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Heinrich Böll über Carl Amery: "Fragen an Welt und Kirche" WARUM SO ZARTFÜHLEND?

Heinrich Böll, Kölner und Katholik, der in diesem Jahr 50 wird, ist Nachkriegs-Deutschlands international erfolgreichster Schriftsteller. -- Carl Amery, 45, Münchner und Katholik, schrieb Romane ("Die große deutsche Tour") und die vieldiskutierte Streitschrift »Die Kapitulation oder Deutscher Katholizismus heute« (SPIEGEL 19/1963).
aus DER SPIEGEL 21/1967

Ein letztes Mal »greife ich zur Feder«, um mich über Probleme des innerdeutschen Katholizismus zu äußern, und so erlaube ich mir einige Vorbemerkungen zur Einführung in die »Lage« und ins »Gelände«.

Vor einigen Jahren fragte der Vorsitzende eines katholischen Akademikerverbandes aus einer bayrischen Stadt mittlerer Größe bei uns an, ob es stimme, daß ich exkommuniziert sei, und wie wir, meine Frau und ich, dazu kämen, das Theaterstück eines Exkommunizierten (des Iren Brendan Behan) zu übersetzen.

Am liebsten hätte ich dem Burschen geantwortet, ich wünschte, ich sei wirklich exkommuniziert, aber was dann hätte geschehen können, mochte ich meinem Vater, der damals noch lebte, nicht zumuten. So rief ich mir nur den Wahlspruch ins Gedächtnis, den ich mir seinerzeit als »junger Autor« formuliert hatte: »Gefährliche Analphabeten sind nur die promovierten, am gefährlichsten die habilitierten.«

Diese Anekdote nur, damit jeder weiß, mit wem es ein Autor wie Amery zu tun hat, der sich kritisch und engagiert mit Problemen des innerdeutschen Katholizismus auseinandersetzt,

Natürlich weiß ich auch, daß ein Autor, der sich als Liberaler, als Protestant oder Marxist mit seiner jeweiligen innerdeutschen Mischpoke herumschlüge, es nicht besser hätte. Nur: der katholische Verein besitzt seiner Natur nach eine massive Geschlossenheit, er verfügt über eine massivmiese Massenpresse, die bis in die bischöflichen Ordinariate, bis ins Bundespräsidialamt hinein auf Schulterklopfen, auf Orden, auf jede Unterstützung rechnen darf.

In seinem Durchschnitts-»Organ« ist der deutsche Katholizismus mies bis dreckig, in seinen Methoden dumm bis dreist. Die Herren Bischöfe waschen da immer ihre ohnehin schon blütenweißen Hände in Unschuld. Jawoll, Gräfin, die haben drei Weißmacher drin, und ganz gewiß, Durchlaucht, die machen diese Scheißblättchen nicht. (Nein, ich meine ja gar nicht »in die Hosen«, ich flehe Sie an, lassen Sie doch bitte Ihren durchlauchtigsten Hörapparat richten!) Kürzer gesagt, der ganze miese Verein ist von oben bis unten feudalistisch eingestellt, und ich meine eingestellt im Sinne eines funktionierenden Waschautomaten.

Amery aber hat eine schreckliche Eigenschaft: er ist Demokrat. Der Löwenstein war aus der Niere des deutschen Katholizismus nicht herauszukriegen, obwohl, was er 1967 in einer Presseerklärung von sich gab, noch dümmer war als das, was er in der Nazizeit als Unitarier von sich gegeben hatte. So blieben sie also beide, der Löwenstein und der Waltermann. Der erstere, weil er das Glück hat, ein Fürst zu sein (das ZK deutscher Katholiken ist also offensichtlich eine Erbdynastie), der zweite, weil er das Glück hatte, »Publicity« (und sogar gute) zu bekommen, was ja in unserer elenden Demokratie einer Art Freiherrentitel gleichkommt. Da blieb dann auch der protestantische Edelmann demokratisch*.

Der »Bayern-Kurier« fand neulich gewisse politische Anschauungen des Papstes töricht, und da schrie kein Prälätchen Klausener weh und ach. Welchen Trost doch der »Bayern-Kurier« zu spenden vermag: es gibt also tatsächlich törichte Päpste, besonders solche, die zu häufig das Wort Frieden gebrauchen.

Soviel zur allgemeinen Lage. Zur Lage des Rezensenten einen Satz: als Autor interessieren mich innerdeutsche katholische Probleme nicht mehr. mich interessieren sie nur noch als r. k. Kirchensteuerzahler, der wahrscheinlich auf dem Umweg übers Finanzamt ein paar katholische Massenblättchen und das ZK mitfinanziert.

Und nun zur Sache. Amery steigt also wieder in den Weinberg des Herrn, um im Schweiße seines Angesichts jene trockene Erde aufzuwühlen, die seit Carl Muths« des »Hochland« -Herausgebers, Zeiten schon so oft aufgewühlt worden ist, auf daß sie fruchtbarer werde, sich mit Sauerstoff durchsetze und auf daß der Wein, den sie hervorbringt, nicht auf ewig so säuerlich bleibe.

Was ich finde: einen wie den Amery haben die gar nicht verdient, und einen Besseren könnten sie gar nicht finden. Er ist fair, sachlich, engagiert, und wenn er sich hin und wieder einen hübschen Scherz erlaubt, dann nur einen, der den objektiven Charakter eines Zitats hat; etwa, indem er die Tatsache anführt, Rationalisierungsexperten hätten die »Betriebsführung« der katholischen Kirche in Rom als vorbildlich auf den zweiten Platz gleich hinter die der »Standard Oil« eingestuft.

Ich finde Amery zu fair. Nach soviel miesen und verlogenen Beschimpfungen, wie er sie anläßlich eines so ruhigen und sachlichen Buches wie der »Kapitulation« erfuhr, hätte er sich getrost ein paar »Emotionen« (die er

warum eigentlich? -- nicht zu mögen scheint) erlauben und einmal, zweimal, dreimal nicht den (armen)

* Böll spielt hier auf den WDR-Intendanten und Protestanten Klaus von Bismarck

an, dessen katholischer Kirchenfunk-Redakteur Leo Waltermann dem Präsidenten des »Zentralkomitees der deutschen Katholiken« Karl Fürst zu Löwenstein, wegen dessen verhalten unter dem NS-Regime die »persönliche Qualifikation« für sein kirchliches Amt bestritten hatte (SPIEGEL 6/1967).

Katholiken, aber diesem absurd lächerlichen etablierten Katholizismus eins drüberhauen sollen.

Immer feste druff! Warum so zartfühlend? So schlimm, wie er nun wirklich ist, ist ja dieser etablierte Katholizismus erst nach 1945 geworden; so mies, wie er zwischen 1948 und 1966 war, war er nicht vor und nicht während der Nazizeit. Diese totale Verbürgerlichung hat"s ja früher nie gegeben, und selbst das berüchtigte »Milieu« hatte noch viele Ecken, in denen es zuverlässig war.

In seiner Rede vor der Humanistischen Union, die ich für das beste Kapitel des Buches halte, deutet Amery denn auch -- wiederum zu zart fühlend -- an, es wäre gut, wenn die Liberalen, die Protestanten, die Sozialisten jeweils für ihre Gruppe eine Mischpoke-Reinigung vornähmen. Es wäre wirklich hübsch, wenn Rowohlt die »Kapitulationen« II-X in Auftrag gäbe. Es war ja nicht das »katholische Volk«, das den Nazismus stützte; im Gegenteil: es läßt sich nachweisen, daß gerade die verrufenen »geschlossen katholischen« Landschaften am längsten, manche bis zuletzt, widerstanden. Es waren die Herren Hirten und Oberhirten, die den Verrat begingen.

Die große, die übergroße Schuld der Katholiken fängt erst nach 1948 an, wo auch die zweite Anpassung, der zweite Verrat der Oberhirten begann. Der Überlegung, ob es nach 1967 besser oder noch mieser werden könnte, gelten, wenn ich recht verstanden habe, Amerys »Fragen an Welt und Kirche«, und er fragt beide, Welt und Kirche, als Katholik. Er entdeckt das »Emotionelle« (ich würde ohne Zögern sagen: das Metaphysische) am Marxismus, schlägt der Kirche vor, dort anzuknüpfen und nicht beim reinen Materialismus der kapitalistischen Wirtschaftsphilosophie.

Er entdeckt die Gefahren, die den deutschen r. k. Kirchensteuerzahlern drohen, wenn die »bischöfliche Kollegialität« Wirklichkeit und die Entlassung aus dem »römischen Zentralismus« erfolgen würde, indem er die Frage stellt, in welche bischöflichen Hände wir dann wohl fielen; vielleicht würde der Hahn dann zum drittenmal krähen.

Immerhin erklären sich in Spanien Bischöfe und Studenten mit den Arbeitern solidarisch. In Deutschland ist derlei undenkbar, und sogar die Kohlekrise, eine ernste Sache, veranlaßt einen renommierten deutschen Bischof festzustellen, an ihr sei niemand schuld.

Wovor dem Carl Amery bange wird: er weiß wohl, daß sich in Deutschland alles »zackig« gebärdet ("zackig« war auch eins der Lieblingsworte der katholischen Jugendbewegten in den zwanziger und dreißiger Jahren); ihm wird angst vor den roboterhaften Bilder- und Glaubensstürmern, den flinken liturgischen Turnlehrern, den ölig

Auf dem Katholikentag 1966 In Bamberg mit Erzbischof Schneider und Kardinal Döpfner.

lächelnden fortschrittlichen Schulterklopfern, die stolz drauf sind, plötzlich entdeckt zu haben, was die Menschheit seit ihrem Bestehen schon in sich hatte, den SEX; die bereit wären, »konkret« zur Kirchenzeitung für das Erzbistum Paderborn zu machen, und die vorgestern noch bereit waren, Amery seiner »Kapitulation« wegen »Hordenkeile« verabreichen zu lassen.

Was Amery mit Recht fürchtet: daß der Terror nur das Vehikel wechselt und daß »Welt und Kirche«, an die er seine Fragen stellt, sich nur allzugut verstehen werden. Die Warnungen seiner zwölf Essays sind die eines wahrhaften (fast hätte ich gesagt: Israeliten) Freien, der fürchtet, daß Welt und Kirche ihre Freiheiten koordinieren und funktionalisieren und daß dann die Falle zuschlägt.

Was ich finde: Amery ist als Autor zu schade für den deutschen Katholizismus. Er sollte wieder Romane schreiben, sich jenem Gegenstand zuwenden, dem der zweitbeste seiner Essays gilt: dem fehlenden deutschen Kriminalroman. In der politischen Stimmung der »großen Promiskuität« ließe sich Stoff genug finden, und »angesiedelt« werden könnte solch ein Stoff gut in jenem »Milieu«, das Amery so gut kennt, im katholischen, das ohnehin auf der ganzen Welt kriminalträchtiger ist als jedes andere.

Dann hätten die deutschen Katholiken genau die Literatur, nach der sie begehren: den katholischen deutschen Kriminalroman. Vorgeschlagener Stoff: katholisches Massenblatt denunziert Arzt oder Anwalt; der Denunzierte klagt, gewinnt, bekommt 200 000 Mark Schadenersatz zugesprochen. Wie wird er daran gehindert, den Schadenersatz anzunehmen? Durch katholische Erpressung? Der Stoff könnte mitten in einem bischöflichen Ordinariat ansetzen.

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