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DRAMATIKER Warten auf Joschka

Der 2002 gestorbene Kabarettist Matthias Beltz hinterließ ein Theaterstück - am Freitag wird die 68er-Farce »Die Frankfurter Verlobung« uraufgeführt.
Von Reinhard Mohr
aus DER SPIEGEL 6/2003

Der Himmel über Frankfurt am Main strahlte tiefblau, und alle waren da: der Außenminister und der Bundesbankpräsident, die Oberbürgermeisterin und ein leibhaftiger Strafrichter, dazu eine ganze Kompanie Kabarettisten, Straßenkämpfer a. D. und befreundete Apfelweintrinker aller Konfessionen.

Als am 8. April 2002 der Kabarettist Matthias Beltz, der mit 57 Jahren an einer Herzattacke gestorben war, auf dem Frankfurter Hauptfriedhof zu Grabe getragen wurde, versammelte sich nicht nur die große Sponti-Familie aus den siebziger Jahren, deren scharfsinnigster Chronist der Kabarettist gewesen war - es kamen auch jene, die damals auf der anderen Seite der Barrikade gestanden hatten, Kapitalisten, Polizisten, Großbürger, Reaktionäre. Die Personnage des Beltzschen Universums war komplett angetreten - vereint in Trauer.

An diesem Freitag, zur Uraufführung des nachgelassenen Beltz-Stücks »Die Frankfurter Verlobung. Eine Untertreibungskomödie« im Schauspiel Frankfurt, werden viele von ihnen wiederkommen, und es wird abermals ein gesellschaftliches Ereignis sein. Das allerdings könnte nicht nur am Autor, sondern auch am Stoff des Stücks liegen: eine zugleich liebevolle und bitterböse Farce auf die Ex-Revolutionäre der siebziger Jahre, die ihren Frieden mit der Gesellschaft gemacht haben und doch immer wieder von ihrer linksradikalen Vergangenheit eingeholt werden. Nicht zufällig entstand das Stück nach der Diskussion um die militante Vergangenheit Joschka Fischers, die vor zwei Jahren die Republik in Atem hielt.

Eine »Beziehungskomödie mit viel Lust an der Ironisierung der Verhältnisse« und »ein erstaunlich gut gebautes Zeitstück« - so nennt Chefdramaturg Jens Groß das Sechs-Personen-Drama: Am frühen Nachmittag des 11. September 2001 bereiten Gerhard und Bille in einer Altbauwohnung im Frankfurter Westend einen kleinen Empfang zu ihrer Verlobung vor. Gerhard, Mitte fünfzig, unverkennbar das Alter Ego von Matthias Beltz - in Frankfurt spielt ihn »Polizeiruf 110«-Star Edgar Selge -, ist Rechtsanwalt mit linksradikaler Vergangenheit. Bille, neun Jahre jünger, arbeitet als Kinderärztin. Später kommen noch Johannes, ihr 26-jähriger Sohn, »ein sensibler Skinhead«, und Mascha, 23, seine Freundin, dazu - Letztere ist, »elfengleich und bodenständig«, ein kleines Medienluder vom Kommerzsender ABCD.

Alle aber warten auf »den Minister«, Gerhards alten Kampfgefährten, weshalb draußen auch zwei Polizisten patrouillieren - klar, hier geht das Gespenst von Joschka Fischer um. Wie Becketts Godot taucht auch er nur in wortreicher Beschwörung, nie in Person auf.

»Und fang nicht wieder an mit deinen alten Revoluzzergeschichten!«, fleht Bille, und doch stellt sich bald heraus: Zufall oder nicht - es war auch ein 11. September, im Jahr 1975, als Gerhard und der Minister »einen Molotow-Cocktail auf einen Polizisten geworfen« haben, der danach fast verbrannt wäre - eine dreiste Fiktion, gewiss, aber zugleich ein Hinweis darauf, dass Matthias Beltz niemanden aus der Geschichte linker Militanz entlassen wollte, auch nicht seinen alten Freund Joschka Fischer.

Zwar verteidigte der Entertainer den Minister öffentlich, als Fischer Anfang 2001 wegen seiner Straßenkämpfer-Vergangenheit in die Schusslinie geriet, doch er machte auch kein Hehl daraus, dass ihm die Politik des Außenministers missfiel - den Kosovo-Krieg etwa hielt er für falsch.

Gerhard, Beltz'' Doppelgänger im Stück, hasst das »ganze Gesindel« im Bundestag, das keine Ahnung von der Revolte hat, und plötzlich steht alles wieder auf der Tagesordnung - der »altböse Feind« und die Gewalt der Linken, Revolution, Reaktion und Resignation: »Wenn ein Mann über vierzig noch lebt, hat er seinen Frieden mit der Gesellschaft und der Gewalt gemacht«, sagt Gerhard. Die Verlobung von Mann und Frau ist zugleich die Verlobung der Gegenwart mit der Vergangenheit.

Doch die will sich einfach nicht besänftigen lassen und spukt weiter in der renovierten Altbauwohnung herum. Die Grundfragen im Streitgespräch zwischen Geschlechtern und Generationen sind fast klassisch: Wie glücklich darf das Leben sein, wie bürgerlich und wie banal? Muss sich nur die Vergangenheit der Kritik der Gegenwart stellen - oder nicht auch die Gegenwart an der Kritik der Vergangenheit messen lassen? »Die Frankfurter Verlobung« bietet keine Verherrlichung, aber auch keine Verharmlosung. In einem langen Monolog lässt Gerhard noch einmal die gewalttätige Szenerie der Siebziger auferstehen, den Kampf mit Pflasterstein und »Mollie« als inneres Erlebnis im Geiste des deutschen Idealismus. Frei nach Schiller: »Und setzt du nicht das Leben ein / Nie wird dir das Leben gewonnen sein.«

Die Jungen machen sich darüber lustig - »Früher Kanister, heute Minister« -, die Alten betrinken sich. »Für Gerhard ist die Verlobung eigentlich auch eine Hinrichtung«, sagt Dramaturg Groß. Regisseur Anselm Weber, der von monatelanger »Schürfarbeit« an der komplexen Symbolik des Textes berichtet, sieht die Beltzsche Dialektik überall am Werke: »Die Utopie erscheint allenfalls in der Negation, und nicht zufällig ist ständig vom Tod die Rede.«

Am Ende der »Frankfurter Verlobung« sprengt der Terrorschlag vom 11. September 2001 in New York die eingeschlossene Viererkette im Frankfurter Westend: Der Minister lässt seinen Besuch absagen, Gerhard fällt betrunken vom Stuhl und lallt: »Fassen wir zusammen: Gott ist tot. Der Sozialismus ist tot. Die Revolution ist tot. Du lebst! Warum?«

Es ist, als hätte Matthias Beltz, der zynische Moralist und satirische Gesellschaftskritiker, die Frage einfach mit ins Grab genommen. Nun müssen die Überlebenden versuchen, sie zu beantworten - auch der Minister. So ist »Die Frankfurter Verlobung« nicht zuletzt ein kleines Danaer-Geschenk an die alten Freunde und Genossen.

Sie werden daran zu beißen haben.

REINHARD MOHR

* Mit Peter Moltzen, Katrin Grumeth, Edgar Selge, FranziskaWalser.

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