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»Warum soll Musik immer nur gelehrt sein?«

aus DER SPIEGEL 52/1971

SPIEGEL: Herr Richter, Sie haben soeben zum erstenmal in der Bundesrepublik Konzerte gegeben. Warum haben Sie bisher einen Bogen um dieses Land gemacht?

RICHTER: Das war eine Frage der Organisation.

SPIEGEL: Vielleicht auch eine Frage des fehlenden Kulturabkommens zwischen der Sowjet-Union und der Bundesrepublik?

RICHTER: Der Geiger Oistrach und der Cellist Rostropowitsch haben ja auch hier gespielt.

SPIEGEL: Sie waren oft zu privatem Besuch in der Bundesrepublik. Ihre Mutter lebte in der Nähe von Stuttgart. Haben Sie nie daran gedacht, bei diesen Gelegenheiten das eine oder andere Konzert hier zu geben?

RICHTER: Wissen Sie, ich denke niemals darüber nach, wo ich spiele, immer nur, was ich spiele. Tourneepläne sind nicht meine Sache. Ich hasse es, von Plänen festgelegt zu sein. Ich weiß, ich bin ein bißchen kompliziert; am liebsten wäre es mir, wenn ich einfach sagen könnte, morgen um zwölf Uhr spiele ich beispielsweise in Bonn; einfach weil ich dazu Lust habe. Diese ganze Vorausplanung, auf Jahre hinaus genau zu wissen, wo man aufzutreten hat, macht mich, ich gestehe es gern, ein wenig gleichgültig. Dazu kommt ja noch, daß ich nicht fliege, sondern mit der Eisenbahn von Konzert zu Konzert fahre. Und das heißt, daß ich eben weniger Konzerte gebe als andere Künstler. In diesem Jahr sind es 44, aber ich habe auch schon 120 im Jahr gespielt.

SPIEGEL: Daß das Konzertpublikum der Bundesrepublik so lange auf Ihr Debüt warten mußte, daran waren also lediglich Ihre Gleichgültigkeit und die Organisationsprobleme schuld?

RICHTER: Es ist wirklich so. Aber ich bin nun doch froh, daß ich hier gespielt habe; das Publikum ist wirklich wunderbar ...

SPIEGEL: ... und außerdem haben Sie ja auch gewisse Verbindungen zu Deutschland.

RICHTER: Ja, aber das ist ja alles nicht relevant.

SPIEGEL: Nun, vielleicht doch. wenn man an Ihre Vorliebe für den deutschesten aller deutschen Komponisten denkt. Es stimmt doch, daß Sie für Wagner schwärmen?

RICHTER: Ja, Wagner ist für mich mehr als Musik. Seine Werke sind Naturwunder. Mir fehlen dafür die Worte.

* Mit Felix Schmidt

Ich kann Ihnen einfach nicht erklären, warum man eine Gänsehaut bekommt an Stellen, die, als reine Musik genommen, eigentlich nicht viel sagen, aber bei Wagner eine ungeheure Bedeutung haben.

SPIEGEL: Es ist die Reizwirkung der Wagnerschen Musik.

RICHTER: Ja. Das Schwertthema aus den »Nibelungen« ist doch eigentlich recht primitiv, aber es wirkt im Kontext wie eine Hypnose. Ich glaube, Wagner hat vieles von seiner Musik der Natur abgelauscht. Es ist keine ausgedachte Musik, seine Inspiration ist einzigartig.

SPIEGEL: Sie haben ja auch gelegentlich schon dirigiert. Würden Sie eine Wagner-Oper dirigieren?

RICHTER: Nicht nur dirigieren, sondern auch inszenieren, vor allem »Tristan und Isolde«. Aber ich werde wohl nie dazu kommen, weil man das sehr ernst und sehr ehrlich machen müßte, und dazu finde ich ja kaum Zeit. Ich muß viel Klavier üben, um in Form zu bleiben. Dann habe ich da noch einen anderen Plan, den ich jetzt unbedingt verwirklichen will. Ich will mein ganzes Repertoire auf Schallplatten aufnehmen.

SPIEGEL: Wie groß ist Ihr Repertoire?

RICHTER: Ich habe nicht Buch darüber geführt.

SPIEGEL: Wie viele Konzerte für Klavier und Orchester spielen Sie?

RICHTER: 40.

SPIEGEL: Und wie viele Recitals?

RICHTER: Ich könnte ebenfalls 40 Abende spielen.

SPIEGEL: Sie beabsichtigen also eine Art Richter-Dokumentation auf Schallplatten, obwohl Sie eigentlich sehr unglücklich sind, wenn Sie Schallplatten machen. Das jedenfalls haben Sie einmal gesagt.

RICHTER: Das stimmt. Es fällt mir sehr schwer, Schallplatten aufzunehmen, ich bin nie in der rechten Stimmung. Im Grunde gibt es nur eine einzige Platte, die ich aufgenommen habe, mit der ich auch einverstanden bin: die Liszt-Konzerte mit dem Londoner Symphonie-Orchester und dem Dirigenten Kirill Kondraschin.

SPIEGEL: Fühlen Sie sich bei Ihren Plattenaufnahmen dadurch, daß Sie an eine bestimmte Firma gebunden sind, nicht beengt?

RICHTER: Ich bin nicht gebunden.

SPIEGEL: Nicht gebunden? Sie sind der sowjetischen »Melodia« verbunden, die ihrerseits einen Vertrag mit der deutschen »Eurodisc« hat.

RICHTER: Was interessiert das schon einen Künstler!

SPIEGEL: Wie viele Platten soll Ihre Dokumentation umfassen?

RICHTER: Etwa 50. Aber in Salzburg, wo ich sehr oft die Aufnahmen mache, habe ich die Möglichkeit, über einen längeren Zeitpunkt zu arbeiten. Das heißt, ich kann sagen: »Jetzt will ich Aufnahmen machen.« Ich bin nicht so sehr an Termine gebunden. Schwierigkeiten machten vor allem Klavierkonzerte, weil ich -- aus vertraglichen Gründen -- nicht immer mit den Dirigenten zusammenarbeiten kann, mit denen ich gern möchte.

SPIEGEL: Mit welchem Dirigenten spielen Sie am liebsten?

RICHTER: Ich habe keine Vorlieben. In letzter Zeit arbeite ich viel mit dem jungen italienischen Dirigenten Riccardo Muti zusammen. Nun ja, eine Zeitlang habe ich auch viel mit Lorin Maazel gespielt. Und dann natürlich mit dem sowjetischen Dirigenten Jewgenij Mrawinski, er ist unser Bester.

SPIEGEL: Mit Karajan kommen Sie nicht so gut hin, wie man dem Tripelkonzert van Beethoven anhört?

RICHTER: ich verehre diesen Dirigenten. Er ist gewiß der stärkste von allen. Aber beim Tripelkonzert waren ja noch zwei andere Solisten dabei: Oistrach und Rostropowitsch, und das alles zusammen, das ist nicht gut. Daß es beim Tripelkonzert vielleicht gewisse Diskrepanzen gibt, liegt wohl in erster Linie daran, daß wir sofort eine Aufnahme gemacht haben, ohne immer wieder zu versuchen, besser zu spielen. Wir hatten kaum Gelegenheit zur Selbstkritik, und das ist absolut unnatürlich.

SPIEGEL: Stimmt es, daß Sie in Deutschland bald Ihr Debüt als Dirigent geben? Sie sind eingeladen worden, die Berliner Philharmoniker zu dirigieren.

RICHTER: Das ist noch unsicher. Das wäre zu leichtsinnig, jetzt darüber zu sprechen.

SPIEGEL: Würden Sie es gern tun?

RICHTER: Wenn ich Zeit habe, ja.

SPIEGEL: Was wollen Sie dirigieren?

RICHTER: Es gibt so viele Werke, die ich liebe.

SPIEGEL: Können Sie nicht präzisieren?

RICHTER: Die »Sinfonia domestica« von Richard Strauss.

SPIEGEL: Strauss -- ist das auch so eine Vorliebe von Ihnen? Kommt er vielleicht sogar gleich nach Wagner?

RICHTER: Nein, vieles liegt mir nicht. Aber die »Sinfonia domestica« liebe ich. Meine Vorliebe teile ich unter drei Komponisten auf: Wagner, Chopin, Debussy. Alle drei passen irgendwie in keinen Rahmen, sie sind was ganz Besonderes, ganz individuell, sie haben keine Tradition. Aber ich nenne nur drei Lieblingskomponisten: das bedeutet jedoch keine Zurücksetzung von anderen großen Komponisten.

SPIEGEL: Vergessen Sie nicht einen zeitgenössischen Komponisten, den Sie ganz offensichtlich favorisieren: Benjamin Britten? Wie ist das zu erklären?

RICHTER: Seine Musik gefällt mir eben.

SPIEGEL: Sie haben auch gerade sein Klavierkonzert aufgenommen?

RICHTER: Ja, ich hab's gern. Großer Charme. Ich finde, auch in der Oper hat er so viel Interessantes gemacht. Er ist wirklich ein großer Komponist. Ich hege eine verehrende Bewunderung für ihn.

SPIEGEL: Es hat ja wohl keinen Sinn, Sie vom Gegenteil überzeugen zu wollen.

RICHTER: Man sagt von Britten, daß er so akademisch sei. Das ist abso-

* Bei Proben zu Beethovens Tripelkonzert in Berlin.

lut falsch, ganz im Gegenteil, seine Musik hat Charme. Ich weiß, was ich jetzt sage, ist nicht à la mode. Aber nehmen Sie mal sein Klavierkonzert, das ich im Repertoire habe. Es ist ein sehr jugendliches Werk. Aber es gefällt mir, weil es Charme hat, weit es Freude bringt, mich in gute Stimmung versetzt. Warum soll Musik denn immer nur gelehrt sein, warum? Vieles in der Musik ist schön, aber es gibt Schönheit auf verschiedenen Ebenen.

SPIEGEL: Herr Richter, Sie gelten als traditioneller Virtuose ...

RICHTER: ... das ist keine sehr freundliche Meinung, die Sie da äußern ...

SPIEGEL: ... haben Sie Zugang zu experimenteller Musik? Könnten Sie sich vorstellen, daß auch Sie eines Tages die Klavierstücke von Stockhausen spielen?

RICHTER: Ja, ich könnte es mir vorstellen. Leider aber habe ich das noch nicht gemacht.

SPIEGEL: Warum nicht?

RICHTER: Das alte Problem, keine Zeit. Und manchmal will man ja außer Musik auch noch etwas anderes tun. Ich bin ganz aufrichtig. Ich liebe eine Sache noch mehr als die Musik -- das Leben.

SPIEGEL: Gibt es eigentlich in der Sowjet-Union junge Komponisten, die für Sie komponieren?

RICHTER: Prokofjew hat mir, wie Sie wissen, einiges gewidmet. Er ist immer noch der jüngste.

SPIEGEL: Und seither ist nichts mehr für Sie geschrieben worden?

RICHTER: Nein. Für mich gibt es nur noch einen Komponisten, Schostakowitsch. Es gibt natürlich noch andere, viele sogar. Vielleicht zu viele.

SPIEGEL: Haben Sie darunter keine Talente entdeckt?

RICHTER: Ich habe kaum Kontakte zu Komponisten, denn das ist gefährlich. Dann bekommt man gleich Berge von Noten, die man begutachten soll. Ich habe ganze Koffer voll davon. Aber einmal habe ich mir gesagt, nein, das geht nicht mehr. Ich will nicht meine ganze Zeit dafür opfern, diese Partituren zu studieren. Ich weiß, das ist menschlich ganz schrecklich, ganz egoistisch. Aber irgendwo muß der Selbstschutz anfangen.

SPIEGEL: Zu den Instrumentalisten aber haben Sie bessere Verbindungen ...

RICHTER: ... eigentlich nicht ..

SPIEGEL: Aber Sie fördern beispielsweise einen jungen russischen Geiger namens Kagan.

RICHTER: Ja, der ist sehr gut.

SPIEGEL: Ein anderer sowjetischer Instrumentalist, der Cellist Rostropowitsch, hatte kürzlich eine Zeitlang nicht die Möglichkeit, die Sowjet-Union zu verlassen. Er hatte sich in einem offenen Brief für den Schriftsteller Solschenizyn eingesetzt.

RICHTER: Ich kenne diesen Fall nicht so gut, um darüber sprechen zu können.

SPIEGEL: Herr Richter, Sie können spielen, wo Sie wollen?

RICHTER: In China nicht.

SPIEGEL: Sie haben aber schon in China gespielt.

RICHTER: Ja. Im Jahre 1957.

SPIEGEL: Müssen Sie eine bestimmte Anzahl von Konzerten in der Sowjet-Union absolvieren?

RICHTER: Eigentlich nicht. Je mehr ich jedoch zu Hause spiele, um so besser.

SPIEGEL: Aber bald werden Sie die Sowjet-Union für längere Zeit zu einer musikalischen Weltreise verlassen.

RICHTER: Das ist ein Plan, und eigentlich noch geheim. Wo haben Sie es her?

SPIEGEL: Können Sie schon etwas Näheres darüber sagen? Wie lange soll die Reise dauern?

RICHTER: Das ist ein sehr großes Projekt, eine Reise, wie sie ein Künstler eigentlich nicht oft machen kann. Es soll ja nicht eine Konzertreise im eigentlichen Sinn werden, sondern eine Reise, die verbunden ist mit dem Besuch der wichtigsten Kulturstätten in den einzelnen Kontinenten und dem Studium auch abseitiger Kulturen.

SPIEGEL: Herr Richter, vielen Dank für dieses Gespräch.

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