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Film »Warum nicht du, du Sau?«

aus DER SPIEGEL 4/1995

Zunächst ist der Typ ein Monster, ein Ekelpaket, die Karikatur des von trüben Macht- und Sexphantasien beherrschten Widerlings. Der Schreckensmensch heißt Bösel, und in seinem Herzen, so denkt der Betrachter, muß es so ähnlich aussehen wie in seinem rostigen Ford Taunus, wo leere Zigarettenpackungen, zerfledderte Schundhefte und angebissene Leberkäs-Semmeln vor sich hin gammeln: eine Müllkippe eben.

Ziemlich schnell aber wandelt sich der schmierige Minusmann zum sympathischen Gemütsmenschen. Heinz Bösel, der gern einen karierten Hut zum zerknautschten Trenchcoat trägt und dazu einen Schnauz- und Kinnbart, der noch schauerlicher ist als der von Rudolf Scharping - dieser Heinz Bösel ist plötzlich der rührend unbeholfene, komisch verdruckste Held in einem Spiel vom Leben und Sterben des armen Mannes.

Josef Hader hat den Gastronomie-Handlungsreisenden Bösel ein paar dutzendmal auf der Bühne gespielt, nun leiht er der zwielichtigen Figur auch auf der Kinoleinwand seinen hinterfotzigen Bubencharme, den traurigen Dackelblick und die Manieren eines abgerutschten Kleinbürgers.

»Indien« hieß das Theaterstück, das der Kabarettist Hader mit seinem Kompagnon Alfred Dorfer geschrieben und, von den meisten Kritikern gefeiert (SPIEGEL 26/1991), sogleich aufgeführt hat. Und »Indien« heißt auch der Film des jungen österreichischen Regisseurs Paul Harather, der in dieser Woche - naturgemäß mit Hader und Dorfer in den Hauptrollen - in den deutschen Programmkinos anläuft.

In Österreich war die Kinoversion ein Hit: Rund 210 000 Besucher machten den Film dort zur erfolgreichsten Heimproduktion der vergangenen Kinosaison. Und beim letztjährigen Max-Ophüls-Festival in Saarbrücken gewann »Indien« neben dem Filmpreis des saarländischen Ministerpräsidenten auch den Publikumspreis.

Trotzdem ist Josef Hader skeptisch, was den Erfolg beim deutschen Kinopublikum angeht: »Die Leute vom Verleih fürchten, daß die Deutschen mit dem Dialekt Schwierigkeiten haben - aber eine volle Untertitelung kam für mich nicht in Frage.« Der Kompromiß, der aus diesem Zwist folgte: »Für die Auswertung in Deutschland« werden nun »einige nur in Österreich gebräuchliche Wörter und Dialektausdrücke« (so der Sputnik-Filmverleih) durch Untertitel erklärt.

Dem Hader ist das zwar verdächtig ("muß man ,schnackseln' mit vögeln übersetzen?"), letztendlich aber, so behauptet er jedenfalls, »eigentlich Wurscht«. Ohnehin ist die Geschichte, die »Indien« erzählt, ziemlich universal. Der Außendienstler Bösel, der im Auftrag irgendeiner Fremdenverkehrsbehörde Wirtshausschnitzel und Hotelduschen testet, bricht mit seinem neuen Kollegen Fellner (Dorfer) zu einer Dienstreise auf.

Und schon wenn die beiden in der Wiener Vorstadt Bösels Klapperauto besteigen, der eine ein schwitzender, rauchender und schmatzender Prolet, der andere ein geschniegelter, müslifressender Aufsteiger, ist klar: Die Geschichte dieses ungleichen Paares könnte ebensogut an der Schwarzmeerküste oder in der französischen Provinz spielen; denn so gesichtslos und verkommen sehen die Wohnblocks der Suburbs fast überall aus.

Die Reise selbst scheint dann eher nach Texas zu führen. Bohrtürme und Hochspannungsmasten ragen aus der platten niederösterreichischen Landschaft, die Straßen sind holprig und leer, und die Wirte in den Gaststuben sind so wortkarg und versoffen und korrupt wie die Saloonbesitzer im klassischen Western.

Bösel, der scham- und zukunftslose Dreckskerl, haßt diese Welt mit Thomas Bernhardscher Inbrunst und Zärtlichkeit; er mampft jede Menge Gratisschnitzel und redet dabei schier ohne Unterlaß mit vollem Mund, er leert die Freibiergläser und läßt sich, statt die Schlamperei der Wirte in seinen Berichten zu vermerken, mit Naturalien aus Weinkeller und Speisekammer bestechen.

Selbstverständlich ist der junge Kollege erst mal empört. Und ebenso selbstverständlich wird aus den beiden merkwürdigen Widersachern ein Freundespaar, je mehr sie einander von ihrem Lebenselend und ihren Ausbruchsträumereien erzählen: Der smarte Fellner, der in Wahrheit zu weich ist für seine Karrierepläne und zu uncool für seine anspruchsvolle Freundin, träumt von Indien - so kommt der Film, der eigentlich »Die Schnitzeltester-Brigade« heißen müßte, zu seinem sonderbaren Namen.

Plötzlich aber schlägt die Groteske vom Dicken, der den Ehefrust mit großkotzigen Sexsprüchen bekämpft, und vom Doofen, der ein Märchen-Indien beschwört (wo die Menschen »überhaupt nur Reis essen, auf der Straße sitzen und dabei lachen, auch wenn manche verhungern"), ins Melodram um: Irgendwo in der niederösterreichischen Ödnis halten die Männer ihren Wagen an, drehen die Lautsprecher zu Sitar-Klängen auf und tanzen vor dem Sonnenaufgang, da knickt der Jüngere mit schmerzverzerrtem Gesicht zusammen. Die nächste Szene spielt dann schon im Krankenhaus: Fellner hat Hodenkrebs.

Hader liebt solche Einbrüche von banalem Horror. Nicht nur in »Indien«, sondern auch in seinen Solokabarettabenden beschäftigt er sich geradezu besessen mit den letzten Dingen, mit Tod, Siechtum und - wie sich's gehört: unglücklicher - Liebe.

Er hat es dabei, wie die Neue Zürcher Zeitung respektvoll anmerkt, zum Ruf eines »Totengräbers des Kabaretts« gebracht, dessen Arbeiten »mit traditioneller Kleinkunst wenig zu tun haben«.

Dabei ist Hader, aufgewachsen auf einem Bauernhof im Waldviertel und später im Klosterinternat zu Melk, keineswegs als Revolutionär angetreten. Seine Wiener Anfänge als Kabarettist absolvierte er mit höchst konventionellen Nummernrevuen - unter Wortverdreher-Titeln, aus denen einem die Langweiligkeit des Dargebotenen bereits entgegengähnt: »Im milden Westen« hieß, beispielsweise, einer dieser Abende.

Erst Ende der achtziger Jahre war ihm das nicht mehr genug. Er habe, so referiert er mit ernster, großäugiger Miene, »richtige Figuren auf die Bühne stellen wollen. Typen, die ich selber gern hab'. Menschen, die lauter Sachen machen, die ich mich nicht trau'«.

Statt von österreichischen Politikschranzen und von der Ungerechtigkeit der Welt redete Hader plötzlich von sich. Von seiner Not mit dem Kabarettpublikum zum Beispiel, das er in Programmen wie »Bunter Abend« und »Biagn oder Brechn« beschimpfte - wofür er prompt mit Kleinkunstpreisen überhäuft wurde.

»Immer bloß Schimpfen ist auch fad«, erkannte der Mann jedoch bald, und so fand er sein Thema: den Triumph und das Elend, die großen Tiraden und kleinen Miseren der Mittelmäßigen. Vor den Abgründen des Banalen, sagt Hader, gebe es kein Zurückzucken: Schließlich sei es auch nicht die Atomkatastrophe oder der Schwund des Regenwalds, vor denen er als Privatmensch Angst habe, sondern »halt so banale Dinge wie Einsamkeit oder zuviel Nähe, Krankwerden oder Sterbenmüssen«.

Francois Truffaut verteidigte in einem seiner letzten Filme die Wahrheit der Schlager, indem er die Schauspielerin Fanny Ardant sagen ließ, daß gerade in den Schnulzen alles Wesentliche über Liebe und Tod zu erfahren sei - ganz ähnlich darf man auch Haders Werke als Verteidigung eines unterschätzten Genres begreifen.

Man kann den Weltschmerz (und also die Welt) auch in einem Kalauer oder in einer Kabarettpointe erklären - auf diese Formel läßt sich Haders Hang zur Lebensweisheit komprimieren.

»Lustige Kabarettisten sind mir verhaßt«, hat er einmal gesagt, und in »Indien« ist es gerade die tödlich ernste Gossenphilosophie der Protagonisten, die dem Finale das schöne und zugleich schwer deplazierte Pathos großen Kinos verleiht.

»Warum ich?« wütet der todgeweihte Fellner gegen den Freund, »warum nicht du, du Sau?« Eine allerletzte Frage, die - so ähnlich jedenfalls - auch große Denker auf der Suche nach den Regeln göttlicher Gerechtigkeit gestellt haben.

Die Grimmigkeit, die Todeswut von Haders Auftritten erinnert Kritiker oft an den toten Wiener Kabarett-Titan Helmut Qualtinger. Und vermutlich ist Hader, der den Helden seines Erfolgsprogramms von 1991, »Im Keller«, mit dem Vornamen Karl schmückte, tatsächlich eine Art illegitimer Großneffe des längst folkloristisch verklärten Idols.

In »Im Keller« faßt Hader seine Melancholie in die hellsichtige Satzfolge: »Es ist alles so enttäuschend. Die Kinder, die Liebe, die Akropolis. Das Leben verliert so dadurch, daß man es kennenlernt. Finden Sie nicht?«

Mittlerweile hat Hader längst ein neues Stück ausgeheckt; es heißt »Privat« und zeigt den Künstler ganz bei sich: Auf einem schäbigen Barhocker sitzend, gibt der Alleinunterhalter vor, die Geschichte seines Lebens zu erzählen.

Von seiner Geworfenheit in die Welt, seiner Ankunft im Irdischen an einem verschneiten Wintertag, berichtet er ("Es war a sehr schwierige Geburt, weil ich hab' im Mutterbauch drinnen schon so a kleine Hornbrilln g'habt und bin mit den Bügeln steckenblieben"), von seiner bäuerlichen Familie, in welcher der Vater ihn angeblich schon im Laufstallalter zum Künstlertum verdammen wollte - »Babba«, habe er da abgelehnt, »die sterben so früh. Mozart, Schwab, Horvath.«

Im Alter von drei Jahren habe er dann plötzlich Gefallen gefunden am Dasein, Konsequenz: »Wenn das Leben eh so schön ist, dann wart' ich mit dem Selbstmord eben bis zur Volksschul'.«

Immer aberwitziger werden die Anekdoten und Episoden, und mehr und mehr entlarvt sich der Erzähler als begnadeter Lügenbold. Mal geht es um sprechende Baumäste und Begegnungen mit dem Teufel, mal ums Onanieren, mal, auch das eine Hadersche Obsession, um Verstopfung und immer um die große Vergeblichkeit der menschlichen Existenz: »Menschen samma alle«, singt Hader zum E-Piano, »blinde Hendl, arme Hasln, und unter unseren Achselhöhlen riecht's wie aus leere Gurkenglasln.«

Derzeit treibt den Hader schon sein nächstes Projekt um. Wahrscheinlich wird's ein Filmdrehbuch, vielleicht auch bloß ein Kabarettabend, jedenfalls folgt das Ganze der Haderschen Reduktions-Devise: »Es gibt ja sehr viele Völker, die reden viel weniger. Die Indianer zum Beispiel, die sitzen tagelang vorm Zelt und halten die Pappn. Und nach drei Tagen sagen sie ein Wort, und das ist dann natürlich total wichtig.« Y

»Das Leben verliert dadurch, daß man es kennenlernt«

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