring« mit der »Götterdämmerung« abschloß, war John Dew der Held der Szene - auch dies eine (provinziell verkleinerte) Neuauflage zu der Schlacht um und dem Endsieg von Patrice Chereau, der in Bayreuth unter Trillerpfeifen anfing und unter Beifallsstürmen abtrat.

Jedenfalls hat sich seit Chereau, dessen Bayreuther Schock-Regie mit ihren grandiosen Halbheiten und faszinierenden Bruchstellen von der Legende längst in den Adelsstand erhoben worden ist, kein Regisseur auf einer deutschen Bühne mehr mit soviel theatralischer Phantasie, erzählerischer Konsequenz und hintersinniger Spielfreude an den »Ring« gemacht wie John Dew - ein komödiantisches Talent, das sich auch auf kriminalistischen Kitzel versteht; ein tiefenpsychologischer Deuter, der zugleich brillant fabuliert; ein politischer Aufklärer, der zeigt, wovon die Rede ist. Sein »Ring« in der Provinz ist Musiktheater von Weltklasse.

Dew, 40, derzeit Oberspielleiter in Bielefeld, hat in New York Kunstgeschichte

studiert, war dort zeitweilig Kommilitone von Bob Wilson und wollte Bühnenbildner werden. Friedelind Wagner, des Komponisten Enkelin, vermittelte ihm eine Visite in Bayreuth, wo er gerade »noch auf den psychologischen Trip der Wieland-Ära geriet«. Anfangen konnte er damit fürs erste wenig: Der Neuling mußte sich zunächst im Land des Lächelns tummeln und an Kleinstadt-Bühnen Operetten herausbringen.

Mittlerweile hat Dew, der sich selbst kokett ein »Risiko« nennt und dieses Image auch genüßlich pflegt, 70 Inszenierungen hinter sich, hat Verdis »Troubadour« nach Südamerika verlegt, die Männer bei Mozarts »Cosi«-Komplott in die Badewanne gesetzt und für Charles Gounods »Margarethe«, immerhin faustischen Stoff, Punker auf Rollschuhe gestellt. Er ist, fand sogar die »FAZ«, »einer der provokantesten Regisseure«.

Er provoziert auch die Kapellmeister ("Je schwieriger die Partitur, desto seltener erscheint der Dirigent bei den Proben"), schimpft die Orchestermusiker »saure Gurken« und stänkert gegen das ganze staatlich subventionierte System.

Es wurmt ihn aber doch, daß die ganz großen Bühnen bislang nicht angebissen haben: »Um dort inszenieren zu dürfen, muß man möglichst Dilettant sein, zum Beispiel Maler oder Schriftsteller, jedenfalls nicht Regisseur.« Dort würde sich Dew wohl auch schwerer tun, unbekannte Stücke auf den Spielplan zu bringen (wie jüngst in Bielefeld »La Boheme« von Ruggiero Leoncavallo) oder aber, wie in Krefeld/Mönchengladbach, einer heiligen Kuh wie dem »Ring« »den Schleier mit Gewalt herunterzureißen«.

Dieses nicht nur auf den ersten Blick so verworrene Spiel der Macht und der Macht des Schicksals, der Schopenhauerschen Gedanken und der klassenkämpferischen Hintergedanken, das meist nur Eingeweihten richtig klar wird, will der kraushaarige Schlaukopf für jedermann durchschaubar machen: »Am Ende sollen alle so klar sehen wie früher nur die Eingeweihten.« Folgerichtig dröselt er das Schicksalsgarn der Nornen so lange und geduldig auf, bis er den roten Faden hat und den »Ring« als lange, kurzweilige, anrührende, aufregende und lehrreiche Geschichte erzählen kann.

Und damit ist er beispielsweise dem Kollegen Götz Friedrich um Längen überlegen, der sich bei seinem (noch unfertigen) Berliner »Ring« schon jetzt in dem gigantischen Zeittunnel voll symbolträchtigem Nippes verrannt hat. Blamiert hat Dew damit vollends den Märchenonkel Peter Hall, der in Bayreuth, groteskerweise als Alternativer zu Chereau, einen »Ring« aus Lebkuchen gefertigt hat. Widerlegt hat Dew auch den amerikanischen Dirigenten Erich Leinsdorf, wahrhaft keinen Irgendwer im Geschäft, der behauptet hat, der »Ring« sei »für die Bühne kaputt« und »szenisch nicht mehr aufführbar«, weil er »Modernisierungen nicht verträgt«.

Irrtum, Maestro. Aktuelle Bezüge, tagespolitische Anspielungen und Gleichnisse, zeitgemäßes Ambiente, Blickfänge von heute, also der radikale und konsequente Transfer der Story aus irgendeinem nordisch-mystischen Ur in irgendeine Gegenwart, wo Wotan die »Welt« liest, Brünnhilde Kaffee kocht und Siegfried sich mit Comics, Klampfe und Thermohose als antiautoritär aufgewachsener Flegel auf dem Sofa herumlümmelt, machen die Geschichte endlich wieder so brisant, wie Wagner sie erdacht hat, und so verständlich, wie Wagner sie niedergeschrieben hat.

Natürlich dreht Dew, wenn er aus Brünnhildes Roß Grane einen Autoschlüssel macht, dem Librettisten Wagner das Wort im Gesangstext herum. Doch er gerät kaum je in Widerspruch zum Gesangssinn und noch seltener in Konflikt mit der gebärdenreichen Musik.

Nur im ersten »Walküre«-Akt, diesem wohl lyrischsten und weltanschaulich am wenigsten belasteten Teil des ganzen Zyklus, hat Dew den inzestuösen Liebesrausch zwischen den Zwillingen nicht _(Oben: Stan Unruh als Siegfried mit ) _(Alfred Stark als Mime; ) _(unten: mit Gabor Andrasy als Fafner. )

musikkonform in den Griff bekommen. In Sieglindes Wohnküche, eingerichtet wie vom Otto-Versand, will sich nun einmal der Zauber einer verbotenen Liaison nicht einstellen, nicht einmal dann, wenn das Wälsungen-Blut richtig in Wallung gerät, der Küchenkrempel in den Bühnenhintergrund gezogen wird und zum lachenden Lenz die Sterne funkeln. Hier schlittert Dew am Rand der unfreiwilligen Parodie.

Sonst aber hat er die Parabel über vier lange Abende durch eine strenge Weltenteilung überzeugend lokalisiert: Die da oben, die da unten und die Menschheit hienieden leben in verschiedenen Etagen der zivilisatorischen Entwicklung, der »Ring« wird zum gigantischen Crescendo von der frühindustriellen Morgenröte bis zur nuklearen Götterdämmerung, mit dem Weltenbrand auf Knopfdruck.

Das Nibelreich, wo die Ausgebeuteten malochen, ist noch Kleingewerbe. Alberich schaltet noch nicht, wie sonst heute üblich, als dicker Boß über einer Großproduktion, sondern plustert sich vom kleinen zum großen Krauter, der über dem Hort - lauter Goldmünzen und Wertpapiere - verständlicherweise den Kopf verliert.

Auch Mime, sein Bruder, haust später, im »Siegfried«, im Muff einer Schrebergärtnerei, wo es aussieht wie bei Hempels: links Stangenbohnen, rechts Tomatenstauden, dazwischen Suppenteller auf dem Küchentisch und Unterhosen an der Wäscheleine.

Die Götter, versteht sich, können schöner wohnen, in schickem Design aus Chrom und Leder, Drinks on the rocks schlürfen und den großen Macker ausspielen. Sie sitzen am Drücker und fliegen am Ende samt ihrem protzigen Bollwerk denn auch standesgemäß in die Luft. Wo der »Ring« offensichtlich menschlich wird, möbliert und arrangiert Dews Bühnenbildner Gottfried Pilz im Präsens: abwaschbare Einbauküche, Kühlschrank voll Bierflaschen, Hagen als Star einer Pressekonferenz, Brünnhilde vor TV-Kameras.

Verklammert werden die Schauplätze und Zeitläufe nicht nur durch eine bühnenbreite Weltesche, die, als Stammbaum der ganzen Saga, aus dem füllig grünenden Laub abstirbt zum leblosen Stumpf, sondern, weitaus schlüssiger und eindrucksvoller, durch einen allgegenwärtigen Wotan. Weit über Wagners Anweisungen hinaus läßt Dew den Gott auftreten: als Voyeur, als Spion, als Betrachter der Geschicke.

Von der Weltesche herab beobachtet er den Zeugungsakt der Wälsungen, er liegt auf der Lauer, wenn Fafner erschlagen und der Hort wieder greifbar wird; er wagt sich sogar beim Trauermarsch noch einmal an Siegfrieds Leiche - letzter (vergeblicher) Versuch, den ersehnten Ring von der Hand des Toten an sich zu reißen. So kann dieser schuldhafte und tragische Allvater alles verfolgen, was er in Gang gesetzt hat, und muß alles mitansehen, was er angerichtet hat.

Wie Dew die stolzen Götter zu gichtgeplagten Krüppeln altern läßt, wenn ihnen die jugenderhaltenden Äpfel fehlen, wie sich der falsche Siegfried in den feuerroten, aufgeregt blähenden Falten des Vorhangs an die verängstigte Brünnhilde heranmacht, wie Wotan als zielloser Wanderer in sein von Spinnengewebe überzogenes Büro zurückkehrt - das ist hervorragendes Theater aus intimem Wagner-Verständnis.

Ein einfaches blaues, rhythmisch auf dem Boden wogendes Laken, das den Rheintöchtern bei den ersten Tönen der Tetralogie als Wellenbad dient, wird unter den sehrenden Schlußklängen der »Götterdämmerung« zum Leichentuch für die ganze Menschheit.

Nur noch einmal - Start am kommenden Sonntag in Krefeld - soll John Dews »Ring« gezeigt werden, dann kommt er zum alten Eisen. So gilt nicht nur für Wagnerianer, sondern gerade für die, die es niemals sein wollen, der Krefelder Appell, um Karten anzustehen.

Oben: Stan Unruh als Siegfried mit Alfred Stark als Mime;unten: mit Gabor Andrasy als Fafner.

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