Sexismusdebatte nach Artikel über Jill Bidens Doktortitel »Ihr Name ist Dr. Jill Biden, gewöhnen Sie sich dran«

Ein Essayist im »Wall Street Journal« fordert die künftige First Lady Jill Biden auf, ihren Doktortitel aufzugeben. Unterstützer zeigen sich empört, sprechen von einer »widerlichen Zurschaustellung von Chauvinismus«.
Jill Biden (bei einer Wahlkampfrede im Oktober)

Jill Biden (bei einer Wahlkampfrede im Oktober)

Foto: Drew Angerer / Getty Images

Als Jill Biden bekannt gab, auch als First Lady der USA berufstätig zu bleiben, sorgte das für Aufsehen. Die 69-Jährige ist seit Jahrzehnten Englischdozentin am Northern Virginia Community College. Der »Vogue« sagte sie, dass sie gern arbeite: »Wie viele Ihrer Leserinnen bin ich eine berufstätige Frau. Unterrichten ist meine Leidenschaft.« Sie hatte ihren Job auch weiter ausgeübt, während ihr Mann von 2009 bis 2017 Vizepräsident unter Barack Obama war.

Im Zusammenhang mit ihrer Lehrtätigkeit erlangte Jill Biden im Januar 2007 einen Doktortitel an der University of Delaware. Sie erhielt den Grad des »Doctor of Education«, kurz EdD – ein mit dem in angelsächsischen Ländern verbreiteten PhD vergleichbarer Titel. Die University of Delaware wird als Hochschule mit sehr hoher Forschungsaktivität eingeschätzt, was eine Voraussetzung dafür ist, dass diejenigen, die dort promoviert haben, den Doktortitel beispielsweise in Deutschland tragen dürfen.

Dennoch ist in den USA eine Diskussion darüber entbrannt, ob Jill Biden diesen Doktortitel tragen sollte. Ausgelöst hat sie der Essayist Joseph Epstein mit einem Meinungsbeitrag im »Wall Street Journal«. In seinem Text spricht der 83-Jährige Jill Biden direkt an mit den Worten: »Madame First Lady – Mrs. Biden – Jill – kiddo« und rät ihr: »Dr. Jill, denken Sie drüber nach und lassen Sie den Doktor in Zukunft fallen.«

Die grundsätzliche Stoßrichtung von Epsteins Beitrag scheint vor allem eine Kritik daran zu sein, dass Doktortitel im Allgemeinen zu leichtfertig vergeben würden. Früher habe man dafür Griechisch oder Latein beherrschen müssen, und während der Prüfungen habe eine Sekretärin mit einem Glas Wasser gewartet, um die erschöpften Prüflinge vor der Ohnmacht zu bewahren. Heute seien die Prüfungssituationen eher mit einem »Kaffeeklatsch« (im Original deutsch) zu vergleichen. Besondere Wut lösen bei dem Essayisten die nach seiner Beobachtung immer freigiebiger verteilten Ehrendoktortitel aus.

Doch über akademische Standards wurde nach der Veröffentlichung am Samstag kaum diskutiert, dafür ging es sehr viel mehr um persönliche Anerkennung. Jill Biden selbst antwortete über ihren Twitteraccount – Nutzername »@DrBiden«: »Gemeinsam arbeiten wir an einer Welt, in der die Errungenschaften unserer Töchter gefeiert werden und nicht heruntergespielt.«

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Mehrere Personen aus dem politischen Umfeld ihres Mannes sprangen der künftigen First Lady zur Seite. Kommunikationsdirektorin Elizabeth Alexander nannte den Kommentar  »sexistisch und beschämend«; der Sprecher des präsidentiellen Übergangsteams, Michael LaRosa, griff das »Wall Street Journal« an , es solle sich schämen, diese »sexistische Attacke« auf Jill Biden veröffentlicht zu haben: »Wenn Sie irgendwelchen Respekt vor Frauen hätten, würden Sie diese widerliche Zurschaustellung von Chauvinismus entfernen und sich bei ihr entschuldigen.« Kürzer fasste sich Jill Bidens Vorgängerin Hillary Clinton: »Ihr Name ist Dr. Jill Biden, gewöhnen Sie sich daran.«

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Die Kritik wollte der für die Meinungsseite des »Wall Street Journal« zuständige Redakteur, Paul A. Gigot, allerdings nicht auf sich sitzen lassen. Er warf dem Biden-Team in einem Antwortartikel  vor, die Aufregung um den Beitrag bewusst zu schüren – aus politischem Kalkül. Er vermute, man habe »mit der großen Kanone der Identitätspolitik« eine Botschaft an die parteiinternen Kritiker senden wollen: »Es ist die Version der Linken von Donald Trumps ›Feinde des Volkes‹-Tweets.«

Es gab zuletzt mehrere Streitfälle um Meinungsartikel in US-Medien. So war der Meinungschef der »New York Times« im Sommer zurückgetreten. Sein Rücktritt stand im Zusammenhang mit scharfer Kritik an einem Gastbeitrag im Trump-Duktus, den die Zeitung auf ihrer Meinungsseite veröffentlicht hatte.

In der Sache selbst verteidigt Gigot den Artikel als »sachliche Kritik«, zudem sei das Thema ja ein »vergleichsweise unbedeutendes«. Allerdings veröffentlicht das »Wall Street Journal« auch eine Vielzahl von Leserbriefen, die einerseits Joseph Epsteins Tonfall und Perspektive kritisieren – insbesondere die Bezeichnung »kiddo« (umgangssprachlich: Kind) wird als herablassend empfunden.

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Inzwischen hat sich auch die Universität zu Wort gemeldet, an der Joseph Epstein lange gelehrt hatte. Dies sei fast 20 Jahre her, und man weise es zurück, wenn wohlverdiente akademische Auszeichnungen herabgewürdigt würden, hieß es in einem Statement der Northwestern University. Von der Übersichtsseite ihrer Lehrenden hat die Universität den Emeritus Epstein inzwischen entfernt.

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