Zur Ausgabe
Artikel 86 / 100
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

Walter Möller

aus DER SPIEGEL 48/1971

Ist es zynisch, wenn die Linken dieser Republik sich selbst und ihren Genossen sagen, sie hätten leichter einen andern missen können? Ist es platt, wenn sie die Frage der Ersetzbarkeit, Rhetorik-Übung vor jedem besseren Sarg, dennoch stellen?

Linke gibt's wie Satzzeichen im »Kapital«, moralisierende Opportunisten und protestantische Sozialhelfer, aufgeschreckte Liberale mit sozialer Kampfader und Party-Revoluzzer mit Pappis Porsche. Radikalismus ist ziemlich schick, Pragmatismus verkauft sich ganz gut, und auch ein bißchen Stalin putzt ungemein.

Denen läßt sich freilich nicht nachsagen, was die liberale Presse von der »FAZ« bis zur »Stuttgarter Zeitung« über den toten Frankfurter OB meldete: »Unermüdlicher Fleiß«, »Energie«, »rastloses Engagement«, »Schwerstarbeit«. Bourgeoise Tugenden? Gewiß doch, jedenfalls für den, der glaubt, sich den Zipfel eines durch die Weltgeschichte streifenden Mantels erhaschen zu können -- im doppelten Wortsinn.

»Es lebe die sozialistische Republik Frankfurt« telegraphierte so einer, als Walter Möller im Juni 1970 zum Verwaltungschef der hessischen Metropole gewählt worden war. Denn ein Sozialist, Anführer des sozialdemokratischen Linksaußen-Bezirks Frankfurt, ein Klassenkämpfer und Bürgerschreck, kam in einer der größten Städte der Bundesrepublik an die Macht. Ein waschechter Roter zudem: Schon der Vater, von Beruf Schmied, war Gewerkschafter und Sozialdemokrat. Sohn Walter hatte gleich nach dem Krieg als Unterkassierer eines SPD-Ortsvereins angefangen, war Stadtverordneter geworden, Redakteur der SPD-»Volksstimme«, Leiter der Volkshochschule, Stadtrat und als Verkehrs-Dezernent Planer der Frankfurter U-Bahn.

Möller hat mitgeholfen, die südhessische SPD zur Kerntruppe der Parteilinken aufzubauen, er hatte das »verwaschene« Godesberger SPD-Programm bekämpft, er hielt »die analytische Methode von Karl Marx immer noch für die beste«, wußte, daß das Ziel eines Sozialisten »natürlich nur darin bestehen kann, in der gesamten Großwirtschaft das Privateigentum durch gesellschaftliches Eigentum und gesellschaftliche Verfügungsgewalt zu ersetzen«.

Manchen Genossen war dann der Oberbürgermeister Möller nicht mehr links genug, weil er auch wußte: »Sozialismus, isoliert in einer Stadt, ist unmöglich«, und »Sozialismus kommt nicht über Nacht«. Weil er zwar für die erste Hausbesetzung im Frankfurter Westend »volles Verständnis« bekundete, ein demonstratives Remake dieser Aktion unter Führung des Filmhelden Daniel Cohn-Bendit aber als »zynisches Spektakel« bekämpfte.

Genau da aber, wo einige Genossen mit ihm zu hadern begannen, erwies sich Walter Möller als Sozialist mit Augenmaß. Die erste Besetzung hatte ausgereicht, das öffentliche Bewußtsein und die politischen Instanzen auf kommunale Entscheidungen gegen das Eigentumsrecht an Grund sollten gemeldet, Planungs- und Spekulationsgewinne abgeschöpft, die »Stadtteilverödung durch Mietervertreibung zugunsten neuer Bürotürme« durch kommunale Bauauflagen gestoppt werden. Für Straßenschlachten bei weiteren Hausbesetzungen waren ihm »Polizei und Besatzer zu schade«.

In nicht einmal anderthalb Jahren Amtszeit, unterbrochen noch von vier Monaten Rekonvaleszenz nach zwei Herzinfarkten, hat er in der Kommunalpolitik energischere Akzente vorgezeichnet als der sozialdemokratische Muster-OB Jochen Vogel in zwölf Jahren. Dafür war er auch nicht halb so beliebt bei den Meinungsmachern zwischen Passau und Hamburg. Der »Wiesbadener Kurie?« bescheinigte ihm geradezu einen »phantastischen Mut zur Unpopularität«.

Wahlen -- auch für das Amt des Oberbürgermeisters -- waren Walter Möller stets nur Voraussetzung, nicht Erfolg. Sicher, er hätte es im roten Frankfurt leichter gehabt« das kurzfristig Populäre zu meiden, als Herbert Wehner in Bonn. Aber auch die regierenden Sozialdemokraten in West-Berlin, Köln oder München hätten es leichter -- nur scheint es daran nicht zu liegen.

Walter Möller starb, 51 Jahre alt, am Dienstag letzter Woche an akutem Herzversagen.

Mehr lesen über
Zur Ausgabe
Artikel 86 / 100
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.