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PHILOSOPHIE / TOD Was ist das für ein Schlaf?

aus DER SPIEGEL 48/1967

Der Mond sagte es der Laus, die Laus dem Hasen und der den Menschen. Doch verdrehte der Hase, aus Torheit oder Tücke, die Botschaft des Mondes in ihr Gegenteil. Statt den Menschen das ewige Leben zu verkünden, überbrachte er ihnen die Nachricht vom Tod ohne Wiederkehr. Der Mond schlug ihm dafür auf das Maul. Seither ist des Hasen Lippe gespalten.

Gleich den Nama-Hottentotten halten bis auf den heutigen Tag die meisten Menschen und die meisten Philosophen die Kunde vom Untergang im Tod für Bosheit oder Irrtum und manche gar, wie einst Dante, für niedrig und gefährlich.

Erstmals hat jetzt ein Gelehrter, ein Philosophie-Professor in Los Angeles namens Jacques Choron, gesammelt, was die Großen unter den abendländischen Philosophen -- von Heraklit und Parmenides (6. Jahrhundert vor Christus) bis zu Jaspers und Heidegger -- über den Tod gedacht haben*.

Eine seiner überraschenden Beobachtungen: Der Tod mußte von der Menschheit »buchstäblich entdeckt werden«.

Ebenso wie der heutige Mensch erst zwischen seinem achten und zehnten Lebensjahr erkennen lernt, daß der Tod unvermeidlich und nicht »umkehrbar« ist, mußte das auch die frühe Menschheit.

Das älteste Dokument menschlicher Angst vor dem Rätsel des Todes ent-

* Jacques Choron: »Der Tod im abendländischen Denken«. Ernst Klett Verlag, Stuttgart; 336 Seiten; 28 Mark.

stammt dem dritten Jahrtausend vor Christus. Es ist das sumerische Gilgamesch-Epos. An der Leiche seines Freundes Engidu stellt sich der Held die verzweifelte Frage der Menschen von damals und heute: »Was ist das nun für ein Schlaf, der dich gepackt hat?«, und gesteht: »Todesfurcht überkam mich.«

Das Ableben eines Freundes oder Verwandten ist zu allen Zeiten ein Anstoß für Gedanken über den Tod gewesen.

Aristoteles befaßte sich mit dem Nachher, als sein Freund Hermeias in der Haft des Perserkönigs Artaxerxes III. grausam gemordet worden war. Der Geist, so meinte er, sei der göttliche Teil des Menschen, und der sei unsterblich.

Michel de Montaigne, der französische Skeptiker des 16. Jahrhunderts, änderte seine Auffassung vom Tode, als seine kleinen Töchter plötzlich hingerafft wurden.

Hatte er bis dahin gemeint: Wer die Menschen das Sterben lehre, der lehre sie auch das Leben, so gelangte er nun zu der Auffassung, »Stumpfheit« gegen die »traurigen Zufälle der Zukunft« sei besser als Nachdenken über das Bevorstehende: »Wenn dem also so ist, nun beim Himmel, so laßt uns künftig eine Schule der Dummheit errichten!«

»Sich dumm zu machen«, empfahl auch der fromme Mathematiker des 17. Jahrhunderts Blaise Pascal -- er aber, weil er meinte, nur die »raison du coeur« sei die Quelle des Vertrauens auf ein ewiges Leben. Das Leben selbst war ihm verdächtig: »Im letzten Akt fließt Blut.«

Friedrich Nietzsche hingegen glaubte an die »ewige Wiederkunft": »Alles geht, alles kommt zurück; ewig rollt das Rad des Seins.« Doch seine Freundin Lou Andreas-Salomé berichtete, daß er »nur mit leiser Stimme und mit allen Zeichen des Entsetzens« vom Tode gesprochen habe.

Das »Schaudern vor dem Gedanken des Nichtseins« (Karl Jaspers) entsetzte auch den Engländer Thomas Hobbes, den kirchentreuen Materialisten (1588 bis 1679). »Ich tue einen schrecklichen Sprung ins Dunkel«, waren seine letzten Worte.

Zwei Motive vor allem haben -- laut Jacques Choron -- die Menschheit immer wieder dazu bewogen, über den Tod nachzudenken:

> die Todesfurcht und

> die Vorstellung, »unser kurzer Aufenthalt auf Erden sei ein sinnloser Witz«.

Denker vieler Epochen versuchten der Todesfurcht Herr zu werden, indem sie auf ein besseres Jenseits hofften. Die Orphiker, in deren Mysterienkult auch der Mathematiker Pythagoras (572 bis 497 vor Christus) eingeweiht war, malten sich die Elysischen Gefilde als »blumenübersäte, sonnenglänzende Wiesen, erfüllt von Gesang und Tanz« aus.

Heinrich von Kleist schrieb in einem Abschiedsbrief, ehe er mit Henriette Vogel 1811 Selbstmord beging: »Wir unsererseits ... träumen lauter himmlische Fluren und Sonnen, in deren Schimmer wir, mit langen Flügeln an den Schultern, umherwandeln werden.«

Paulus verkündete die Auferstehung des Leibes. Er wurde zwar dafür von den spöttischen Athenern ausgelacht, doch die vom Zerfall der Polis und dem Pessimismus der natürlichen Religion niedergedrückten antiken Menschen nahmen die Kunde mit Begierde auf -- besonders die Sklaven in Hellas und Rom.

Viele bewegte dabei die Hoffnung auf eine ausgleichende Gerechtigkeit. Schon Sophokles hatte im fünften Jahrhundert vor Christus seine Antigone fragen lassen: »Wer, wie ich, viel lebt mit Übeln, bekommt doch wohl im Tode ein wenig Vorteil?«

Auf die Frage, ob alle Menschen oder nur die im Stande der Gnade auferstehen würden, gab erst das Vierte Lateran-Konzil, rund 1200 Jahre nach Paulus, eine dogmatische Antwort: »Alle Menschen werden mit ihren Körpern, die sie jetzt mit sich herumtragen, auferstehen« -- eine Aussicht freilich, die der von einer Rückgratverkrümmung heimgesuchte, knapp 1,57 Meter große Immanuel Kant keineswegs anziehend fand: »Denn wem ist wohl sein Körper so lieb, daß er ihn gern in Ewigkeit mit sich schleppen möchte?«

Daß die Aussicht auf fleischliches Auferstehen nicht nur Freude und Zuversicht hervorbrachte, erwies sich gegen Ende des Mittelalters. Gemahnt von den Bettelmönchen, stets des Jüngsten Gerichts und dessen fürchterlicher Strafen eingedenk zu sein, stürzte sich Europa damals in einen wahren Taumel der Todesangst. Zahllose Predigten und Bilder schreckten die Gläubigen, Könige und Bauern, mit Totengebein und verwesendem Fleisch, mit Sensenmann, Teufel und Fegefeuer.

Erst der Rationalismus befreite Europa von der Düsternis der »Totentänze« -- freilich nun oft seinerseits in utopische Vorstellungen stürzend.

René Descartes (1596 bis 1650), der Vater des europäischen Rationalismus, glaubte eine Zeitlang allen Ernstes, das Leben der Menschen durch Vernunft um Jahrhunderte verlängern zu können -- womit er sich freilich den Spott seiner Freundin, der Königin Christina von Schweden, zuzog, als er in ihrer Hauptstadt unerwartet starb.

Mit der Rationalisierung des Lebens, die mit Descartes begann, habe, so vermutete der Engländer F. D' Albe 1908, der moderne Mensch den Tod schließlich zu einer Sache der Versicherungspolice degradiert. »Der Tod ist praktisch tot«, urteilte er. Doch spricht vieles dagegen, daß dem so ist.

Zwei Drittel aller Bundesdeutschen über 16 Jahre, so behauptete jüngst das demoskopische Institut Allensbach, denken oft oder doch gelegentlich über den Tod nach.

Cocteau läßt in seinem Film »Orphée« lederbekleidete Todesengel auf Motorrädern durch Paris fahren.

Auch haben moderne Philosophen -- wie Jaspers, Heidegger, Sartre und Marcel -- Todesgedanken des 19. Jahrhunderts wiederaufgegriffen.

Materialisten und Irrationalisten hatten damals den Tod als Rückkehr in den allumfassenden Prozeß der Natur verstanden. So dichtete Ludwig Feuerbach, der Lehrer Karl Marxens: Es zieht mich In das Nichts hinunter Als neuen Lebens Feuerzunder.

Das Sterben begriff Feuerbach als eine Reinigung vom Einzeldasein durch Angst.

Erst laß vom Tode Dich erschüttern. Von seinen Schrecken Dich durchzittern« Dann kommt von selbst in Dein Gedärme Des Lebensfriedens linde Warme.

Der Pessimist Arthur Schopenhauer sah zwar einerseits den Tod als eine »Strafe für unser Daseyn« an ("Wir sind im Grunde etwas, das nicht seyn sollte"), doch andererseits auch als Heimkehr in den »Willen« als Wesen der Welt.

Der andere große Tod-Bedenker des 19. Jahrhunderts, der dänische Christ Sören Kierkegaard, sah hingegen im Tod den Beginn des Gerichts und in der Verzweiflung des sündigen Menschen eine heilsame »Krankheit zum Tode": »Wer gelernt hat, sich recht zu ängstigen, hat das Höchste gelernt.«

Zwar verzichtete in der Gegenwart Martin Heidegger auf das Jüngste Gericht des Christen Kierkegaard, doch nannte auch er das Dasein des Menschen ein »Sein zum Tode«.

Im »Vorlaufen zum Tode«, so lehrte er, wird der Mensch er selbst und frei und überwindet seine Verfallenheit an das Alltägliche.

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