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Wallraff, der Prediger

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aus DER SPIEGEL 6/1986

Das Gotteshaus, war, noch bevor die Glocke bimmelte, bis auf den letzten Stehplatz gefüllt. Da bestieg der Mann, der ein Türke war, ganz ungeschminkt die Kanzel schlug das 2. Buch Mose auf und las: »Macht« daß ihr wieder an eure Arbeit kommt die vorgeschriebene Anzahl Ziegel wird abgeliefert!« Aber die Gläubigen verharrten trotzig in den Bänken, und so fuhr der Laie deutend fort: »Fast möchte ich sagen, das hat ein ganz frühes Vorbild von mir geschrieben«, denn da sei »eine sehr plastische Beschreibung dessen« überliefert, »was wir heute als 'Akkordhetze' kennen.« So klingt er, der Wallraff-Ton der deutschen Literatur, zu Gehör gebracht am Neujahrstag in der evangelischen Dorfkirche zu Wettbergen bei Hannover und nun in einem Büchlein niedergelegt: Günter Wallraffs »Predigt von unten«. Die Botschaft des Büchleins ist recht: Während die Mächtigen, »über Friedrich Wilhelm bis zu den Helmuts von heute«, den lieben Gott »ganz oben« suchten, ist Wallraff guten Mutes, ihn »ganz unten« zu finden. Und was recht ist, muß auch billig sein: Steidl Verlag, Erstauflage 30000, 5 Mark.

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